Bligg, Sie geben am 8. Juli in Kestenholz Ihr einziges Konzert in diesem Jahr. Weshalb gerade am Festival St. Peter at Sunset?

Bligg: Wir haben schon überall gespielt. Ich kenne inzwischen alle Festivals und alle Veranstalter in der Deutschschweiz. Es gibt Festivals, die sind einfach kommerziell ausgerichtet. Es gibt aber zum Glück immer noch Festivals, die sehr familiär sind. Veranstalter, denen es um mehr geht als ums Geld. Wo viel Herzblut drinsteckt. So ein Festival ist St. Peter at Sunset. Solche Festivals unterstützen wir gern.

Was können wir erwarten? Noch einmal die Instinkt-Show von Bligg?

Nein, die Instinkt-Tour haben wir im letzten Jahr abgeschlossen und wollen sie in Kestenholz nicht einfach nochmals aufwärmen. Wir zeigen etwas, das es so noch nie gegeben hat: Eine 90-minütige Best-of-Show mit meinen grössten Hits, dazu zwei ältere Songs aus der Frühphase. Die Show in Kestenholz soll auch ein Querschnitt durch meine 20-jährige Karriere sein.

Keine Gäste?

Nein, mit dabei ist meine reguläre Band. Aber wir konnten den Abend mit den Festivalverantwortlichen mitgestalten und so spielen The Souls sowie Bastian Baker im Vorprogramm.

Bligg - Rosalie @ StPeter at Sunset, Kestenholz

Bligg präsentiert seinen Hit Rosalie am Festival St. Peter at Sunset in Kestenholz.

Mitte März kündigten Sie an, dass Sie eine einjährige Auszeit nehmen? Wie sieht dann ein Tag im Leben von Bligg aus, wenn er Pause macht?

Ich stehe um 5 Uhr auf.

Ach was!

Doch! (laut!) Ok, vielleicht halb sechs. Ich esse ordentlich Zmorge und mache dann Sport. Täglich ein bis zwei Stunden. Dann gehe ich um 9 Uhr in meine Agentur Dreamstar Entertainment, wo wir viel Büroarbeit erledigen, Pläne schmieden und Strategien entwickeln.

Soll das eine Auszeit sein?

Es ist nicht so, dass ich nur rumhänge. Es ist eine Auszeit von der Bühne. Sonst arbeite ich ganz normal, dazu habe ich ja ein Studio zu Hause. Ein Jahr lang am Strand liegen, das kann ich nicht. Ich würde vor Langeweile sterben. Zudem liegt das auch finanziell gar nicht drin.

Wie geht es Ihrem Privatleben?

Sehr gut. Endlich habe ich ein Privatleben. Ich bin nun 40 geworden, stehe seit 20 Jahren auf der Bühne. Der Zeitpunkt ist genau richtig. Ich höre viel andere Musik, lese Biografien anderer Künstler. Und vor allem nehme ich mir jetzt viel Zeit für meinen Buben.

Welche Rolle spielt Tiziana, die Mutter Ihres Sohnes Lio, in Ihrer Auszeit und wie ist Ihr Beziehungsstatus?

Wir haben es gut, mehr möchte ich dazu nicht sagen.

O. k., wie sind Sie als Vater?

Ich habe ein sehr kollegiales Verhältnis zu meinem Vater. So möchte ich es auch mit meinem Sohn haben. Ich habe aber schon auch meine strenge Seite.

Kollege Seven hat seinen wöchentlichen Papi-Tag. Und Bligg?

Jetzt, während der Auszeit, habe ich zwei bis drei Papi-Tage. Ich geniesse es. Und ja, es ist durchaus möglich, dass man Bligg zurzeit in einer Hüpfburg antrifft. Mein Kleiner bringt mich dazu, dass ich wieder mehr unter die Leute gehe und vor allem an Orte, die ich mir vor ein paar Jahren nie hätte vorstellen können. Auch trifft man mich vermehrt an Konzerten. Vor allem von jungen, aufstrebenden Musikern.

