Klassik

Chefdirigent des Argovia Philharmonic geht: «Ich bin ein Orchester-Doktor»

Hinter Douglas Bostock liegt Schloss Lenzburg – und eine Ära als Chefdirigent des Argovia Philharmonic. HO

Hinter Douglas Bostock liegt Schloss Lenzburg – und eine Ära als Chefdirigent des Argovia Philharmonic. HO

Dirigent Douglas Bostock verabschiedet sich vom Aargau – mit einer Party, englischer Wurst und Wehmut.

Hinter ihm liegen 18 Jahre als Chefdirigent des Argovia Philharmonic, über ihm thront an diesem Sommermorgen die Lenzburg. Douglas Bostock empfängt mich zum Morgenkaffee im Hotel Ochsen, wo er längst nicht mehr Gast, sondern zu Hause ist.

Sie gehen, die Alte Reithalle kommt. Das ist wie «Sommernachtstraum» von Shakespeare, wo sich alle verpassen.

Douglas Bostock: Ja. Das ist ein wenig die bittere Pille. Weil ich schon in den allerersten Interviews mit dieser Zeitung 2001 sagte: Das Erste, was hermuss, ist ein richtiger Saal. Es gab tatsächlich mehrere Anläufe an verschiedenen Standorten, wir hatten zum Teil schon die Pläne der Architekten. Dann klappte es aber doch nicht. Das ist schade. Denn wenn die Reithalle anderthalb Jahre früher gekommen wäre, hätte es gerade gepasst.

Jetzt wird Ihr Nachfolger die Halle eröffnen.

Das Eröffnungskonzert wird sogar sein Einstandskonzert sein. Ich kenne Rune Bergmann mittlerweile gut, wir sind befreundet. Und die Freude, dass es einen tollen Konzertsaal geben wird, ist grösser als der bittere Geschmack, dass ich nicht mehr da bin. (Fügt in reinem Schweizerdeutsch hinzu:) So isch es halt.

Umgekehrt: Wo ist in 18 Jahren die Dramaturgie aufgegangen?

Als ich hier begonnen habe, war mir klar, dass man als Chefdirigent nicht programmiert, worauf man gerade Lust hat. Bloss nicht. Die Planung muss längerfristig sein: über mehrere Saisons hinweg. Ausgehend von: Wo steht das Orchester und was sollten wir gespielt haben in zehn Jahren? Dazwischen programmiert man Werke, die man gerne dirigieren möchte. Offenkundig sehen dies nicht alle Dirigenten so und handhaben die Dramaturgie wie einen Marsch durch den Gemüsegarten.

Es braucht eine langsame Aufbauarbeit.

Ich habe neulich zurückgeschaut auf die 18 Jahre. Anfangs hatte ich gesagt: Wir müssen alle Beethoven-Sinfonien einzeln spielen, alle späten Mozart, späten Haydn, alle Schubert, Schumann, Brahms. Das ist das Rückgrat eines Orchesters. Darauf baut sich alles auf. Es hat keinen Sinn, nur Strawinsky oder Ähnliches spielen zu wollen. Das wäre, als baute man ein Haus auf Sand. Das war unsere Dramaturgie über mehrere Jahre. Und darin eingebettet gab es viele Highlights. Wir haben in einer Saison vier Werke von Dieter Ammann gespielt, ich möchte wissen, welches Orchester das getan hat.

Und zum Schluss gab es Bostocks B&B: Beethoven und Britisches.

Von 2016 bis 2018 war der Spotlight auf Beethoven, danach kam die grosse Frage: Was sollen wir nach ihm spielen? Meine Idee, eine britische Saison zu machen, stiess gewissermassen auf Begeisterung: Weil es aussergewöhnlich war, weil es meine letzte Saison ist und weil ich Brite bin.

Eine perfekte Dramaturgie ist die Verbindung von Ihrem Antrittskonzert mit rein britischem Programm und Ihrem Abschiedskonzert mit rein britischem Programm.

