Für schönen Schmerz sorgen Anna Netrebkos Auftritte als Manon, Violetta oder Norma, wenn die Sopranistin ihre wunderbare Stimme ohne Wenn und Aber der Musik überlässt, durch Höhen, Tiefen oder tausend Abgründe schweifend. Für letztere Dinge sorgt Anna Netrebkos neues Album.

Romanza heisst es. Das Cover im Kuschelrock-Stil sowie die rote Schnürchenschrift signalisieren: Alarmstufe Kitsch. Doch nichts bereitet den Hörer darauf vor, was ihn erwartet, sobald er die Playtaste drückt: «Sing mir, wenn das Meer die Farbe der Turteltaube hat», intoniert Netrebkos Ehemann Yusif Eyvazov in «Cantami». Und es hilft nur wenig, dass er eine kräftig-klare Tenorstimme und eine hörbar profunde Ausbildung hat, denn hinhören mag man kaum. Mit dem Wortlaut «Träume sind Melodien», gesellt sich nun Netrebkos Sopran zum ehelichen Tenor. Ein Streicherteppich untermalt die triefende Melodik. Und man ist zum ersten Mal im Leben glücklich, nicht allzu gut Italienisch zu verstehen.

So vieles läuft hier so verkehrt. Warum nur hat Komponist Igor Krutoy den beiden «Arien auf den Leib komponiert», wo doch auf deren Stimmlagen die grossartigsten Duette der Musikgeschichte warten? Warum hat eine russische Texterin Lieder auf Italienisch (!) verfasst, bei denen sich das Nackenhaar mit dem Trommelfell im Akkord sträubt? Warum wird betont, dies sei das erste Crossover-Album von Anna Netrebko, und warum ausgerechnet «Crossover», wenn der nur bedeuten darf, dass ein Opernstar seine Gesangskunst an seichte Melodien verschwendet? Nein, selbst dem im Takt wischenden Alibischlagzeug nimmt man sein «Das ist Pop, das ist Pop» nicht ab.

Das ist nicht Pop. Das ist schlecht. Auch die übrigen Tracks lösen das Dilemma nicht, gleichzeitig Schmalz, Oper, Romantik und Pop sein zu wollen. Was ist hier passiert? Dass Liebe blind macht, ist eine Erkenntnis der profanen Küchentischpsychologie – gestützt von wissenschaftlichen Studien, die besagen, dass man in der ersten Verliebtheit quasi einer Täuschung obliegt, welcher nach einer gewissen Zeitspanne eine objektivierende Ent-Täuschung folgt. Neu ist allerdings die Erkenntnis, dass sich akute Verliebtheit offenbar auch auf das Hörvermögen auswirkt.

Privat als Duo, musikalisch solo

Ob deshalb nur wenige Musiker-Ehen auch ihren klingenden Niederschlag finden? Dabei sind Berufsmusiker auffallend oft mit Kolleginnen liiert – und umgekehrt: Starsopranistin Cecilia Bartoli ist Ehefrau von Bariton Oliver Widmer, Diana Damrau von Nicolas Testé. Klaviersolist Oliver Schnyder ist Ehemann von Violinistin Fränzi Frick und Sopranistin Elina Garanca Partnerin von Dirigent Karel Mark Chichon. Das Namensregister liesse sich in epischen Dimensionen fortsetzen. Doch selbst wenn privat als Duo, sind Musiker professionell lieber solo unterwegs. Legendäre Ausnahmen bilden Cellistin Jacqueline du Pré (1945–1987) mit Pianist sowie Dirigent Daniel Barenboim, das Klavierduo Yaara Tal / Andreas Groethuysen oder die Alte-Musik-Spezialisten Ton Koopman und Tini Mathot.

Gleich und gleich gesellt sich gern

Klaviersolist Oliver Schnyder wundert sich kaum über den Magnetismus zwischen Musikerin und Musiker: «Dieser Beruf erfordert vom Partner ein enormes Verständnis, und wenn man von früh bis spät mit Musik beschäftigt ist, möchte man das auch teilen.» Seine Ehepartnerin Fränzi Frick sieht es ähnlich: «Mit der Musik hat man stets jemanden mehr in der Familie. Es ist wie im Hochleistungssport.»

Deshalb kann sie sich vorstellen, dass Beziehungen zwischen Hochleistungssportlern und Musikerinnen funktionierten, «mit anderen Berufen kann sich das schwierig gestalten». Dass es Familie Schnyder Frick kaum je möglich ist, gemeinsam in die Ferien zu fahren, gehört zu deren Leben wie das tägliche Üben beider Partner. Nur gemeinsam auftreten mag die Violinistin nicht: «Es gibt wenige Paare, die musikalisch derart ähnliche Interessen verfolgen und spielerisch so ebenbürtig sind, dass eine ausgeglichene Partnerschaft auch auf der Bühne möglich ist», meint Frick gegenüber der «Schweiz am Wochenende». «Wenn einer der Partner erfolgreicher ist als der andere, tragen gemeinsame Konzerte oft einen merkwürdigen Beigeschmack.»

Anders sieht es Anna Netrebko. Die Sopranistin findet die Liebe «tausendmal wichtiger als die Karriere» und teilt neben Heim und Herd das Rampenlicht mit ihrem Partner.

Mit dem Bassbariton Erwin Schrott verbanden sie neben dem gemeinsamen Sohn gemeinsame Soli, etwa in der BadenBadener Inszenierung des Don Giovanni, wo sie als Donna Anna und er als Don Giovanni das reale Ende ihrer Ehe vorwegspielten.

Als das Paar getrennte Wege ging, mochte Anna auch nicht mehr mit Erwin singen. Nun ist sie verheiratet und singt wieder Duett. Dass sie es am liebsten mit Ehemann Yusif Eyvazov tut, glaubt man ihr gern. Dass sie aus freien Stücken diese Lieder dazu ausgewählt hat, eher nicht. Und so summt man bei der zwanzigsten Wiederholung von «Cantami, cantami» leise im Takt: «Lasciami, lasciami».