Mitte Juni wurde mit der «Jukebox Basel» ein neues Proberaum-Zentrum im Herzen des Basler St. Johann-Quartiers eröffnet. Ein Zentrum, das dem Sharing-Trend entspricht: Teilen sich doch Bands insgesamt drei Übungsräume, die mit Equipment ausgestattet sind (die «bz» berichtete), hinzu kommt eine kleine Livebühne sowie ein Keller, der künftig für Konzerte genutzt werden könnte. Damit kommt einmal mehr Bewegung in die Basler Proberaumsituation, sind in den letzten zwölf Jahren doch mehrere neue Modelle und Zentren entstanden.

Angesichts dieser Dynamik stellt sich die Frage: Braucht es sie noch, die von der Lobby seit langer Zeit geforderten und geplanten Proberäume, für welche die Basler Politik einen Kredit in Höhe von 1,7 Millionen Franken gesprochen hat?
«Selbstverständlich», sagt Tobit Schäfer. Der Geschäftsleiter des RFV Basel und oberste Lobbyist der regionalen Popszene reagiert leicht gereizt, wenn man ihn fragt, ob die Realisierung von Proberäumen unter der neuen Kuppel noch zeitgemäss sei. Warum? «Weil ich noch kein stichhaltiges Argument dagegen gehört habe», sagt er. Was mit den Dutzenden neuen Räumen, die in den letzten zehn Jahren entstanden sind? «Die haben andere ersetzt, die verloren gegangen sind – und sie beleben den Markt. Die Nachfrage ist jedenfalls ungebrochen. Wir erhalten bereits jetzt viele Anfragen von Bands für die Kuppel-Proberäume», sagt Schäfer.

Altes Anliegen des RFV Basel

Die Nachfrage sei noch immer da – allerdings liegt die letzte umfassende Analyse zehn Jahre zurück. Schäfer glaubt weiterhin an das Projekt, trotz der jahrelangen Verzögerung des Kuppel-Neubaus. Er treibt es voran, als Präsident der Stiftung Kuppel und als Vertreter des RFV, dessen Ruf nach Proberäumen so alt ist wie der Verein selber.
Zur Erinnerung: Der RFV Basel wurde als Rockförderverein vor knapp

25 Jahren gegründet, die Schaffung von Proberäumen war ein grosses Anliegen der freien Band- und Musikerszene. Denn Räume, die über den Charme eines schlecht belüfteten Luftschutzkellers hinauskamen, hatten Seltenheitswert. Jahrelang suchte der RFV im Auftrag der Abteilung Kultur nach geeigneten Standorten. 16 wurden seit 1999 in Betracht gezogen, vom Kopf der Dreirosenbrücke übers Gundeldingerfeld (wo heute professionelle Tonstudios stehen) bis zu den IWB-Unterwerken oder der ehemaligen Notschlafstelle.

Während sich ein Projekt nach dem anderen zerschlug, wurden externe Initiativen realisiert, etwa jene von Christian Plösser. Der Musiker und Musiklehrer schuf 2006 auf dem Walzwerk-Areal neue Proberäume, mittlerweile sind es 15 Stück, an die auch ein Live-Club und ein Tonstudio angebunden sind. «Rockfact» heisst das Zentrum. Ein Cluster mit Bühne, wie es die Jukebox Basel werden möchte, und wie es der RFV immer für die Szene gefordert hat. Nur hat Rockfact einen sichtbaren Nachteil: Der Standort liegt fernab der Stadt Basel, zwischen Münchenstein und Arlesheim.

Konkurrenz für das Rockfact

Plösser fürchtet ein Überangebot. «Wenn die RFV-Räume in der Kuppel kommen, wären wir vom Rockfact wohl die ersten Leidtragenden», meint er. Warum? «Weil wir an der Peripherie liegen. Und weil wir unsere Preise nicht nach unten schrauben können.» Ein Raum kostet zwischen 500 und 600 Franken pro Monat, die meisten sind doppelt belegt. Zum Vergleich: Ein Proberaum im UG der Basler Kuppel soll dereinst 150 Franken pro Quadratmeter und Jahr kosten, ein 25-Quadratmeter-Raum würde so 312 Franken kosten im Monat.