Das britische Antrittskonzert war Zufall. Aber schon damals spielten wir Delius’ «The Walk in the Paradise Garden», das wir auch bei der Last Night spielen werden.

Ist der Aargau in den Jahren mit Ihnen humorvoller geworden?

Der Kanton Aargau ist total unterschätzt – lange Zeit sogar durch die Aargauer selber. Darum möchte ich in aller Öffentlichkeit den Aargauerinnen und Aargauern gratulieren zum neuen Selbstbewusstsein, das in den letzten fünf oder zehn Jahren entstand und spürbar ist. Ich fühle mich als Teil des Kantons, in Lenzburg bin ich mehr zu Hause als sonstwo auf der Welt. Ich bewohne im Hotel Ochsen immer das gleiche Zimmer und habe meine persönlichen Sachen hier.

Woran hat es dem Aargau gefehlt?

Es ist ein herrlicher Kanton. Aber verkannt von den Nachbarkantonen. Zu Beginn hiess es: Was willst Du in diesem Durchfahrtskanton? Da dachte ich an Simon Rattle, einen Freund aus der Jugendzeit. Er ging damals zum City of Birmingham Symphony Orchestra, das damals heruntergekommen war – man darf das so sagen. Dort hat er mit dem Orchester gearbeitet und es zu einem Weltorchester gemacht. Es ist wichtig, was man tut. Nicht, wo man es tut.

Die Medien sprechen von den goldenen Jahren mit Ihnen, das Saisonprogramm von einer goldenen Ära. Wie würden Sie die 18 Jahre bezeichnen?

Obwohl es mich sehr freut, wäre es vermessen, wenn ich ebenfalls von einer goldenen Ära spräche. Aber ich könnte sie als goldene Jahre meines eigenen Lebens bezeichnen. Das ja. Als Dirigent ist man lange tätig, wenn die Gesundheit mitmacht. Insofern sind 18 Jahre ein Drittel einer Dirigentenlaufbahn. Man kann nicht sagen: Wir sind das beste oder grösste Orchester – diese Begriffe sind sowieso relativ – aber das wohl innovativste. Und wenn wir innovativ sind, hatte ich vielleicht meinen Anteil daran.

Meint der Ausdruck «goldene Ära» immer auch ein Ende mit?

Nach einer goldenen Hochzeit kommt immer noch die diamantene und Platin. Mit Rune Bergmann geht es ja weiter. Und nach einer gewissen Zeit werde ich auch zum Dirigieren zurückkommen – wir haben den Termin schon in Aussicht.

Gab es auch Momente, wo Sie eine stiff upper lip, also Durchsetzungsvermögen und Coolness, behalten mussten?

Mehr als nur einige! Es braucht eine stiff upper lip, dicke Haut und einen klaren Kopf. Vor allem in der Anfangszeit war keineswegs alles glatt. Ich wollte künstlerisch etwas erreichen und musste oft mit dem Kopf durch die Wand, einiges einstecken und auch einiges schlucken.

Was war so ein Kopf-durch-die-Wand-Moment?

Bei uns bekommen die Musiker eine Gage, aber kein festes Salär. Meine anfängliche Forderung war, im Orchester die feste Anzahl an Streichern und Bläsern leicht zu erhöhen. Das musste ich gegen den Vorstand durchsetzen. Ich will nicht sagen, dass ich gedroht habe – auch wenn es so war (lacht). Man kann nicht A wollen und nur B gestatten. Für die Abo-Konzertreihen habe ich ebenfalls kämpfen müssen.

Vor zwei Jahren sagten Sie, der Entscheid, zu gehen, sei der schwerste Ihres Lebens gewesen. Was empfinden Sie jetzt, wo der Abschied in greifbarer Nähe ist?

