Radicalis ist in der Schweizer Musikbranche die Agentur der Stunde. Warum? Sie macht alles für ihre Musiker, wenn’s sein muss aber auch nichts. «Wir denken nicht nur mit dem Verständnis eines Konzertagenten oder Plattenlabels. Unser Fokus als Management liegt immer beim Künstler, bei der Künstlerin», lautet das Credo der Basler Firma.

Das sagen sie alle, denkt man sich. Der Erfolg aber lässt aufhorchen. 88 Musik-Acts sind auf der Website aufgelistet, ganz am Ende des Alphabets: Zeal & Ardor, das Schweizer Avantgarde-Metal-Projekt von Manuel Gagneux, das seit Monaten um die Welt geht und von Radicalis gemanagt wird.

Wie machen die das? Ein Ortstermin gibt Aufschluss. Basel, St. Johann. In einem Innenhof signalisieren zwei Bandbusse, dass hier die Musik spielt – respektive deren Kreativwirtschaft. Radicalis vermietet die Busse an ihre Künstler zu günstigen Konditionen, senkt damit die Tourneekosten, was der Agentur am Schluss zugutekommt. Das sagt viel aus über die Philosophie, die dieses junge Unternehmen prägt.

Suche nach Charaktertypen

Entstanden ist es durch ein Joint Venture vor rund einem Jahr, als Dominic Stämpfli und David Burger, damals beide 29 Jahre jung, ihre Musikagenturen Reel Music und Radicalis zusammenlegten. Aus kollegialen Konkurrenten wurden Geschäftspartner. «Wir fischten immer schon im gleichen Teich und legten beide Wert auf Bands, die eigenständig sind, die ein eigenes Gesicht, einen eigenen Charakter haben.»

Einen eigenen Charakter haben Zeal & Ardor, ihr Vorzeigeprojekt auf jeden Fall. Der Gitarrist Manuel Gagneux hat Black Metal und afroamerikanische Kultur zusammengeführt, was beidseits des Atlantiks auf Interesse stösst. Für 2018 sind bereits 80 Konzerte bestätigt, darunter ein Auftritt am grössten Metalfestival der Welt: dem Wacken Open Air. Auch beim hippen Primavera Festival Barcelona steht die Schweizer Band 2018 auf der Affiche.

Andere Festivals, die ebenfalls um Zeal & Ardor gebuhlt hatten, wurden vertröstet. «Es ist ein Pokern: Manchmal muss man sich gegen etwas entscheiden, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln», sagt David Burger. Aus strategischen Gründen mache es manchmal Sinn, noch mit einer Zusage zuzuwarten. Um dann im Folgejahr eine bessere Auftrittszeit oder grössere Bühne zu erhalten. Bei Zeal & Ardor ging der Poker bislang auf.

Auch wenn deren internationaler Erfolg vieles überstrahlt und zusätzliche Stellen geschaffen hat: Schon vor Zeal & Ardor beschäftigte Radicalis sieben Mitarbeiter. Die Agentur managt zig Schweizer Künstler, von Al Pride bis Carrousel über die Landesgrenzen hinaus. Sie vertritt hierzulande auch die Interessen von internationalen Künstlern wie etwa der angesagten österreichischen Pop-Band Bilderbuch.

Ihr Kerninteresse liegt dabei weniger beim Mainstream-Pop als vielmehr in den Nischen. Im Moment investiert man in den internationalen Auftritt der Zürcher Singer-Songwriterin Evelinn Trouble und erfreut man sich am Erfolg, den der junge Basler Elektronikmusiker Audio Dope feiert: Sein Debütalbum ist eben erst erschienen, auf Spotify hat er monatlich bereits 300'000 Hörer – das sind weit mehr als andere gefeierte Schweizer Künstler. Faber oder Nemo kommen derzeit auf 100'000 Spotify-Hörer.

Der Blick über die Landesgrenze ist für Radicalis essenziell. «Ich habe nie verstanden, warum sich manche Künstler und Agenturen nur auf die Schweiz ausrichten», sagt Burger. «Wir haben hierzulande einige Fördermittel und dadurch eine gute Ausgangslage, um Eigenständigkeit zu fördern und zu schärfen. Sophie Hunger ist ein gutes Beispiel dafür. Im Unterschied zu skandinavischen Ländern vermisse ich in der Schweiz das Selbstbewusstsein der Branche und die Anerkennung von Wirtschaftsverbänden und Politik. Man scheint noch immer zu wenig stolz zu sein auf das kreative Potenzial.»

Flexibilität als Strategie

Das klingt nach grossen Tönen, aber die Art und Weise, wie Radicalis vorgeht, ist sehr bedacht und sorgfältig. Denn während andere Firmen sich auf einen Aspekt, etwa Verlag oder Promotion, spezialisiert haben oder ausschliesslich Rundumpakete verkaufen, setzt Radicalis auf Flexibilität.

«Wir fragen uns immer: Welche Schritte machen bei der Karriereplanung eines Künstlers Sinn? Das kann bedeuten, dass wir bei allen Schritten involviert sind. Oder nur bei ganz wenigen.» Viele Managements bestehen heutzutage darauf, überall mitverdienen zu wollen. Radicalis verzichtet mitunter darauf, gewinnt dafür Vertrauen. «Die Entfaltung steht im Vordergrund. Dafür nehmen wir die Adlerperspektive ein. Dieser Ansatz, völlig zugeschnitten auf den jeweiligen Künstler, ist, so meine ich, recht einzigartig», erklärt sich Burger den Erfolg. Und fügt hinzu: «Die beste Lösung für den Künstler ist auch die beste Lösung für uns.»

In diesem Fall tönt er nicht anders als ein Bankberater. Was nicht abwegig ist. Denn Radicalis ist auch eine Bank, die Geld vorschiesst, etwa damit Zeal & Ardor auf Welt-Tournee gehen kann. Das kann so weit führen, dass die Geschäftsführer Ende Monat nur ihren Mitarbeitern, nicht aber sich selber einen Lohn auszahlen, ehe alle Honorare eingetroffen sind.

Doch im Moment läuft es rund. So rund, dass in Deutschland eine Schwesterfirma gegründet wurde: Seit Januar 2018 betreibt Radicalis ein Geschäft in Hamburg mit drei Angestellten. Hatte Radicalis zuvor externe Firmen bezahlt für Promotion oder Konzerte von Musikern in Deutschland, so erledigen sie nun manches gleich selber.

Fragt sich aber: Geht das nicht alles zu schnell? Nein, sagen sie ruhig. Sie seien nicht die Typen, um abzuheben und überstürzt zu handeln. «Und uns ist bewusst, dass so etwas wie Zeal & Ardor ein Glückstreffer ist, den man vielleicht nur einmal in seiner Karriere erlebt.» Zwar seien weltweit 50 Leute in die Karriere von Zeal & Ardor involviert. Aber durch ihre Ausrichtung vermeidet die Agentur ein Klumpenrisiko. Daher auch das grosse Portfolio, das ebenfalls national ausgerichtete Musiker wie die Mundart-Hip-Hop-Gruppe Brandhärd enthält. «Wir folgen unserem Geschmack und unseren Interessen. Und bieten von treuhänderischen Tätigkeiten bis Tourneen weiterhin alles an, das für einen Künstler wichtig sein kann. Mit dem Unterschied vielleicht, dass man uns jetzt auch in Ländern wie den USA kennt.»

Man darf gespannt sein, ob und wie Radicalis (lateinisch für eingewurzelt) noch anderen Künstlern zur Blüte verhilft.