Heute vor genau einem Jahr ist «Bart aber herzlich» von Bligg in der Schweizer Album-Hitparade auf Platz 1 eingestiegen. Niemand hielt es damals für möglich, dass das Album den Erfolg des Vorgängers «0816», in dem der Zürcher Musiker Hip-Hop mit Schweizer Volksmusik versöhnte, toppen würde. Doch das Unvorstellbare ist eingetroffen: Mit bisher 110000 verkauften Einheiten hat «Bart aber herzlich» den Vorgänger (100000, ohne Platin-Edition) bereits überholt – ein Ende ist nicht abzusehen. Und jetzt setzt Bligg mit «Brass aber herzlich» noch eins drauf: Am kommenden Freitag erscheint die Platin-Edition von «Bart aber herzlich» in der Brass-Version mit der grossartigen amerikanischen Youngblood Brass Band.

«Zuerst hatten wir etwas mit einem grossen Orchester geplant», erzählt Bligg, «weil das jetzt alle machen, haben wir davon abgesehen.» Die Brass-Version war insofern naheliegend, als schon im Original die dreiköpfige Bläser-Sektion eine wichtige Rolle eingenommen hatte. Auf «Brass aber herzlich» geht Bligg aber noch einen Schritt weiter und überlässt den Blechbläsern die Hauptrolle. Kein Blech! Mit der Youngblood Brass Band aus Madison (Wisconsin) hat Bligg eine der spannendsten Brass-Bands der USA gewinnen können.

Hochexplosive Band

Wie die meisten amerikanischen Brass-Bands bezieht sich auch die neunköpfige Truppe aus Madison auf den traditionellen Brass-Sound aus New Orleans. Doch vielleicht gerade weil sie aus dem Niemandsland stammt, ist sie offener gegenüber anderen Stilen wie Jazz und Hip-Hop als die meisten Brass-Band-Kollegen aus New Orleans. Zwei Trompeten, zwei Saxofone, Posaune, Bassklarinette, Sousafon und zwei Perkussionisten bilden das Soundgerüst dieser hochexplosiven Band. Das Herz ist der Sousafon-Virtuose Nat McIntosh, der nicht nur für die aberwitzigen Bass-Linien verantwortlich ist, sondern seinem imposanten Instrument auch Töne und Sounds entlockt, die man dem schwerfälligen Instrument kaum zutrauen würde.

Bligg betont: «Es war ein riskantes Abenteuer, als wir im Spätsommer nach Madison reisten, und wir waren schon etwas nervös. Wir kannten die Jungs ja nicht und wussten nicht, was sie mit unserer Musik anstellen würden.» Die Bedenken waren unbegründet. «Die Band war hoch motiviert», sagt Bligg. Dabei hätte es sich die Brass-Band leicht machen können: Mit wenig Aufwand hätte man die Original-Arrangements einfach brassmässig aufmotzen können. Mit dieser «Billig-Variante» wollten sich Bligg und die US-Bläser aber nicht zufriedengeben.

Komplexes Stimmengeflecht

«Bart aber herzlich» wurde in den Staaten neu interpretiert, aufgenommen und in weiten Teilen sogar neu erfunden. Die Youngblood Brass Band verwandelte die soliden, aber etwas braven und statischen Bläser-Sätze der Originale in ein spektakuläres, rhythmisch komplexes, polyfones Stimmengeflecht. So erinnert auf «Mit Paukä&Trompetä» nur noch der Refrain an das Original «Exklusiv Introview». Aus dem etwas tranigen Spiegel wird ein rhythmisch vertrackter Song mit Haken und Ösen. «Okay» beginnt als New Orleans Funeral March und entwickelt sich dann zum Reggae. «Annie Mae» sowie die Single «I’d Kill For You» lassen in der Brass-Version die Falco-Anleihen vergessen. Am besten kommen die Qualitäten der wilden Truppe aber in den Up-Tempo-Nummern «Romeo&Julia» und «Fahr Emol» zur Geltung. Ein ekstatisches Spektakel. Das grösste Highlight des Albums ist aber «Rendezvous»: Passend zum thematisierten Treffen mit dem Sensenmann beginnt der Song mit bedrohlichen dissonanten Harmonien, steigert sich dann im grandiosen Finale, im Showdown mit dem Tod, zur fulminanten New-Orleans-Kollektiv-Improvisation.

Nicht nur Arrangement und Charakter der Songs wurden geändert, angepasst hat Bligg auch rund ein Viertel seiner Lyrics. Oft nur Details und Gags wie in «Fahr Emal», wo plötzlich Kaspar E. Glättli auftaucht, der Polizist, der im Duett-Song «Au Poste» mit Kumpel Stress erfunden wurde. Textlich komplett überarbeitet hat Bligg «I’d Kill For You». Und «Rendezvous» hat ein anderes Ende: Der Sensenmann stirbt nicht, sondern verabschiedet sich bei Bligg mit einem «Mer gsend üs wider, bis zum nächschte Mal» …

Bligg ändert Kurs immer wieder

Nicht alles ist gelungen. In «Manhattan» und «Legändä&Heldä» etwa ist die unbändige Lust am Verändern zum Nullsummenspiel geworden. «Es war nicht unsere Absicht, das Original zu verbessern. Wir wollten nur eine andere musikalische Seite zeigen», sagt Bligg dazu. Doch wir pflichten Bligg bei, wenn er sagt: «Einige der Songs sind in der Brass-Version noch geiler geworden.» Mehr noch: «Brass aber herzlich» ist aus musikalischer Sicht das Beste, was Bligg bisher geboten hat.

Seit 2008 dominiert Bligg die Jahreshitparaden, ist der mit Abstand erfolgreichste Schweizer Musiker und verkauft in der Schweiz mehr Tonträger als alle anderen. Erstaunlich dabei: Er ändert den Kurs permanent, ändert sein Erfolgsrezept immer wieder. Bligg ruht nicht aus, bleibt nicht stehen, sondern bietet seinen Fans immer wieder Neues. Wie jetzt mit «Brass aber herzlich». «Es ist das teuerste Projekt, das ich je gemacht habe», stöhnt Bligg. Doch es hat sich gelohnt. Der Kerl hat es wieder geschafft: Wir sind verblüfft und angenehm überrascht.

Bligg Brass aber herzlich, De-luxe-Edition mit der Original-CD «Bart aber herzlich» und der DVD «Bart aber herzlich – der Film», Dokumentation über die Entstehung der beiden Produktionen, die Tour, Interviews. Universal, ab 11. November.

Tour mit der Youngblood Brass Band: 18.3.2012, Stadtsaal, Zofingen; 20.3., Pentorama, Amriswil; 21.3., Bierhübeli, Bern; 23.3., Volkshaus, Zürich.