Er wäre der erste Mensch auf Erden gewesen, der die Liebe durchschaut hätte. Doch natürlich ist auch der Mannheimer Konstantin Gropper, 33 Jahre alt, verheiratet und Vater eines vierjährigen Sohnes, an dieser übermenschlichen Hürde gescheitert. Aber Spass hatte der Musiker, der sich Get Well Soon nennt und seit seinem Debütalbum 2008 zu den spannendsten Pop-Persönlichkeiten des deutschsprachigen Raumes gehört, dennoch bei seinem künstlerischen Versuch, der Liebe auf die Spur zu kommen.

Nach dem sehr komplex-apokalyptischen und von italienischen Seventies-Soundtracks beeinflussten «The Scarlet Beast O’Seven Heads» packt der mit seinem Bariton immer etwas an Nick Cave erinnernde Gropper auf seinem vierten Album «Love» nun auch musikalisch die Liebesperlen aus. So poppig und zugänglich klang Get Well Soon noch nie.

Nun bringt Konstantin Gropper seine Liebes-Songs mit zum Abschlusskonzert des Stimmen-Festivals. Wir haben bei ihm nachgefragt, wie dieses Konzept-Album entstanden ist.

Konstantin Gropper, wie geht man das an, wenn man beschlossen hat, ein Themenalbum über die Liebe zu machen?

Konstantin Gropper: Wie immer. Ich habe zunächst mal gelesen und recherchiert wie ein Bekloppter und schnell entschieden, dass ich mich auf die Zweierbeziehungsliebe beschränke, weil es sonst zu breit geworden wäre. Ich habe mir alles angeguckt, was es in dem Spektrum gibt, vom Groschenroman bis zu Shakespeare. Irgendwo dazwischen habe ich meine subjektive Sicht auf die Liebe gefunden.

Die da wäre?

Vom Wesen her bin ich jemand, der immer nach einer Erklärung sucht, also konkret nach der Antwort auf die Frage «Was ist Liebe?». Letztlich ist mein Fazit und auch das Fazit meines Albums, dass es die Antwort nicht gibt. Macht aber nichts. Ich finde es tröstlich, dass man so etwas Zentrales wie die Liebe weder verstehen kann, noch verstehen muss.

Eine Überraschung ist das nicht.

Nein, insgeheim war mir das von Anfang an klar. Ich wäre ein sehr reicher Mann, wenn ich einen schlüssigen Erklärungsansatz für die Liebe gefunden hätte. Das Schöne an der Musik ist ja das Unscharfe, das Vage. Selbst eine Adele kann in ihren Songs die Liebe nicht erklären.

Welche der Songs handeln von Ihrer eigenen Beziehung?

Eigentlich alle (lacht). Ich bin kein Tagebuchschreiber, meine Sprache ist immer noch sehr bildhaft, aber in den Texten steckt mehr von mir als auf den anderen Alben. «It’s An Airlift» setzt sich ein bisschen näher mit meiner Vaterrolle auseinander. Der Song ist mir sehr leicht gefallen, und doch hoffe ich nicht, dass ich einer dieser Väter bin, die nur noch über ihr Kind sprechen. Wobei die Gefahr gross ist (lacht). Der Sohn fängt schon an, mit meinen Instrumenten herumzuspielen.

Was sagt Ihre Frau zu «Love»? Ist sie gerührt?

Das möchte ich hoffen! Ich habe ihr meine Songs erst sehr spät gezeigt – mir fällt das schwerer, als wenn ich vor 5000 Leuten spiele. Eben weil es so intim ist. Und manchmal ist es auch nicht einfach für meine Frau: Die letzten drei, vier Monate der Albumproduktion bin ich fast wie ein Zombie durchs Haus gelaufen.

Sie arbeiten zu Hause?

Ja. Ich habe mein Studio im Keller. Am Tag arbeite ich an der Musik – die Texte schreibe ich abends mit einem Glas Wein.

Romantisch.

Na ja, es ist einfach ein Keller. Mit Teppich und voller Instrumente. Immerhin habe ich jetzt ein paar Bilder an die Wand gehängt. Unter anderem Porträts von David Bowie und Stanley Kubrick, meinen beiden Lieblingskünstlern. Die beiden schauen mir jetzt über die Schulter, damit ich noch mehr Druck habe (lacht).

