«Ich starrte auf meine Pianos und war unfähig, irgendetwas zu spielen», schreibt Keith Jarrett in den Liner Notes zu seinem neuen Album «After The Fall». Zwei Jahre lang litt das Klavier-Genie unter dem mysteriösen CFS- Syndrom (chronic fatigue syndrom).

Anfang 1998 ging es Jarrett wieder etwas besser, doch erste Proben mit seinem Trio mit Gary Peacock (Bass) und Jack de Johnette (Schlagzeug) endeten mit einem Rückfall. Trotzdem wollte er zurück auf die Bühne. «Ich sah keine andere Option, als es mit einem Konzert zu versuchen», sagt Jarrett. So kam es am 14. November in einer neuen Halle in Newark, nur eine gute Stunde von Jarretts Heim entfernt, zum ersten Konzert nach seiner grössten Krise. Zur grossen Rückkehr «After The Fall».

Die Freude ist hörbar

Jarrett fühlte sich noch nicht ganz bei Kräften und wusste nicht, ob es funktionieren würde. Es sei ein «ängstliches Experiment» gewesen. Um das Risiko zu minimieren, wählte er ein Set von vertrauten Bebop-Standards wie «Scrapple From The Apple» (Charlie Parker), «Bouncin With Bud» (Bud Powell), «Doxy» (Sonny Rollins) oder «Moment’s Notice» (John Coltrane).

Also eine für Jarretts Verhältnisse traditionelle Form mit klar definierten Rollen und Hierarchien. Ein kalkuliertes Risiko, in dem sich Peacock und de Johnette auf die begleitende Funktion beschränkten.

Wir haben Jarrett schon innovativer erlebt. Da und dort hat man das Gefühl, dass er mit seinen Kräften etwas haushälterisch umgeht. Aber wir erleben einen hoch motivierten, erstaunlich frischen, lebendigen Jarrett. Es funktioniert wieder und die Freude darüber ist hörbar.

Jarrett groovt und swingt. Der hyperkritische Meister selbst spricht von einem «truely great concert». «After The Fall» ist kein Geniestreich, aber die Wiedergeburt des Musikers Keith Jarrett. Ein Hörvergnügen und ein wichtiges historisches Dokument in der Karriere eines der letzten wirklichen Genies. Experiment gelungen, der Musiker lebt!

Keith Jarrett After The Fall (ECM/Musikvertrieb).