18 Jahre sind eine lange Zeit. Ich kam als 46-Jähriger. Obwohl ich mich noch gleich fühle, kann ich heute die zwei Zahlen umdrehen und bin vor wenigen Tagen 64 geworden. Die Zeit hier ist für mich wie nach Hause kommen. Hier ist meine Aufgabe. Ich bereue die Entscheidung nicht, aber bei der Probe zur Eroica für die Lenzburgiade dachte ich: Mein Gott, das wird mir extremst fehlen.

Was hat sich in den zwei Jahren seit Ihrem Entscheid beim Orchester getan?

Damals standen wir kurz vor der zweiten Saison mit Beethoven. Das Orchester ist weiter daran gewachsen. In Sachen Disziplin, in Sachen Orchesterhygiene – einer meiner Lieblingsbegriffe. Zuerst mit Beethoven, dann mit dem britischen Repertoire. Es spielt nun streckenweise wie ein britisches Orchester.

Auch der satte Sound liegt dem Argovia Philharmonic.

Ein Kritiker hat mal gesagt, britische Musik sei wie Pork, Pie and Stout – Stout ist das englische Schwarzbier – also ziemlich deftig. Pork, Pie and Stout sind herrlich. Aber natürlich ist die englische Musik vielfältiger. Wir hatten viele sehr positive Reaktionen auf diese letzte Saison.

Beethoven sagte: Man darf sich nicht für so göttlich halten, dass man seine eigenen Werke nicht gelegentlich verbessern könnte. Was würden Sie anders machen?

Alles (lacht), ist die einfache Antwort. Nach jedem Konzert kann es immer noch besser sein. Als Dirigent ist man nie zufrieden. Aber ein Leben in Unzufriedenheit ist auch ein Ding der Unmöglichkeit, also ist man doch gewissermassen zufrieden. Auch gewisse politische Dinge hätte ich anders anpacken können, wenn ich nicht so geradeaus und politisch unkorrekt wäre. Manchmal hätte etwas political correctness nicht geschadet, obwohl ich grundsätzlich nicht sehr viel davon halte. (lacht)

Würden Sie noch einmal ein Orchester wie das Argovia Philharmonic 2001 anpacken?

Jemand hat mir mal gesagt: Du bist ein Orchester-Doktor. Du kannst die Symptome erkennen, die wunden Punkte anpacken und die richtige Medizin verschreiben. Es mag etwas in meinem Charakter sein, dass ich ein kreativer Aufräumer bin, obwohl es viel Energie und einige graue Haare kostet. Ob ich das nochmals tun würde? (überlegt lange) Wahrscheinlich doch. Wenn ich die Zeit hätte, würde es mich reizen.

Ihr letztes Konzert wird eine Last Night of the Proms nach Londoner Vorbild sein. Weshalb eine Party zum Schluss?

Viele Dirigenten wollen Beethovens Neunte als Abschied. Oder das Emperor Klavierkonzert mit Martha Argerich. Ich hatte stattdessen ein Euphonium-Konzert für mein letztes Abo-Konzert (lacht). Das Leben geht weiter, und eine Party ist doch das Schönste! Ich verlasse den Kanton als Chefdirigent des Argovia Philharmonic und bin froh über die Bereicherung im Leben, die mir die Tätigkeit hier mit auf den Weg gegeben hat. Dafür sage ich: merci vielmals!

Oder «thank you». Schliesslich ist die Last Night schon ein wenig patriotisch, alle singen «Rule Britannia!».

Es ist wie ein Schauspiel, das alle geniessen. Wenn ein Schauspieler einen Mörder spielt, ist er ja noch lange keiner. Und wenn man «Rule Britannia» singt, muss man nicht denken, dass Britannien noch immer die Meere beherrscht – vor allem, wenn man sich das Elend mit dem Brexit auf der Insel anschaut. Aber das ist wieder ein anderes Kapitel.

Autorin

Anna Kardos

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