«Das wäre hart für mich», sagt Plösser, «ich hoffe, dass der RFV sich uns Anbietern anpasst.» Denn tiefer könne er nicht gehen. Der Aufwand sei gross, der Idealismus ebenfalls. Für ihn rechne sich Rockfact, weil er Bass- und Schulbandunterricht gebe, dank der Vernetzung mit den Baselbieter Musikschulen. «Der Verwaltungsaufwand ist hoch. Fällt ein Hauptmieter weg, finde ich nicht mehr so einfach Ersatz wie vor zehn Jahren.»

Plösser hat die Konkurrenzsituation bereits zu spüren bekommen: etwa durch das R105, ein Kulturhaus für junge Kulturschaffende. Dieses entstand, nachdem die Jazzschule Basel im Sommer 2014 den neuen Campus im Kleinbasel bezogen hatte. Das alte Schulhaus an der Reinacherstrasse im Gundeli dient rund 60 Musikern als Probelokal. «Wir haben 12 Proberäume für Musikschaffende», sagt Mich Gehri vom R105. Aufstrebende Formationen wie St. Augustine, Les Touristes oder Annie Goodchild gehören zur Mieterschaft. «Unser Zielpublikum ist zwischen 18 und 29, das heisst, wir sprechen bewusst junge Erwachsene an», so Gehri. Spürt auch er ein Überangebot in Sachen Musikproberäume? Nein, sagt er: «Schreiben wir einen Raum aus, ist dieser sofort besetzt.»

Goldene Türklinken in der Kuppel?

Brauchts also eher mehr Räume? «Jein», sagt ein anderer Anbieter. Joel Bader hat in den letzten Jahren die Plattform www.Proberaum-Basel.ch aufgebaut. Er vermietet Räume wochentageweise. Ein Modell, das für Bands wie Einzelmusiker interessant ist. «Grundsätzlich braucht es keine weiteren Proberäume, alle Musiker, die ich kenne, haben ihren Ort», sagt Bader.

Er hat sein Angebot in den letzten drei Jahren von 15 auf acht Räume reduziert, auch, «weil es ein Knochenjob ist.» Einzelne Räume zu vermieten sei finanziell kaum lukrativ. Mehr Rendite würde ein Grossprojekt einbringen. «Ich habe mir mal eine leerstehende Halle angeschaut. Die Idee war, darin ein Kabinensystem einzubauen. Ich entscheid mich am Ende dagegen, ich hätte mich 15 Jahre an das Projekt binden müssen», sagt er. Bader rechnet vor: «Für eine Million Franken hätte man in einer leerstehenden Halle rund 40 Kabinen realisieren können. Daran gemessen dünken mich die Kosten für die RFV-Räume in der Kuppel sehr hoch. Vielleicht wird es dort goldene Türklinken haben?»

Er spielt auf den Kredit an, den der Grosse Rat bewilligt hat: 1,7 Millionen Franken. Damit sollen im Untergeschoss der neuen Kuppel acht bis zehn Proberäume gebaut werden. 2011 waren noch zehn bis zwölf Räume in Planung, bei der Bekräftigung 2016 wurde das Projekt kleiner präsentiert.
«Die Räume sollen professionellen Ansprüchen genügen. Die Zahlen stammen aber nicht von uns, die Kosten wurden in einer Machbarkeitsstudie berechnet, die das Hochbau- und Planungsamt in Auftrag gegeben hat», sagt Tobit Schäfer. Dass die Betreiber anderer Proberäume die staatlich unterstützte Konkurrenz fürchten, kann er verstehen. Aber: «Der RFV Basel vertritt die Bands, nicht die Proberaumvermieter. Daher begrüssen wir es grundsätzlich, wenn es viele Räume gibt auf dem Markt und dadurch die Preise fallen. Zudem sind die Ansprüche ja nicht gleich. Unsere Räume richten sich an semi- bis professionelle Bands. Eine Jury wird jeweils entscheiden, wer einen Proberaum erhält – und alle paar Jahre überprüfen, ob der Anspruch noch berechtigt ist.»

Kommt die Kuppel überhaupt?

Wann die ersten Bands einziehen werden, das steht noch in den Sternen. Der Kuppel-Neubau sollte längst stehen – und doch ist noch immer kein Bau-
gesuch eingereicht worden. Ja, kommt sie denn überhaupt, die neue Kuppel? «Sicher», sagt Schäfer. «Haben Sie je daran gezweifelt?»