Klassik
Chefdirigent Rune Bergmann verspricht: «Das Argovia Philharmonic wird ein Orchester für die Welt sein»

Rune Bergmann wurde mitten in der Pandemie Chefdirigent des Argovia Philharmonic. Ein Gespräch über die Wirkung der Kultur in der Krise.

Elisabeth Feller
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Endlich wieder real im Konzertsaal: Rune Bergmann und Argovia Philharmonic haben ihr Publikum vermisst.

Endlich wieder real im Konzertsaal: Rune Bergmann und Argovia Philharmonic haben ihr Publikum vermisst.

Bild: Patrick Hürlimann

Seinen Einstand als neuer Chefdirigent des Argovia Philharmonic gab Rune Bergmann im Herbst 2020 in der Badener Trafo Halle 37 – mitten in der Pandemie. Seither ist der Norweger immer wieder für Konzerte in die Schweiz gereist, wobei jene mit dem Argovia Philharmonic nur als Livestream stattfinden konnten. Das wird beim letzten, hybriden Anlass der Saison am 9. Mai anders sein.

Noch sind Sie auch Chefdirigent der Filharmonia Szczecin in Polen und des Calgary Philharmonic in Kanada. Bei Ihrem Einstand bei Argovia Philharmonic 2020 war die Corona-Pandemie omnipräsent– sie ist es auch 2021. Wie haben Sie die letzten Monate erlebt?

Rune Bergmann: Es war wirklich eine sehr seltsame Zeit für uns alle, weil es weltweit so viele Unsicherheiten und besorgte Menschen gab, die hofften, dass die Pandemie möglichst schnell vorbei sein werde. Persönlich kann ich mich jedoch nicht beklagen. Viele Menschen hatten sehr zu kämpfen, doch ich war glücklicherweise in Sicherheit und ich bin gesund. Ich bin extrem dankbar, dass ich Livestreams in der Schweiz und in Polen machen konnte. Aber ich fühle mit den Musikerinnen und Musikern in Calgary, die seit über einem Jahr nicht mehr auftreten können. Leider gab es für mich keine Gelegenheit mehr, mein Orchester in Kanada zu treffen. Hoffentlich wird die Situation bald besser.

Sie leben in Ihrer Heimat Norwegen. Können sie von dort ohne weiteres aus-, und einreisen?

Leicht ist es nicht. Aber es ist doch erstaunlich, wie rasch wir uns an eine neue Normalität gewöhnt und unser Leben daran angepasst haben. Natürlich gibt es viel mehr zu planen, weil viele Airlines derzeit nicht fliegen. Also muss ich hin und wieder in Quarantäne gehen. Ich werde wohl schon bald den Weltrekord im Testen auf Covid-19 erreichen.

Die letzten Konzerte gab es für das Publikum nur als Livestream: Zuerst spielten Sie im Probenraum in Buchs, danach im Trafo Baden. Nun wird es zum Schluss noch einmal spannend, denn das 5. und somit letzte Abo-Konzert am 9. Mai findet in hybrider Form statt – für alle Interessierten zu Hause vor den Bildschirmen und für 50 Personen im Saal. Ein emotionaler Moment für Sie?

Absolut. Wir alle vermissen unser Pu­blikum sehr. Wir hoffen, dass es auch uns vermisst. Natürlich ist es traurig, dass uns nur gerade 50 Leute im Saal zuhören können, aber alles in allem ist das ein grosser Schritt in die richtige Richtung.

Streaming war das Zauberwort während der vergangenen Monate. Dank Streaming ging der Kontakt mit Orchestern nicht verloren. Wird Streaming künftig eine noch bedeutendere Rolle einnehmen als heute?

Ich bin seit langem überzeugt, dass Streaming bleiben wird. Die Pandemie hat uns diesbezüglich noch mehr in diese Richtung gepuscht. All die vielen Technologien, die uns heute zur Verfügung stehen, sind einer natürlichen Entwicklung zu verdanken. Sie ermöglichen allen einen leichteren Zugang, ganz speziell aber der jüngeren Generation, die mit diesen Technologien aufgewachsen ist.

Aber können Technologien überhaupt Liveerlebnisse ersetzen?

Glücklicherweise nicht. Ein Stream kann niemals mit den Gefühlen und den Erfahrungen, die man bei einem Livekonzert macht, konkurrieren. Aber: Ein Stream macht uns eben der ganzen Welt zugänglich. Und diese, so hoffen wir jedenfalls, wird dann auch ein Livekonzert besuchen.

