Traumhaft war nicht nur das Wetter und die Abendstimmung auf Schloss Lenzburg, wo am Dienstag die «Lenzburgiade» mit viel Prominenz aus Politik und Wirtschaft eröffnet wurde. Traumhaft ist auch die Stimme der russischen Koloratursopranistin Julia Lezhneva, die das Publikum zu einer Standing Ovation hinriss.

Für die Jubiläumsausgabe zum 10-jährigen Bestehen dieses Internationalen Klassik- und Folk-Festivals ist es gelungen, hochkarätige und spezielle Künstler nach Lenzburg zu verpflichten. Eine davon ist Lezhneva, die wie ein Komet am Himmel der Koloratur-Soprane aufgegangen ist. Erst 28-jährig, singt sie bereits an wichtigen Konzerthäusern und Festivals in Europa, in den USA und in Japan. Schon mit 18 Jahren machte sie am Rossini-Festival im italienischen Pesaro Furore und schaffte den internationalen Durchbruch.

Hoch über Lenzburg klingt die Musik

Hoch über Lenzburg klingt die Musik

Die Gesangskünste der Sopranistin Julia Lezhneva bleiben unübertroffen. Die prominenten Gäste mögen keine Kostprobe ihrer eigenen Singkünste geben.

Unwiderstehliche Sängerin

Lezhnevas Leidenschaft gilt aber weniger dem italienischen Belcanto eines Rossini oder Donizetti, sie liebt vor allem die hohe Koloraturkunst der Barockzeit von Vivaldi, Händel und Broschi. An der Lenzburgiade mischte sie Arien aus deren heutzutage kaum mehr bekannten Opern mit russischen Volksliedern, dazwischen bot das Instrumentalensemble La Voce strumentale mit dem Primgeiger Dmitry Sinkovsky aparte Concerti grossi.

Seit ihrem umjubelten Debüt 2017 am Lucerne Festival Ostern ist Lezhneva auch in der Schweiz ein Begriff. Was macht diese junge Sängerin so unwiderstehlich? Koloraturen sind an sich ja etwas ausgesprochen Artifizielles, im Barock lieferten sich die Sänger-Stars damit hochvirtuose Wettkämpfe. Dafür muss die Stimme sehr agil sein, die Melodielinie wird virtuos verziert, staccato statt legato, die Töne werden einzeln und weit auseinander gesetzt, und das muss man rein intonieren.

Spielerische Leichtigkeit

Julia Lezhneva verfügt über eine sehr schöne, weiche und doch klare Stimme. Spielerisch leicht wirken ihre Zauberkünste, aber sie «zwitschert» nicht nur brillant, sie berührt einen auch mit ihrem Gesang. Die Kraft ihrer Stimme dosiert sie intelligent und subtil, hier leichter, dort etwas mehr, und sie trifft auch die Spitzentöne sehr präzise. So entfaltete sie vor allem bei Händel ein wahres Feuerwerk an rasenden Koloraturen, prägnant im Ausdruck und dramaturgisch interessant. Überraschend ist auch ihre samtige tiefe Lage, die in den beiden russischen Volksliedern schön zum Tragen kam.

Ihr zur Seite stand Dmitry Sinkovsky mit seinem russischen Ensemble La Voce Strumentale, ein Name, der auch auf Sinkovskys Mehrfachbegabung hinweist. Er ist nicht nur leitender Primgeiger, sondern auch Countertenor. So erhob er an diesem Abend als Echo-Dialogpartner der Sängerin überraschenderweise auch seine eigene Stimme.

Die Concerti grossi von Telemann und Vivaldi spielte Sinkovsky mit leichtem Bogen und schlichtem Ton, daneben kam die rhythmisch prägnante Virtuosität des Ensembles gut zur Geltung. Heikel waren die langsamen Sätzen, die so leise gespielt wurden, dass man sie kaum mehr hörte. Von den vier Dreingaben waren die beiden anschmiegsamen Sänger-Duette von Sinkovsky und Lezhneva einfach himmlisch.