Soul

Das zerrissene Genie des Soul: 35 Jahre nach seinem Tod gibts zum 80. Geburtstag ein neues Album

Marvin Gaye (2. April 1939–1. April 1984) war von Selbstzweifeln geplagt

Marvin Gaye (2. April 1939–1. April 1984) war von Selbstzweifeln geplagt

Heute wäre Marvin Gaye, der grösste Soulsänger, 80 Jahre alt geworden. 35 Jahre nach seinem Tod ist das vergessene Album «You’re The Man» veröffentlicht worden.

Es geschah am 1. April 1984. Im Verlauf eines heftigen Familienstreits wurde Marvin Gaye von seinem Vater, einem Prediger der konservativen Priester der «Church of God», erschossen. Jetzt, 35 Jahre nach seinem Tod, ist «You’re The Man» erschienen, ein Album mit Songs von 1972, das bis heute unveröffentlicht blieb. Das vergessene Album.

Bei «You’re The Man» handelt es sich nicht um ein verschollenes Album wie beim letztjährigen Sensationsfund von «Both Directions At Once» von John Coltrane. Denn die einzelnen Songs sind nicht neu entdeckt, sondern in anderem Kontext, als Singles oder auf Kompilationen, schon vorgestellt worden. Als gesamtes Album schlummerte «You’re The Man» aber bis heute im Archiv des berühmten Labels «Motown».

Marvin Gaye – You’re The Man (Album 2019)

Das Album wurde damals zwar angekündigt, doch nie veröffentlicht. Man wundert sich, denn Marvin Gaye war damals auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Die Veröffentlichung, respektive damalige Nicht-Veröffentlichung lässt einige spannende Rückschlüsse auf das turbulente und dramatische Leben und die Arbeit des sensiblen Grossmeisters des Soul zu.
Jahre des Umbruchs

Die frühen 70er-Jahre standen im Zeichen des Umbruchs und Marvin Gaye wandelte sich vom Schnulzensänger zum Protestsänger. Sein epochales, quasi-sinfonisches Konzeptalbum «What’s Goin On» von 1971 setzte künstlerisch und inhaltlich neue Standards. Über hochkomplexe Arrangements mit Elementen aus Gospel, Jazz, Funk und Klassik sang Gaye mit sanfter Engelstimme politische Texte über Obdachlosigkeit, Drogensucht, Umweltschutz, Korruption, Rassismus und Vietnamkrieg. Das Album bildete die soziale und politische Realität ab und wurde zu einem erstrangigen Zeitdokument. Einem Kunst- und Meisterwerk ohne Verfalldatum. Der britische «Guardian» krönte das Werk sogar zum «besten Album aller Zeiten», noch vor dem Gesamtwerk der Beatles.

Der Erfolg erhöhte gleichzeitig den Erwartungsdruck. Wie ein Besessener arbeitete Gaye am Nachfolge-Album. Doch als die Vorab-Single «You’re The Man» floppte, stellte er alles infrage, zweifelte an sich, dem neuen Material und fiel in eine existenzielle Depression. Marvin Gaye sei «ein chronisch zögerliches Genie» gewesen, schreibt sein Biograf David Ritz im Begleittext zu «You’re The Man». Immer wieder habe er sich gefragt, «ob sein Werk den eigenen oder fremden Ansprüchen» genüge.

Marvin Gaye zog die Notbremse und stürzte sich noch 1972 in die Arbeit für den Soundtrack zum Blaxploitation-Film «Trouble Man». So kann «You’re The Man» heute als ein Dokument für die persönliche und künstlerische Zerrissenheit von Marvin Gaye gelesen werden. Der Sänger sprach denn auch immer wieder vom «Krieg im Innern meiner Seele». Ein Konflikt, dessen Ursachen in seiner Kindheit begründet ist. Sein Leben lang litt Gaye unter den Folgen des Missbrauchs durch seinen Vater, kämpfte mit Depressionen und Schicksalsschlägen. Kokain, Marihuana, Pornografie und Frauen beherrschten sein Leben.
Das vergessene Album enthält einige wunderbar Perlen, verdeutlicht aber auch die Verunsicherung, Verwirrung und Verirrung des Sängers. War «What’s Goin On» noch aus einem Guss, so fällt «You’re The Man» uneinheitlich aus. Gaye pendelt zwischen Schmusebarde und Politaktivist. Mal lässt er seine Verachtung für die Frauenbewegung durchblicken, mal propagiert er eine Frau als Präsidentin: «Maybe what this country needs is a
lady president».

Schon ein Jahr später, auf dem Album «Let’s Get It On», ist sein Wandel zum Sex-Priester abgeschlossen. Chartsmässig toppte er damit sogar noch «What’s Goin On?» und legte die Basis für langsamen Neo-Soul von Interpreten wie D’Angelo. Gleichzeitig besiegelt es sein Schicksal. Sein Leben geriet vollends aus den Fugen. Sein angeknackster Seelenzustand benötige eine sexuelle Heilung, meinte er. «Sexual Healing» wurde 1984 zwar zu seinem grösster Single-Hit, doch für ihn endete es in der Katastrophe. Die Ehe zerbrach, er floh vor der Steuerbehörde und wohl vor sich selbst. Nach etlichen Selbstmordversuchen suchte er wieder bei seinem Vater Unterschlupf. Dann fielen die Schüsse. Der Prediger, so hiess es, habe den haltlosen Lebensstil des Sohnes einfach nicht mehr ertragen können.

Marvin Gaye You’re The Man (Motown/Universal).

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Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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