Erstmals tauchte Asbest vor zwei Jahren im Basler Hirscheneck auf. Keine Giftfaser, sondern ein Gewitter war es, das sich im Keller unten entlud: Dreckige Gitarren, zischende Becken, und eine Stimme, die Sätze schrie wie: «No black, no white, not even grey!»
Mit voller Wucht bekam das Publikum diese heftige Entladung zu spüren. Auch Robyn Trachsel haute es um. Dabei kannte sie die Songs schon, die Texte auch. Schliesslich hatte sie sie geschrieben.

Trotzdem erlebte sie diese neu. Wurde überwältigt von ihrer eigenen Emotionalität. «Ich war ausgekotzt. Kaputt. Völlig leer», erinnert sie sich an dieses erste Konzert zurück.
Es war wie ein Befreiungsschlag, nach einer Zeit, die nicht einfach war für die heute 30-Jährige. «Ich musste mich mit mir selber neu aushandeln. Das war kräftezehrend», erzählt sie bei einer Mate im Hirschi mit leiser, sanfter Stimme. Robyn machte eine Transformation durch, vom Mann zur Frau. Ein Prozess, der sich auch in ihrem musikalischen Ausdruck bemerkbar machte. «Aber weil ich ein Kopfmensch war, blieb vieles immer auf dieser rationalen Ebene, fand keinen emotionalen Ausdruck. Bis zu diesem Bandprojekt. Es öffnete unbemerkt eine Tür.»

Jahrelang hatte Robyn Trachsel auch für sich selber ein trügerisches Leben geführt: «Nicht gekonnt, nicht gewusst, mir nicht erlaubt, mich zu sein.»

Ein schmerzhafter Prozess

Die Zweifel, die Unsicherheiten, sie dringen auf ihrem ersten Album durch, das heute Abend in der Kaschemme getauft wird. So eindringlich wie der lärmige Post-Punk im Titelsong «Driven» sind auch die ersten Zeilen:

I’m more afraid than I would like to admit
what could I do if it all turns to shit?
There’s no guarantee that this is all worth the pain
I might not like what I’m about to obtain

Jahrelang hatte Robyn das Bedürfnis, alles unter Kontrolle zu haben, merkte aber, dass das nicht funktionierte. «Chain Reaction», ein anderer Song auf dem Album, zeugt von der Kettenreaktion, die mit der Transformation zur Frau einherging.

Chain reaction
No end is near
Chain reaction
Aim unclear

Man spürt: Es war ein schmerzhafter Prozess. Aber auch ein befreiender, wie Trachsel im finalen Song «Persona Non Grata» festhält.

Don’t be sorry when he’s gone
He lived for far too long
Don’t be sorry when he’s gone
He must die for her to move on

So persönlich die Texte sind, sie lassen Interpretationsspielraum zu, sind offen gehalten. «Das war mir wichtig, ich wollte meine Erfahrung auf eine allgemeinere Ebene heben, sodass andere auch ihre Situation hinein interpretieren können. Sonst wär’s ein bisschen Ego-Gewichse», sagt sie und lacht. «Schliesslich leiden doch alle in irgendeiner Form im Alltag. Wer schon nur in kleinen Nuancen von der Norm abweicht, kriegt das zu spüren.»

So reflektiert Trachsel im Gespräch Auskunft gibt – sie hat Biologie, Philosophie und Soziologie studiert – so sehr geniesst sie die gnadenlose Direktheit der Musik. «Ohne intellektuelle Argumente hinstehen und einfach mal reinschreien: Das hätte ich mir ohne diese Band gar nicht ausdenken können.»

Die Entfesselung durch Lärm, die Freude an Effekten, an der Lautstärke auch, entwickelte sich aus einer Liebe für Gitarren-Musik. «Seit ich Teenie bin, höre ich Bands wie Nirvana oder Dinsoaur Jr.»

Robyn war 16, Schüler am Gym Münchenstein, als er sich das Gitarrenspiel aneignete, später für Postrock-Bands wie Mogwai ebenso schwärmte wie für den No Wave von Sonic Youth.
Der musikalische Prozess brauchte Zeit, bis vor zwei Jahren Asbest entstand. Nebst ihrer Freundin Judith Breitinger am Bass gehört neu Jonas Häne am Schlagzeug zur Band, einer Band, die sich die Freiheit nimmt, gemeinsam auszubrechen.

Die Identitätssuche geht weiter

Freiheit und Individualität wird bei Asbest zu Musik, ihre Songs stehen nicht für einen Weltschmerz, sondern für einen Schmerz, der von Menschen gemacht wird, in einer Demokratie, in der noch nicht alle Grundbedingungen gegeben sind – und das von einer Gesellschaft, die gegenüber gewissen Aspekten repressiv wirkt, sich aber gerne betont frei und offen gibt. «Wenn dem so ist, warum muss man dann seinen eigenen Personenstand im Pass einklagen?», fragt sich Robyn Trachsel. Und man spürt, bei aller Identitätssuche und Individualität, in Anlehnung an die britische Band Skunk Anansie: «Yes, it’s fucking political!»

Albumtaufe: Kaschemme, Basel. Freitag, 12. Oktober, 21 Uhr.
Asbest: «Driven», A Tree in a Field Records.