Erst seit kurzem gibt es zaghafte Öffnungsschritte der Konzerthäuser. Wie die Nachfrage zeigt, ist der Hunger nach Konzerten gross. Wie wichtig ist die Kultur in Zeiten einer Pandemie?

Ich glaube, dass die Pandemie uns alle erinnert hat, wie wichtig Konzerterlebnisse für uns sind. Wir nahmen sie als Selbstverständlichkeit. Erst als wir keine Gelegenheit mehr hatten, Konzerte zu geben, wurde dies den Menschen so richtig bewusst. Kultur wird immer extrem wichtig sein, um die Welt zu heilen nach einer schwierigen Zeit.

Wie wird die Kultur aus der Krise kommen?

Ich bin überzeugt: Gestärkt.

Waren die vergangenen, schwierigen Monate auch eine Zeit, um über vieles nachzudenken?

Sicher. Der grösste Teil jener Menschen, die ich getroffen und mit denen ich gesprochen habe, hatten sehr viel Zeit, um nachzudenken – gerade über die Zukunft. Das Bedürfnis nach Kultur wird wahrscheinlich stärker denn je sein, wenngleich auf eine andere Art und Weise. Ich persönlich bin jedenfalls gespannt, wie wir auf die Bühne zurückkehren und damit das Konzerterlebnis für unser Publikum noch interessanter machen können.

Wer von einem Orchester spricht, spricht von seiner Unverwechselbarkeit – damit wird es interessant. Wie erreicht man eine solche?

Die Kombination der Menschen ist entscheidend für den Erfolg. Ich kann mit Programmen arbeiten und das Orchester künstlerisch, technisch und musikalisch entwickeln. Aber nur die Kombination all dessen sowie die Persönlichkeit aller Musikerinnen und Musiker vermögen Magie entstehen zu lassen.

Fällt das Kreieren von Magie derzeit schwerer?

Die grösste Herausforderung für unsere Kommunikation während der Pandemie sind die Masken, die Musikerinnen und Musiker tragen müssen. Der Gesichtsausdruck ist nun einmal wichtig für die Magie. Es beeindruckt mich sehr, wie die Orchester mit dieser schwierigen Situation umgehen. Ich verspreche Magie jedenfalls auch im kommenden Konzert.

Seit September 2020 haben Sie das Argovia Philharmonic in akustisch unterschiedlichen Räumen dirigiert. Stehen die Sterne günstig, wird die Alte Reithalle in Aarau im Herbst dieses Jahres eingeweiht. Von da an wird das Orchester stets in diesem Raum proben können. Was bedeutet dies für die Entwicklung eines unverwechselbaren Klangs?

Die Alte Reithalle wird das Orchester in mancherlei Hinsicht verändern. Allein der Umstand, dass wir ein neues Zuhause haben, das gerade auch für Konzerte gemacht worden ist, gibt uns die Möglichkeit, uns weiterzuentwickeln – und zwar sowohl im Hinblick auf die Balance sowie auf den Klang. Das Orchester kann sein Potenzial voll ausschöpfen …

… um dem Publikum noch mehr magische Momente zu bescheren?

Ja. Wir freuen uns sehr auf den Beginn eines neuen Kapitels – und das nicht nur für das Argovia Philharmonic, sondern auch für Aarau, die Schweiz und den Rest der Welt, der hoffentlich unsere Konzerte besuchen wird.

Am 9. Mai werden Sie Edward Elgars Konzert für Violoncello und Pjotr I. Tschaikowskys 5. Sinfonie dirigieren. Ein Herzensanliegen für Sie?

Beide Kompositionen sind wunderbar, weshalb sie zu meinen Favoriten zählen. Beide sind Meisterwerke, die in einer sehr emotionalen Weise zu uns sprechen. Denke ich an die Pandemie und an die Herausforderungen, mit denen die Welt zu kämpfen hat, könnte ich mir am 9. Mai kein schöneres Programm vorstellen.

Ein Blick in die Zukunft: Wo sehen Sie das Argovia Philharmonic in fünf Jahren?

Dann sehe ich ein Orchester, das voller Vertrauen ist – und dies gerade im Hinblick auf das Aufspüren magischer Momente in der Musik. Ich bin überzeugt, dass die Kombination von Orchester-Entwicklung, Streaming und Alter Reithalle die Augen und die Ohren all jener öffnen werden, die das Orchester hören. Das Argovia Philharmonic wird ein Orchester für die Welt sein.

«Hymne auf die Leidenschaft». 5. Abo-Konzert. 9.5. via argoviaphil.ch