Das vorherige Album war sehr sperrig, «Love» ist — für Ihre Verhältnisse — total Pop. War das ein ganz bewusster Schritt?

Schon, ja. Ich habe den Pop und alles, was damit zusammenhängt, lange Zeit vermieden, und dieses Mal habe ich genau das Gegenteil gemacht: Ich habe mir das grösstmögliche Thema gesucht und dazu so viel Pop wie möglich genommen. Das war die sportliche Herausforderung an mich selbst.

Muss Kunst anstrengend sein, selbst wenn sie leicht klingt?

Für mich schon. Ich kann nicht anders. Ich habe die romantische Vorstellung, dass Kunst nicht aus purer Daseinsfreude entsteht, sondern dass ihre Entstehung immer auch ein schmerzhafter Prozess ist.

Hatten Sie eine Art Blaupause für «Love»?

Nicht konkret. Ganz grob ist meine Inspirationsquelle die Popmusik der 70er und 80er Jahre, und ich hatte dieses Mal recht viel Tom Petty oder Bruce Springsteen gehört. Auch den frühen Elton John. Weil gerade diese Musiker mit einfachen Mitteln ein erstaunliches Ergebnis erzielen. Ich wollte meinen Sound insgesamt luftiger halten, was mir wohl nur zum Teil gelungen ist. Ist ja doch alles wieder recht opulent und gross geraten.

Ihre Musik klang noch nie wie die eines jungen Mannes. Nähern sich Künstler und Schaffen allmählich altersmässig an?

Ja, vielleicht, doch. Kann man schon sagen. Auf dem ersten Album wollte ich bewusst älter klingen, als ich damals tatsächlich war.

Sind Ihre Lieder zeitlos?

Das ist mir eigentlich egal, denn den Zeitgeist habe ich eh nie treffen wollen. Wichtig ist mir, dass mich die Musik berührt. Ich bin aber froh, dass ich nicht aktuell oder irgendwie hip klingen muss und auch so genügend Relevanz habe, um die Leute für mich zu interessieren.

Im Video zur Single «It’s Love» spielt der berühmte Schauspieler Udo Kier die Hauptrolle. Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Udo Kier wollte ich schon immer engagieren, ich hatte ihn schon fürs erste Video meines ersten Albums damals angefragt. Das hatte aus finanziellen Gründen nicht geklappt, denn man muss ihn aus Palm Springs einfliegen lassen, wo er lebt. Jetzt war der glückliche Zufall, dass er gerade in Europa drehte, und über eine alte Schlingensief-Connection bekam ich seine Handynummer. Udo Kier ist ein echter Traumschauspieler, nett und professionell zugleich. Ganz viel Respekt, wie er das mit seinen 73 Jahren durchgezogen hat.

Im Video spielt Kier einen Mann, der seine Tochter bei sich gefangen hält. Die klassische Josef Fritzl- oder Wolfgang Priklopil-Fantasie?

Der Song handelt nicht davon. Ich war hinterher fast schockiert, wie erschreckend gut der Text auf das Video passt. Mir ging es beim Schreiben eher allgemein um Liebe als Sucht. Darum, dass die Liebe das Beste wie das Schlechteste im Menschen hervorbringt – und wenn man einmal drinsteckt, dann kommt man nicht wieder raus.

Haben Sie sich bei Ihren Liebesrecherchen manchmal selbst erschrocken, was Liebe alles sein kann?

Ja. Liebe kann man sehr weit fassen. Auch Leute wie Fritzl argumentieren ja mit Liebe – und man muss ihnen das wohl glauben, selbst wenn man es als einigermassen normaler Mensch nicht nachvollziehen kann. Ich denke, eine gesunde Liebe ist ein sehr zartes Pflänzchen.

Haben Sie beim Schreiben des «Love»-Albums selbst Abgründe entdeckt, die Sie vorher nicht kannten?

Während des Schreibens habe ich das nicht bewusst wahrgenommen. Aber meine Frau sagte, als ich ihr schliesslich das gesamte Album vorspielte, gleich an mehreren Stellen «Aha, das ist ja interessant.» Wir sind aber immer noch zusammen (lacht).