Der schweizweit bekannteste Name fehlte am Freitagabend in der Kaserne Basel: Bundesrat Alain Berset war verhindert. Er habe Aufgaben in Bern zu erledigen, sagte Isabelle Chassot, die Direktorin des Bundesamts für Kultur, an der Verleihung des Grand Prix Musik 2017. Die rund 450 geladenen Gäste hatten Verständnis: Die Departementsverteilung im Bundesrat, die letzten Stunden vor der Abstimmung über die AHV-Reform sorgten in den Stunden zuvor für Schlagzeilen. Der Sozial- und Kulturminister hatte dringlichere Dinge zu erledigen an diesem Freitag. Also hob an seiner Stelle in der vollbesetzten Reithalle Isabelle Chassot die Bedeutung der Musik für die Schweiz hervor und stimmte auf den Preissegen ein: Zum vierten Mal ehrte die Eidgenossenschaft Exzellenz, Qualität und Innovation. Und das nicht zu knapp: Rund eine halbe Million Franken beträgt das Preisgeld, das der Bund seit 2014 jedes Jahr ausschüttet.

15 Musikerinnen und Musiker waren heuer nominiert, die meisten Instrumentalmusiker, die wenigsten Vertreter des Liedguts. Grosse Ausnahme: Stiller-Has-Sänger Endo Anaconda. Er wäre wohl der Publikumsfavorit gewesen, wie eine Online-Abstimmung des SRF bestätigte. Aber den Hauptpreis vergab eine siebenköpfige Fachjury, nicht das Volk. Immerhin konnte sich Endo Anaconda am Ende wie die anderen 14 Nominierten mit 25 000 Franken trösten. Durchaus eine stattliche Summe.

«Vergessen wir Beethoven»

Dass die eher der klassischen und improvisierten Musik zugewandte Fachjury den mit 100 000 Franken dotierten Grand Prix einer anderen Person geben würde, war absehbar. Globale Ausstrahlung war bislang die Regel bei ihren Entscheidungen. Ob Industrialpionier Franz Treichler (Young Gods), Klassikkomponist Heinz Holliger oder zuletzt, 2016, die Singer-Songwriterin Sophie Hunger: Ihnen gemein war, dass sie sich durch ihre künstlerische Eigenart von vielen Künstlerkolleginnen und -kollegen dieses Landes abheben und auch ausserhalb ihrer Heimat bewundert und beklatscht werden. Pioniergeist und Durchschlagskraft im globalen Markt: Kriterien, die eine Rolle spielen, konnte man daraus schliessen. 

Wer also würde 2017 das Rennen machen? Jojo Mayer, der furiose Drummer, der vor über 20 Jahren in New York das Schlagzeugspiel revolutionierte und die elektronische Clubmusik auf die Konzertbühne überführt hat? Oder die ebenso virtuose Violinistin Patricia Kopatchinskaja, die mit ihrem ausdrucksstarkem Spiel und ihrer polarisierenden Haltung die Klassik-Welt begeistert (aber auch vor den Kopf stösst)?

Beide international renommierten Favoriten waren aufgrund ihrer Tourneepläne abwesend, im Unterschied zu den anderen Nominierten, die auf der Bühne ihre Diplome abholten und sich meist kurz fassten. Mit Ausnahme des ersten Preisträgers, dem welschen Pascal Auberson, der sich so gut gefiel und lustig fand, dass er minutenlang laberte und – für einen Perkussionisten bedenklich – kein Gefühl fürs Timing und für die Situation hatte. Immer mehr der 450 geladenen Gäste rutschten unruhig auf ihren Sitzen rum. Und waren erleichtert, dass nicht alle anderen Nominierten so narzisstisch auftraten und den Abend in die Länge zogen.

Manche dankten wortlos (der Filmmusiker Peter Scherer etwa), manche mit kurzer, träfer Rede: So etwa der 64-jährige Ostschweizer Töbi Tobler, der ein Traditionsinstrument in die Gegenwart überführt hat und im Appenzeller Dialekt diese Ehrung durch den Bund kommentierte: «Es tut einfach gut. Und seit ich diesen Preis habe, spiele ich auch besser Hackbrett.»  

Damit lockerte er auf. Und liess die Ehrengäste vergessen, dass es heiss und stickig war in der Reithalle, die auch als Übertragungsstudio diente (das Bundesamt übertrug die Zeremonie im Netz) und mit entsprechend viel wärmenden Scheinwerfern ausgestattet war.

Die Nominationen waren bereitsseit Wochen bekannt gewesen – so wartete man gespannt auf den Überraschungsmoment. Es dauerte 75 Minuten, bis man endlich erfuhr, wer 2017 das Rennen um den Hauptpreis machte.

Es ist Patricia Kopachinskaja, die Geigerin, die in Moldawien aufwuchs, in Bern studierte, seit vielen Jahren in der Hauptstadt lebt und via Skype zur Preisverleihung zugeschaltet wurde. Aus einem Hotelzimmer in Bukarest, da sie aktuell auf Konzerttournee war. «Man kann so viel mit diesem Geld anstellen», sagte die 40-jährige Musikerin gerührt und erfreut, angesichts der Tatsache, dass sie 100'000 Franken überwiesen bekommt. «Am liebsten würde ich gleich Kompositionsaufträge erteilen», teilte sie euphorisch mit. «Denn vergessen wir Beethoven und Chopin», so Kopachinskaja feurig, «die moderne Musik, jene unserer Gegenwart, ist doch das Wichtigste!»