«Warum nehmt ihr jemanden, der erkältet ist?», knurrte Alvaros Ramos. Ramos war Geschäftsführer der Schallplatten-Kette Lojas Assumpção, die in den 50er-Jahren in Brasilien das Sagen hatte. Er nahm die ihm präsentierte Schellackplatte, zerschlug sie an der Tischkante und schrie: «Das ist die Scheisse, die wir aus Rio kriegen.» Glücklicherweise änderte Ramos seine Meinung und nahm den Song des Sängers mit dem vermeintlichen Rachenkatarrh doch in den Handel auf. Der Titel: «Chega de Saudade». Der Interpret: João Gilberto. Die Folge: eine musikalische Revolution. «Keine andere brasilianische Platte hat so viele Menschen inspiriert, singen, komponieren oder ein Instrument – genauer gesagt: Gitarre – spielen zu wollen», schreibt Ruy Castro in seinem Standard-Werk «Bossa Nova».

«Chega de Saudade» gilt als der erste Song des Bossa Nova. Geburtsort war Rio de Janeiro, Geburtszeit März/April 1958, und die Väter hiessen Antonio Carlos «Tom» Jobim, Vinicius de Moraes und João Gilberto. Jobim war der Komponist des Bossa Nova, de Moraes der Texter,. Es war aber vor allem der Sänger und Gitarrist João Gilberto, der den neuen Musikstil prägte. Erst sein leiser, unterkühlter Gesang und die stilbildenden neuartigen rhythmischen Synkopen auf der akustischen Gitarre machten aus «Chega de Saudade» den Bossa Nova. 

Bossa Nova hatte in Brasilien zwar eine beachtliche Resonanz und grosse Auswirkungen auf die Musica Popular Brasileira insgesamt, doch war sie nach dem Latin-Experten Claus Schreiner «weit davon entfernt, eine Musik des ganzen brasilianischen Volkes zu werden». Harmonisch zu komplex, melodisch zu kompliziert und auch die Texte waren zu anspruchsvoll. Bossa Nova hatte einen poetischeren, intellektuelleren, spielerischeren Anspruch als der Samba. Wie der Rock ’n’ Roll in Amerika war Bossa Nova ein Lebensentwurf der Jugend. Die brasilianische Rebellion war aber keine aggressive, sondern intellektuelle. Eine Rebellion, reduziert auf die Erneuerung der Musik.

Weltweiter Siegeszug einer intellektuellen Musik

Mit seiner Album-Trilogie «Chega de Saudade» (1959), «O amor,
o Sorriso e a Flor» (1960) und «João Gilberto» (1961) sorgte João Gilberto aber auch für einen weltweiten Siegeszug des Bossa Nova. In Brasilien blieb der Bossa Nova bis heute die Musik einer intellektuellen Minderheit. Ganz verebbt ist die «neue Welle» jedoch nie. Im Jazz blieb sie eine Konstante und erlebte in der Popmusik immer wieder kleinere Revivals. So in den 80er-Jahren im Pop-Jazz von Sade, Matt Bianco und Konsorten und dann wieder in den 90er-Jahren: Der Sound wurde wiederentdeckt und auf der Grundlage von moderner Studiotechnik neu interpretiert. Als Brasilectro eroberte der Bossa Nova erneut die Herzen der Europäer. Wichtigste Vertreterin: Bebel Gilberto – die Tochter von João Gilberto.

Jetzt ist João Gilberto am Samstag im Alter von 88 Jahren in seiner Wohnung in Rio de Janeiro nach längerer Krankheit gestorben. Gemäss Medienberichten war er zuletzt hoch verschuldet. «João Gilberto ist von uns gegangen, das grösste Genie der brasilianischen Musik», schrieb die Sängerin Gal Costa auf Instagram. «Er wird sehr vermisst werden. Sein Erbe hat eine grosse Bedeutung für Brasilien und die Welt.» Der Sänger Caetano Veloso sagte: «Für mich war João Gilberto der grösste Künstler überhaupt.»

Verstorbene Prominente im Jahr 2019: