In einer Garage mit einem Dutzend Plätzen am Rand des Metschgplatzes in Lenzburg trat sie jeweils am Vorabend des Jugendfestes auf: Eine Band mit dem Namen «Ohnemeinensohnspielichkeinenton-Orchester». Der Sohn hiess Julian und der Vater Ruedi und beide Häusermann. Jazz war es nicht, was die beiden spielten, aber dennoch ist diese Musik für beide eine musikalische Heimat. Der heutige Theatermann Ruedi Häusermann ist allerdings nicht der einzige jazzende Vater im Aargau, der den Virus an seinen Sohn weitergegeben hat.

Plötzlich sind da ganz viele junge Jazzmusikerinnen und -Musiker, deren Namen dem langjährigen Beobachter der Aargauer Musikszene bekannt vorkommen: Donadio, Huber, Blöchlinger, Schmid, Hunziker, Brügger und Huwyler. Seitdem man Jazz und Populärmusik an den Hochschulen studieren kann, ist die Szene in der Schweiz explodiert, Dutzende talentierte, gut ausgebildete, fleissige und aufstrebende junge Musikerinnen und Musiker stürmen die Bühnen. Dabei ist der Kanton Aargau überdurchschnittlich gut vertreten. Auffällig: Fast immer scheinen jazzende Väter – seltener Mütter – ihren Teil dazu beigetragen zu haben.

Zum Beispiel bei Familie Huber in Rupperswil. Ihr Zimmer sei unmittelbar über der Stube gewesen, wo der Flügel stand und Vater Felix Huber am Abend mit Kollegen probte, sagt die Sängerin und Gitarristin Corinne Huber, sie sei als Kind von Vaters Musik in den Schlaf gewiegt worden. Musik, und zwar unterschiedlichste Musik von Pop bis klassisch, gehört oder selber gespielt, war bei Hubers immer da, als Lebensmittel sozusagen, die Kinder nahmen gar nicht wahr, dass das nicht in allen Familien so ist. Also strebten sie beide, Corinne und ihr Bruder Christoph, wie selbstverständlich eine Musikerkarriere an.

Dalia Donadio stand schon als kleines Mädchen mit ihren Eltern auf der Bühne im Badener Musik-Restaurant «Prima Vista», das Madlen und Toni Donadio seit zwanzig Jahren betreiben. Und die Musiker, die dort auftraten, sassen daheim am Familientisch. Musik als Beruf zu betreiben, war das normalste der Welt, Musikerinnen und Musiker allgegenwärtig. Etwas Zweites kommt bei Dalia Donadio dazu: «Ich habe gelernt, dass es Hartnäckigkeit und Kreativität braucht, um seine Kunst unter die Leute zu bringen, musikalische Fantasie und Unternehmergeist müssen Hand in Hand gehen, das Business ist knallhart», meint sie.

Typischerweise lernen Söhne in musikalischen Haushalten oft ein Instrument, während Töchter Sängerinnen werden. Womit das – zumindest auch – zu tun hat, wird bei der Wohler Saxofonistin Sarah Chaksad deutlich: mit Vorbildern. Ihre Mutter ist Konzertsängerin und ein Vorbild als Musikerin, aber singen war dann doch zu nahe. Bei einem Konzert der holländischen Saxofonistin Candy Dulfer verliebte Sarah sich in das Saxofon und begann zu üben. Und sie hatte das Glück, mit Mathias Baumann einen Lehrer zu finden, der sie förderte und forderte. Drei Vorbilder, weibliche auf der Bühne und daheim, und ein männliches bei der täglichen Arbeit, ermutigten sie auf ihrem Weg.

Musik soll Freude bereiten, den Musizierenden und den Zuhörenden. Wer dem Saxofonisten Roman Brügger schon mal zugehört hat, wird das gespürt haben, sein erdiger Swing bereitet einfach nur Vergnügen. Auch seinen Söhnen. Sodass der eine, Lukas, sich ebenfalls auf das Saxofon stürzte. Beim Trompeter Silvan Schmid war es weniger das Spiel seines Vaters, das ihn animierte, als dessen riesige Plattensammlung quer durch den musikalischen Garten.

Offene Atmosphäre im Elternhaus

Jazz ist Freiheit. Was heisst, dass man den eigenen Weg suchen muss. So betonen alle befragten Musikerinnen und Musiker die offene und unautoritäre Atmosphäre im Elternhaus. «Jazz ohne Fehler ist kein Jazz», meinte einmal der grosse Pianist Kenny Barron.

Diesen Geist haben die Söhne und Töchter alle in der häuslichen Musik erfahren und erlebt. So dass ausnahmslos alle jungen Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker ihre eigenen Projekte verfolgen. Ohne Angst vor Rückschlägen und auch im Wissen, dass damit kein materieller Wohlstand garantiert ist. Sie stürzen sich mit grossem Optimismus in dieses Abenteuer, der nicht mehrheitstauglichen Musik in Zeiten des Internets. Und sind glücklich dabei.

 Die Aargauer Jazzfamilien: