Fünf Jahre ist es her, seit die Feuilletons eine neue «Austropop-Welle» ausriefen. Ausschlaggebend waren die Erfolge zweier österreichischer Bands: Wanda, die mit ihrer Single «Bologna» und ihrem Amore-Refrain die Radiohörer ins Herz trafen, und Bilderbuch, die mit «Maschin» und einem überästhetisierten Bling-Video eine überaus lässige, urbane Coolness versprühten.

Auch wenn sich beide Bands seither im Gespräch und in den Charts gehalten haben: Von einer Welle zu reden, war schon etwas voreilig, wie Maurice Ernst, Sänger von Bilderbuch, bei seiner kurzen Interview-Visite in der Schweiz bestätigt: «Was wir machen, entstand ja nicht aus einer Szene, aus einer Bewegung heraus», erklärt er. «Wenn, dann war es ein popkultureller Moment: Man wollte in Österreich Musik machen, die grösser ist als das Land.»

Was Bilderbuch angeht, so ist das noch immer der Fall. Das in Wien ansässige Quartett foutiert sich um Heimattümelei, seine Produktionsweise misst sich an amerikanischen Vorbildern. Auf dem neusten Album reichen die stilistischen Referenzen von George Clintons P-Funk bis zum zurückgelehnten Sonnensound der Red Hot Chili Peppers.

Die Herkunft ist für die Band selber zweitrangig. «Es sind ja nicht die Österreicher, die uns gross gemacht haben. Wenn, dann sind wir unterbewusst heimatgeprägt», sagt Ernst, dessen assoziative Texte zwar mehrheitlich deutsche Wörter enthalten, aber im Titel international funktionieren.

Mit «Bungalow» um die Welt

Die Single «Bungalow» wurde 2017 sogar auf den Färöer Inseln zum Hit, landete hinter Ed Sheeran auf Platz 3. Und vor wenigen Tagen stellten Bilderbuch fest, dass ihre neue Single «LED go» ebenso viele Spotify-Hörer in den USA anspricht wie in Österreich. Das ist in den 80ern schon mal einem anderen Musiker ihrer Heimat gelungen: Falco, der «Amadeus» rocken liess.

Wie Falco sieht sich auch Maurice Ernst darin bestätigt, dass er an deutschen Texten festhalten sollte: «Ich glaube an eine globalisierte Welt, die sich Sprachen gegenüber öffnet», sagt er. «Im Englischen wären wir im Wettkampf mit so vielen anderen Bands. Ich finde, dass wir die einzige Option sein müssen, wenn man etwas sucht, das deutschsprachig ist und a bisserl schräg und funky.»

Was nicht heisst, dass Bilderbuch sich in die Tradition von Kraftwerk oder Rammstein einreihen wollen. «Wir haben nie ein deutsches Klischee bedient. Das machts zwar komplizierter, weil die Leute gerne Klischees konsumieren. Aber als Künstler ist man dadurch freier und kann eher machen, was einem gefällt.»

Diese Freiheit nehmen sich Bilderbuch auch heraus, indem sie mit dem Markt spielen. Erst im Dezember brachten sie über Nacht «Mea Culpa» heraus, ein Album ohne Ankündigung, «ohne Beipackzettel», wie der Sänger es nennt: «Die Musik wird allzu oft über die Kampagne verkauft. Also wollten wir das mal ohne probieren. Das war natürlich ein kommerzieller Wahnsinn», gibt der 30-Jährige zu.

Zwei Monate nach dem Experiment schieben sie bereits ihr nächstes, ihr sechstes Album nach. «Vernissage My Heart» steht für eine Sammlung von acht Songs, mehrheitlich stark und mitreissend, bei denen die Gitarre wieder stärker spürbar ist: «Waren wir früher eine Band, die in der Virtual Reality Musik machte, so transzendieren wir wieder zurück in den Raum, mit echten Gitarren», erklärt der rhetorisch gewiefte Frontmann und ergänzt: «Wer immer das Gleiche macht, bleibt eine Marionette seines Konzepts, seines Business Plans.»

Dass der Sänger die Haarfarbe geändert hat, von blond zu schwarz (was zu Diskussionen führte im Netz) und dass er sich einen Stern aufs Gesicht malte, weckt Assoziationen zu David Bowie. «Veränderungen sind eigentlich natürlich, auch wenn sie anstrengend sind. Genauso muss auch Musik sein», sagt Maurice Ernst. «Wir sind sehr getrieben, wollen Neues entdecken.»

Bei aller musikalischen Versiertheit wird der Band in Österreich allerdings gerne vorgeworfen, unpolitisch zu sein, zu wenig explizit gegen die mächtige Rechte anzusingen. «Was soll ich sagen: Die Leute brauchen einen Erretter und suchen ihn halt überall, auch bei den Musikern», sagt Ernst. «Ich finde es aber ein bisschen schwach und kurz gedacht, Kunst so realpolitisch in die Pflicht zu nehmen. Es geht ja auch um eine gewisse Haltung. Die zeigen wir. Nur arbeiten wir lieber mit Anspielungen.»

So dient der Frisbee im gleichnamigen Song als Symbol für Zusammenhalt, Familiensinn, was ganz ihrem Band-Spirit entspreche. Am stärksten dringt ihr Gemeinschaftssinn und ihre politische Haltung im Schlusssong des neuen Albums durch: In «Europa22» singt Ernst von einem «Leben ohne Grenzen», und das in einer Zeit, in der viele europäische Länder sich diese zurückwünschen und auf Abschottung setzen.

«Freiheit ist für uns eine Energie, die von innen nach aussen öffnet», sagt er und beschwört einen Eskapismus, eine hippieske Utopie herauf. «Und wenn alles schief läuft, kann man immer noch die Sterne anschauen und die Liebe von oben holen. Das ist doch eine schöne, leicht naive Vorstellung, auch wenn wir uns nicht ganz ernst nehmen.»

Während der Text zu «Europa22» nach vier Minuten zu Ende ist, jammt die Band noch lange weiter. Es ist alles gesagt für den Moment. Bilderbuch nehmen sich die Freiheit, die sie auch besingen.



Bilderbuch «Vernissage My Heart»
Live
25. April, Volkshaus, Basel.
26. April, X-Tra, Zürich.
16. Juli, Gurten Festival, Bern.