Musik

Die Zürcher Rapperin Big Zis hat während des Lockdowns ein neues Album aufgenommen

«Verbiegen will ich mich nie», sagt Big Zis, 44.

«Verbiegen will ich mich nie», sagt Big Zis, 44.

Big Zis veröffentlicht nach elf Jahren wieder ein Album. Und zeigt, warum sie immer noch «Too big to fail» ist.

Am Schluss wird die Systemkritik dann tanzbar. Aus dem schmissigen «Funky Cold Medina» von Lōc wird bei Big Zis das nicht minder schmissige «Funky Cool Vagina». Darin rappt die Zürcherin, dass sie «kei Kompromiss bi minre Klitoris» dulde und ihre «funky cool Vagina» gar «systemrelevant» ist. Too much? Maximal ein bisschen. Während allerlei Rapper wie selbstverständlich über ihr Gemächt texten, irritiert die gleiche Selbstverständlichkeit bei einer Frau immer noch. «Und gerade deswegen muss man es machen», sagt Big Zis.

Franziska Schläpfer, wie Big Zis bürgerlich heisst, hat im Lockdown ein neues Album gemacht. Es sei aber kein Lockdown-Album, wie sie betont. Die Krise hat aber Krisen sichtbar gemacht, die schon vor der Krise Krisen waren. Und es sind Krisen, um die sich die Texte von Big Zis schon länger drehten. Es geht um die Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft. «Gerade die Geburt meiner drei Kinder hat mir knallhart vor Augen geführt, wie fest Frauen noch immer benachteiligt sind», sagt sie. Schon bevor auf den Balkonen für die Pfleger und Pflegerinnen applaudiert wurde, hatte sie den Text zu iCare geschrieben: «ich flick und ich mach/ich versorg und ich bach/es isch klarer als klar/ich sorg und bin da/das isch nöd unbezahlbar.» Klingt trotzdem wahnsinnig aktuell. «Ist es ja auch», entgegnet Big Zis, «aber das war es ja schon vor Corona.»

Die 44-jährige Zürcherin spricht selbst bittere Sachen ohne Verbitterung an. Wegen Corona ist ihr auch vieles weggebrochen, keine Auftritte, dafür «ganz viel Zeit». Dank dem Gewinn des Schweizer Musikpreises wurde sie auch während des Stillstands nicht zappelig. Die Existenzängste holten sie dann aber doch ein, ab September arbeitet sie wieder teilweise in einem regulären Job. «Ich bin grösstenteils alleinerziehend, da kann ich nicht einfach warten», sagt Big Zis.

Ihr Album «4×Love:2» kommt mitten in einer Zeit der grossen Unsicherheit: Kann man Konzerte geben? «Aber warten wäre doch auch falsch», sagt Big Zis. Sowieso: «Ich bin da eher pessimistisch. Ob es in einem Jahr wirklich besser ist, bezweifle ich.» Was man auch sagen muss: Für Big Zis ist die 1000er-Grenze abseits der Sommerfestivals meist nicht sonderlich relevant. Die Zürcherin ist manchmal verkopft, manchmal sperrig, manchmal explizit, manchmal poetisch. Stets ist sie nicht massentauglich. Bewusst: «Verbiegen will ich mich nie.»

Auf der Bühne einfach passieren lassen

Musikalisch ist sie längst weg vom Hip-Hop, den sie noch vor der Jahrtausendwende machte. Wuchtig, pumpig und häufig sehr fragmentartig sind die Beats, über die sie dichtet. Eine Entwicklung, die sich wie logisch ergeben habe. «Während der Zeit, als meine Kinder noch klein waren, hatten wir gar keine Zeit zum Proben. Konzerte spielten wir trotzdem und liessen es einfach passieren», sagt sie. Das klingt oft etwas verjazzt und verspielt und lockt häufig auf falsche Fährten, um dann doch wieder umzukehren.

Bei aller Sperrigkeit: Gehört werden will Big Zis, und etwas sagen will sie auch. «Diesmal vielleicht sogar noch deutlicher als zuvor», wie sie zugibt. Wenn sie in «To Bling To Plong» Begrifflichkeiten aus der Wirtschaft dem weiblichen Körper gegenüberstellt, will sie sagen, dass nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Frauen «too big to fail» sind. Bei Corona ist Big Zis pessimistisch. Wie sieht sie die Zukunftsprognosen für mehr Gleichstellung? Es lacht durch das Telefon: «Ich hoffe immer. Aber dann hätte ich ja nichts mehr zum drüber schreiben.»

Big Zis: Big Zis: 4×Love:2 (Blonk). Erscheint am 21.8.

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