Wie ist denn die neue, aufstrebende Generation von Schweizer Musikern?

Die macht richtig Spass. Die Schweizer Szene ist ja ein richtiger Chlüngel, innerhalb dessen sich alles bewegt. Wer etwas erreichen will, muss dazugehören. Die neuen Möglichkeiten im Internet brechen diese Hierarchie auf und machen die jungen Musiker unabhängiger. Sie müssen nicht mehr zwingend den Weg durch diese althergebrachten Instanzen von Label, Radio, Presse und Fernsehen antreten. Es gibt andere Kanäle, um auf sich aufmerksam zu machen. Vieles kann man selber machen.

Trotzdem: Das Problem ist, dass man sie nur schlecht wahrnimmt.

Das stimmt, in den Top 50 der Schweizer Singles-Hitparade hat es praktisch keine Schweizer Songs mehr. Nicht, weil sie schlecht wären, sondern weil sie in den entscheidenden Playlists der Streaming-Portale wie Spotify gar nicht erscheinen. Schweizer Musik wird bei Spotify krass benachteiligt. Wie um Himmels willen soll man Schweizer Songs entdecken und streamen, wenn sie im Meer von Songs gar nicht auftauchen.

Und die Schweizer Radios?

Die spielen doch praktisch nur Songs, die in den Top 50 sind. Aber wie soll ein geiler neuer Schweizer Song in die Top 50 kommen, wenn man ihn in den Portalen gar nicht findet. Ein Teufelskreis. Der Handlungsbedarf ist gross und dringend.

Eine Auszeit bietet auch die Gelegenheit zurückzublicken. Was hätten Sie rückblickend anders gemacht?

Da gibt es unzählige kleine Details. Aber was war, das war. Ich bin als Musiker privilegiert, kann Menschen glücklich machen, bin überwältigt, was mir meine Fans zurückgeben. Ich bin nur dankbar und glücklich. Dieses Gefühl der Dankbarkeit empfinde ich sehr stark, in diesen Wochen und Monaten, wo ich tatsächlich oft auf mein bisheriges Leben zurückblicke.

Sie überdenken doch sicher die eigene Situation. Gibt es etwas, das Sie in Zukunft anders machen wollen. Nach 20 Jahren könnte ja auch sein, dass Sie die Nase vom Showbusiness gestrichen voll haben?

Dieses Gefühl kenne ich. Das kommt mir sicher einmal pro Woche. Denn eigentlich bin ich nicht einer, der sich gern exponiert. Den ganzen Trubel müsste ich nicht haben. Ich habe es gern ruhig.

Gäbe es denn Alternativen. Könnten Sie sich ein anderes Leben vorstellen?

Absolut. Ich liebe es, jungen Musikern Tipps zu geben. Die Produzentenrolle würde mich reizen, oder Labelboss. Ich kenne die Mechanismen im Business, ich würde gerne meine Erfahrung weitergeben. Oder ich sähe mich auch als Songschreiber und Texter für andere Musiker. Ich könnte ein Buch schreiben, oder ein Film-Drehbuch oder einen Film produzieren. Dann habe ich auch Ideen für ein Spielcenter für Kinder. An Ideen fehlt es mir sicher nicht.

Und wie geht es musikalisch weiter? Wird es den Musiker Bligg im März 2018 überhaupt noch geben?

Eine berechtigte Frage. Tatsächlich schaue ich mich nach Alternativen um. Strecke meine Fühler nach anderen Sachen aus. Aber ich gehe trotzdem davon aus, dass von Bligg musikalisch noch mal etwas kommen wird. Musik ist und bleibt meine Leidenschaft. Fussballtrainer werde ich sicher nicht.

Wie wärs mit Auswandern?

Ich reise gern. Liebe es, andere Kulturen kennen zu lernen. Aber ich bin so stark verankert in diesem Land, gerade wegen seiner Multikulturalität. Ich habe meine Leute hier, liebe das Essen. Nein, Auswandern, das kann ich mir dann doch nicht vorstellen. Uns geht es so gut hier. Die Schweiz ist ein Paradies.