Da sitzt er, Marco Naef. Sitzt in Gedanken vertieft auf einem Sofa, hinter ihm ein Triptychon, das seit 500 Jahren Rätsel aufgibt: «Der Garten der Lüste» des Malers Hieronymus Bosch.

Wie nah Liebe und Schmerz sind, kennt er aus eigener Erfahrung. Und verwandelt das in Musik, so reich an Details und Metaphern wie das Bild von Bosch, das sich (durchaus ironisch) der Schöpfung und der Lust widmete, aber auch dem Abgrund, der Hölle.

Vom Alb- zum Wunschtraum

Die Hölle. Marco Naef hat sie durchgemacht. Als Bassist war der Wahlbasler Teil der letzten Besetzung von Navel, der lange Zeit erfolgreichen Schweizer Rockband um Sänger Jari Altermatt. Mit Navel reiste Naef durch Europa und veröffentlichte zwei Alben. Ende 2015, löste sich die Band auf und mit ihr auch sein Selbstwertgefühl. Der Bassist verlor den Halt, verlor sich selber und landete in der Klinik. Burnout.

«Ich musste mir eine Struktur geben, mein Leben in kleinen Schritten wieder aufbauen», erzählt er mit ruhiger Stimme. «Nach meinem Zusammenbruch lernte ich, unabhängig und frei von Zwängen, Erwartungen und Klischees zu werden. Danach erst fühlte ich mich richtig bereit dazu, wieder zu leben.» Er war bereit, das zu machen, wovon er sein Leben lang geträumt hatte: ein eigenes Album.

Es war nicht das erste Mal, dass der gebürtige Laufenburger aus der Spur geworfen wurde. Als Teenager war er auf dem Weg zum Profi-Velorennfahrer, hatte einen Elite-Vertrag in Italien, musste die Karriere nach einem Unfall aufgeben. Also begann er Musik zu machen, wie er Velo fuhr: «Mit Vollgas», wie er sagt.

Schon mit Anfang Zwanzig hatte er Entwürfe im Kopf, Songideen, Lust auch, «aber noch nichts zu sagen.» Er rutschte in Bands hinein, wuchs als Mensch, wuchs als Musiker. Im Sommer 2016, nach der grossen Leere, fühlte er sich bereit, grub Songskizzen und Notizen aus, entschied sich für neun Lieder, holte befreundete Musikerinnen wie Anna Aaron oder Nadia Leonti ins Studio und veröffentlichte im Frühjahr 2018 sein Solodebüt unter dem Pseudonym The Night Is Still Young. Ein poetischer Name, der zu den sehnsuchtsvollen Liedern passt.

Kaum hatte er die 500 Vinyl-Exemplare auf den Markt gebracht, holte die Gegenwart den zweifachen Vater ein – Sorgen und Weltschmerz. «Mein grösster Kampf ist es, mein Bewusstsein in positive Energie umzuwandeln», sagt Naef. Um nicht zu verzweifeln, zog er sich im Sommer mit Produzent Alain Meyer ins Studio zurück, nahm neue Lieder auf, was zur zweiten Veröffentlichung führt: «Universal Boundaries».

Das grosse Auge auf dem Cover steht für den Blick des Beobachters, der nicht wegschauen kann, was um und in uns geschieht. «Release the Pain» singt der 32-Jährige zu Beginn, und es klingt wie ein Tagtraum im Schwebezustand. Man lässt sich wegtragen, taucht ein in diese vier Songs, in denen er auf herrliche Weise die dunkle Sehnsucht des britischen Artrock mit der Abendsonne Kaliforniens zusammenführt. Wo Licht ist, ist auch Schatten.

Dabei kombiniert er lange Songstrukturen mit Gesellschaftskritik, wie das seine Generation durch Steven Wilson oder Archive schätzen gelernt hat. Da sind auch die schleppenden Rhythmen und singenden Gitarren von Pink Floyd und, im 13-minütigen Song «Dreaming of L.A.», gar ein wunderbar-warmes Saxofon, das an Supertramp erinnert.

Referenzen, mit denen Naef leben kann, weil sie in seiner umfassenden Plattensammlung stehen. Er kennt keine musikalischen Scheuklappen, pfeift auf Stilpolizei und Trends. Zu wichtig sind ihm die Inhalte, um sich mit Oberflächlichem herumzuschlagen. Auch wenn er am Ende «We are doomed» singt, bleibt ein Funken Hoffnung, und sei es nur auf sein nächstes Album.

Albumtaufe  Heimat, Erlenstr. 59, Basel. Fr, 23.11., 21 Uhr.
Die Alben «King of the Bees» und «Universal Boundaries» sind auf Vinyl erhältlich (Radicalis Music).