Negative Klischees über Dirigenten gibt es zuhauf: der Dirigent als Alleinherrscher über das Orchester, exzentrisch bis tyrannisch, mit divenhaften Attitüden. Johannes Schlaefli, der neue Chefdirigent des Collegium Musicum Basel, ist ziemlich das Gegenteil davon: Mit dem Fahrrad kommt er zum Gesprächstermin angeradelt, geduldig und freundlich beantwortet er die Fragen und entschuldigt sich ausführlich dafür, dass er leider die Orchesterszene in Basel noch nicht so gut einschätzen könne.

Zwar wohne er seit Jahren hier, doch in letzter Zeit sei er so häufig unterwegs, dass er kaum dazu komme, Konzerte in Basel zu besuchen. Seine Professur für Orchesterdirigieren an der Zürcher Hochschule der Künste, das Chefdirigat des Kurpfälzischen Kammerochesters Mannheim, Meisterkurse in New York oder in Helsinki sowie Gastauftritte unter anderem in Hong Kong, São Paulo und in München halten ihn auf Trab.

In der Klassik verwurzelt

In Zukunft wird er jedoch häufiger bei Basler Konzerten anzutreffen sein: als Zuhörer und vor allem in seiner neuen Position als Chefdirigent des Orchesters Collegium Musicum Basel. Die Möglichkeit wieder mehr an seinem Wohnort tätig zu sein, sei ein wichtiger Grund, wieso er den Posten angenommen habe.

Noch weitere Aspekte gefallen ihm gut am Collegium Musicum: «Als eine Art Projektorchester, das für jedes Konzert wieder zusammenkommt, sind die Musikerinnen und Musiker sehr engagiert und bereit viel zu geben und auf vieles einzugehen. Das war auf jeden Fall mein Gefühl beim Probedirigat. Zudem sagt mir die Richtung der Programmierung sehr zu.»

Das Programm des Collegium Musicum ist fest in der klassischen Epoche verwurzelt. Unter ihrem letzten Dirigenten, Kevin Griffiths, wagte sich das Orchester vermehrt in die Romantik und sogar bis ins 20. Jahrhundert vor. Dieser Linie möchte Schlaefli treu bleiben. Er ist bestens mit dem klassischen Repertoire vertraut, aber auch neuere Musik liegt ihm am Herzen.

So sollen neben den Klassikern zugängliche und kraftvolle Werke aus dem 20. Jahrhundert Eingang ins Programm finden, zum Beispiel Werke des unbekannten georgischen Komponisten Vazha Azarashvili.

Das kommende Saisonprogramm ist noch grösstenteils von seinem Vorgänger Griffiths gestaltet worden, was Schlaefli jedoch gelegen kommt. Das Eröffnungskonzert im Musical Theater morgen Freitag besteht aus Werken der drei Heroen der Wiener Klassik: Mozart, Haydn und Beethoven. Gerade bei der vierten Symphonie Beethovens kann er von seiner Erfahrung auf diesem Gebiet, aber auch von seiner Tätigkeit als Dirigierlehrer profitieren.

«Die vierte Symphonie habe ich schon öfters unterrichtet, das letzte Mal ist noch gar nicht so lange her. Als ich jetzt wieder die Partitur studierte, sind mir viele Situationen auch aus der Arbeit mit den Studierenden in den Sinn gekommen. Und durchaus auch gewisse Stellen, die ein bestimmter Studierender besonders schlüssig interpretiert hat. Das Unterrichten ist eben ein ständiges Geben und Nehmen.»

Einen sinnvollen Platz finden

Als ein Geben und Nehmen und nicht als Konkurrenzkampf sieht er auch die Dichte der Basler Orchesterlandschaft. «Es macht keinen Sinn, dass wir mit dem Collegium per Zufall in die gleiche Kerbe schlagen, wie das Sinfonieorchester Basel eine Woche zuvor. Wir möchten in dem reichhaltigen Angebot, das Basel schon hat, einen Platz suchen, der Sinn macht. Als Kulturanbieter steht man immer in Konkurrenz miteinander, das ist nicht zu umgehen. Aber es geht doch darum, dass man das Konzertleben so interessant und vielfältig als möglich gestaltet.»

Auch bei der Frage nach seinem musikalischen Ansatz bleibt Schlaefli bescheiden. Er spricht lieber von seinen Vorbildern als von sich selbst. Ihn interessiert die historisch informierte Aufführungspraxis: Originaltempi, lebendige Artikulation und Phrasierung und eine transparente Klanggestaltung, damit jedes musikalische Thema hörbar und dadurch sprechend wird.

Diesen Ansatz möchte er auch mit den modernen Instrumenten des Collegium Musicum verwirklichen. «Man spielt auf modernen Instrumenten natürlich anders als auf alten; der Klang ist anders. Doch es kann genauso spannend und sprechend sein, genauso historisch informiert. Wenn man sich informiert, muss man das auf das Heute beziehen. Da geschieht natürlich eine Transformation. Das wird auch die Richtung sein, in die ich mit dem Orchester gehen möchte.»

Collegium Musicum Basel Eröffnungskonzert, Freitag, 7. September, 19.30 Uhr, Musical Theater, Basel.