Musik

Bei einem Sofakonzert lädt man Künstler zu sich nach Hause ein – das bringt viele Vorteile

Der deutsche Singer/Songwriter Matteo Capreoli spielt hier bei einem Sofakonzert für ausgesuchte Ohren.

Der deutsche Singer/Songwriter Matteo Capreoli spielt hier bei einem Sofakonzert für ausgesuchte Ohren.

Dienstagabend in einem beschaulichen Wohnquartier am Rande Zürichs. Hier leben Sonja und Peter. In ihrem Wohnzimmer richtet sich gerade Silas ein: Der Künstler verkabelt seine akustische Gitarre, stellt den Looper an den richtigen Ort und testet das kleine Autotune-Gerät. Silas freut sich, hier zu sein: Für aufstrebende Künstler wie ihn, die sich profilieren wollen, ist der Anlass optimal.

Das Wohnzimmer ist zur Küche hin offen, dort brodeln Spaghetti im Kochtopf. Zu ihrem ersten Sofakonzert haben Peter und Sonja Freunde und Familie eingeladen. Als Eltern eines 11-jährigen Knaben und 12-jährigen Mädchens finden die beiden die Idee toll, für Konzerte nicht immer ausgehen zu müssen. Über die Plattform Sofaconcerts.org buchten sie den Singer/Songwriter. Dafür haben sie ihr Wohnzimmer in eine kleine Bühne mit Sitzgelegenheiten für rund 20 Leute umfunktioniert.

Je nach Bedürfnis der Gastgeber finden die Konzerte im privaten oder öffentlichen Rahmen statt, Sonja und Peter haben sich für eine Mischform entschieden. Peter sagt: «Wir haben einfach so viele Gäste eingeladen, wie ins Wohnzimmer passen.» Vier Plätze haben sie dann noch auf der Website ausgeschrieben, wo sich Interessierte melden konnten.

Zuwachs in der Schweiz

Die Idee für die Online-Plattform wurde an einem Wohnzimmerkonzert in einer Hamburger WG geboren. Mittlerweile wird die Plattform in allen grossen deutschen Städten genutzt, und auch hierzulande wächst der Bedarf. Das bestätigt Miriam Schütt, eine der Hamburger Gründerinnen: «Seit Ende letzten Jahres haben wir einen grossen Zuwachs an Schweizer Gastgebern verzeichnet.»

Im Garten vor dem Haus von Sonja und Peter spielen Mädchen und Jungs in unterschiedlichem Alter, zwei Väter schauen von einer Bank aus zu. Joel, der Country Manager von Sofaconcerts Schweiz, ist an diesem Abend ebenfalls hier. «Die sozialen Verhältnisse der Gastgeber sind durchmischt: Von WG-Partys bis hin zum Firmenanlass ist alles möglich», sagt er.

Die Plattform besteht seit 2014 – doch Sofakonzerte gab es schon vorher. Das wohl bekannteste erste Wohnzimmerkonzert der Schweiz fand 1993 in Urdorf ZH statt, und gespielt hat niemand Geringeres als Die Toten Hosen. Auf ihrer damaligen Tour haben «Die Hosen» so viele unterschiedliche Orte wie möglich bespielt, so eben auch das Wohnzimmer eines jungen Schweizer Punkrock-Fans.

Sozialer Grundgedanke

Es gibt verschiedene Websites, die als Vermittlungsplattformen agieren, darunter hostaconcert.ch und hauskonzerte.ch, die sich auf Pianomusik spezialisiert. Sogar Ländlerfans können sich über zeremoniemusik.ch eine «Stubete» organisieren. Darüber hinaus gibt es Privatpersonen, die Konzerte selbst organisieren und öffentlich zugänglich machen, darunter die Wohngemeinschaft «Sächsi» in Aarau oder der musikbegeisterte Richard Irminger, der sein Haus auf dem Zürichberg für Konzerte von Klassik bis Jazz zur Verfügung stellt. Und nebst Sofakonzerten gibt es auch Sofalesungen: Nach einer Idee des Basler Literaturhauses finden seit 2014 Lesungen von jungen Autoren in Privathaushalten statt.

Je nach Platzverhältnissen eignen sich sowohl One-Man-Shows als auch grössere Formationen für Sofakonzerte. «Singer/Songwriter wie Silas machen den grössten Teil von Künstlern auf der Plattform aus, aber auch etablierte Soul-Funk-Kombos oder ganze Reggaebands wurden schon vermittelt», sagt Joel. Auch Genres sind keine Grenzen gesetzt: Von Klassik bis Hip-Hop sei alles vertreten.

Bei Sofaconcerts.org fusst die Finanzierung auf einem sozialen Grundgedanken: Um zu verhindern, dass die Künstler auf ihren Spesen sitzenbleiben, gibt der Künstler auf der Website seine Mindestgage an. Nach dem Konzert kann der Hut herumgereicht werden, damit die Gastgeber ihre Ausgaben zum Teil oder ganz einholen können. Mehreinnahmen gehen an den Künstler. Die Plattform finanziert sich mit einer Kommission von 13 Prozent, die von der Gage der Künstler abgezogen wird.

Dem Künstler ganz nahe

Gastgeber Peter ist so oder so begeistert: «Der Auftritt von Silas war wunderbar. Wir haben das Konzert sehr genossen, und auch die Gäste schwärmen noch davon.» Denn: So nahe wie bei einem Sofakonzert kommt man dem Künstler sonst nicht. Joel sagt dazu: «Alles, was sonst zwischen Künstler und Publikum steht, wird abgebaut.» Obwohl er schon viele Konzerte dieser Art erlebt hat, sei jedes wieder anders: «Es passieren unerwartete Sachen, zum Beispiel, dass plötzlich das ganze Wohnzimmer mitsingt.» Und tatsächlich: Silas’ melodiöse Tenorstimme, sein bluesiges Gitarrenspiel und die mehrstimmigen Loops versprühen eine unerhörte Portion Soul. Da kommt die Lust zum Mitsingen von selbst. Als Silas die Gruppe dazu auffordert, singen alle mit – und es tönt erst noch gut.

Autor

Elisabeth König

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