2019 ist es für einen durchschnittlichen Erwachsenen schwierig, zu sagen, dass er deutschen Rap mag. Die junge Generation macht eine mit Autotune und Testosteron verseuchte Version jener Musik, in die man sich vor der Jahrtausendwende verliebte. Deutlich zu oft geht es um Ärsche und noch öfter um Drogen. Auch die Beats sind genau so aufgepumpt wie die Lyrics. All die erfolgreichen deutschen Rapper machen Musik, die klingt wie der Soundtrack für halbstarke Jungs in lauten, geleasten Autos. All die Zwischentöne, all die Wortspiele werden per Tritt aufs Gaspedal wegspediert.

Natürlich: Dies ist die Klage eines Nostalgikers, aber gerade das neue Album von Dendemann führt wieder einmal vor, was Rap eben auch sein kann. «Da nich für!» des mittlerweile 44-Jährigen hat Ironie, Wortwitz, Haltung, Nachdenkliches. In «Zeitumstellung» geht es beispielsweise darum, dass es eben «Zeit um Stellung zu beziehen» sei. Das tut er dann mit Zeilen wie «Wenn die Demokratie ihren Segen verflucht, ist dagegen wohl nicht mehr dagegen genug». Das ist wütend, druckvoll und verdammt knackig formuliert.

Sidekick von Jan Böhmermann

«Dabei sind die meisten von den Leidensthemen, auch weiter viel zu heiss, um um den Brei zu reden», rappt er in «Zauberland». Dendemann hat neun lange Jahre gewartet, so lange hat es gedauert, bis sein neues Soloalbum rauskam. In dieser Zeit machte er sich einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, indem er als musikalischer Sidekick von Jan Böhmermann amtete und die Sendung mit Texten zu aktuellen Themen verfeinerte. Es war wohl dieses Engagement (und das fortgeschrittene Alter), das den sonst schon kritischen Geist noch etwas kritischer machte. Er ackert sich aber nicht nur an den neurechten Strömungen ab, sondern torpediert auch die Bequemlichkeit der Linken, die ihre Prinzipien für etwas Wohlstand über Bord geworfen haben («Alles, was ich will, is’ endlich nix mehr wollen / Ich bin satt geboren, mein Glas war extra voll»).

Dendemann tut dies alles immer sprachverliebt, viele der Wortspiele erschliessen sich erst nach mehrmaligem Durchhören. Und vor allem: Er tut dies technisch absolut perfekt. Er kann direkt, verbremst, schnell, langsam rappen. Pure Geschwindigkeitsorgien à la Kollegah sind ihm aber glücklicherweise fremd. Viele der anderen frühen sprachfixierten Rapper waren im Booklet oft deutlich besser als auf dem Tonträger: Sie konnten die geschriebenen Ideen nicht in gesprochene Texte umsetzen. Dendemann konnte das immer. Sein Kapital ist neben seinen Inhalten sein Flow. Es macht Spass, ihm zuzuhören, und dadurch hört man ihm eben auch zu. Umso schöner, dass er dann auch tatsächlich etwas sagt.

Trotzdem: Dendemann ist wohl vor allem Nostalgikerfutter. Auch wenn er bei den Beats durchaus auch moderne Einflüsse hat, bleibt es im Grundsatz klassischer Rap. Mit dem angesagten Trettmann gibt es dafür sogar so ein bisschen Hilfe vom Hype – der gemeinsame Track ist aber etwas lahm. Für die breite Masse ist Daniel Ebel, wie Dendemann bürgerlich heisst, wohl etwas zu verkopft und zu verspielt. In einer Zeit, in der immer alles ohne Umwege funktionieren muss, hat es selbst eine sehr gute Platte wie «Da nicht für!» schwer. Aber als Kontrast zu all dem hochgedopten Pseudo-Gangster-Rap ist es eine hochwillkommene Antithese.

Dendemann: Da nicht für! (Vertigo/Universal). Live: 15. 2. Dynamo, Zürich.