Beim Namen fängt es schon an. Billie Eilish Pirate Baird O’Connell. Dass jemand mit einem solchen Namen aus der Norm ausbricht und keine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten macht, dürfte auf der Hand liegen. Billies Eltern, die beide als Schauspieler tätig sind, haben ihre Tochter jedoch nicht nur über ihre Namensgebung auf ein eher unkonventionelles Leben vorbereitet. Sowohl Billie als auch ihren vier Jahre älteren Bruder Finneas haben die Eilishs komplett zu Hause unterrichten lassen. In den USA darf man das.

«Home School hat echt gerockt», plaudert eine insgesamt sehr abgebrüht und reflektiert wirkende Billie Eilish beim Gespräch fröhlich heraus. «Es gab nur ein Jahr, in dem ich gern in die reguläre Schule gegangen wäre, ungefähr mit 12. Und nur deshalb, weil ich auch mal eine Uniform tragen, einen Spind haben und die Mittagspause mit den anderen verbringen wollte. Mir ging es nur um die Gemeinschaft.» Die Phase ging schnell vorüber. «Ich habe immer schon das Gegenteil von dem gemacht, was ich machen sollte. Das gilt auch für den Unterricht. Den ganzen Quatsch lernen, den die anderen lernen müssen, wollte ich nie.»

Billie Eilish hatte früh etwas anderes mit ihrem Leben vor. Mit acht melden sie die Eltern auf ihren Wunsch hin im «Los Angeles Children’s Chorus» an, schon als Kind hat sie eine ziemlich kräftige, klare, überdurchschnittlich dunkle und ausdrucksstarke Stimme. Sie liebt die Musik von Green Day, Avril Lavigne, Drake – und den Beatles, die im Elternhaus fast kultisch verehrt werden.

Billie ist 13, als sie mit ihrem Bruder Finneas den ersten Song, «Ocean Eyes», komponiert und aufnimmt. Eine reduzierte Liebeshymne mit ruhigem Beat und ein wenig Herzschmerz. «Wir fanden das Lied beide schön und stellten es ins Netz.» Die überschwänglichen Reaktionen lassen nicht auf sich warten. Billie spielt erste Konzerte in kleinen Clubs rund um Los Angeles, sie lernt früh, eine Bühne für sich einzunehmen.
Der Bruder ist weiterhin fester Bestandteil ihrer Band und auch auf der kommenden Tournee dabei. Die Geschwister lassen live heftige Synthie-Gewitter auf ihre Fans niederprasseln. Und bleiben ansonsten gelassen.

Während «Ocean Eyes» ab 2015 im Netz für Furore sorgt, schreiben die beiden weiter, bis heute arbeiten sie stets zusammen an Billies Musik. Bis vor kurzem lebten sie «einen Meter entfernt» in ihren Kinderzimmern im Hipsterviertel Highland Park von Los Angeles. Nun ist Finneas (21) ausgezogen. Mutter und Vater Eilish begleiten ihre Kinder übrigens auf einer Tour. Mindestens ein Elternteil ist immer dabei. «Das Leben als Musikerin ist ja nicht ganz frei von Verrücktheiten.»

Das Dunkle fasziniert sie

Der nächste Akt der geschwisterlichen Kooperation heisst «Don’t Smile At Me». Die EP erschien im Sommer 2017 und sorgte dafür, dass Billies Songs bis heute mehr als fünf Milliarden Mal gestreamt wurden, vor allem das introvertiert-intensive «When The Party’s Over» spricht vielen Fans aus den nicht selten pubertär verwirrten Herzen.

Und nun gilt Eilish als eines der gepriesensten Talente der weltweiten Musikszene. Zuletzt sorgte das bassig-bissige «Bury A Friend» für Aufsehen, und auf dem ersten Album, «When We All Fall Asleep, Where Do We Go?», sind weitere Knüller enthalten.

«Mein Ziel mit der Platte war, dass sich alle Songs voneinander unterscheiden», so Eilish, «denn für mich ist es der Sinn eines Albums, all seine Facetten zu offenbaren.»
Deutlich wird die Entwicklung hin zu etwas härterem, dunklerem Pop etwa in «You Should See Me In A Crown». «I love the dark shit», verkündet Billie dazu lachend, und bitte, die Fans, von denen viele sehr hingebungsvoll bei der Sache sind und jede Bewegung Billies im Netz verfolgen und kommentieren, sollen sich bloss keine Sorgen um sie machen. «Nur weil ich in einem Video unheimlich oder fertig aussehe, muss ich das in Wirklichkeit noch lange nicht sein. Mir geht es super, Leute. Entspannt euch, es ist nur Kunst.»

Eilish hat auch klare visuelle Vorstellungen, ihre aktuellen Videos sehen nicht ohne Grund gruselig aus. «Ich liebe Horrorfilme, mein allerliebster ist ‹The Babadook›. Wenn ich den anschaue, drehe ich durch vor Angst, aber der Adrenalinkick dabei ist so geil, dass ich nicht weggucken kann.»

Auf dem Cover zu «When We All Fall Asleep, Where Do We Go» sieht Billie denn auch furchteinflössend aus. Mit pupillenlosen Augen wirkt sie wild und wirr, ein bisschen gruselig gar, wie sie auf ihrem Bett hockt und den Betrachter jeden Moment anzuspringen scheint. Das Dunkle, ja die Nacht als solche fasziniert die 17-Jährige in der Tat ungemein, deshalb der Albumtitel. «Ich habe extreme Einschlafstörungen», bekennt sie. Seit zwei Monaten plage sie Nacht für Nacht derselbe Traum. «Er ist so abartig und intim, dass ich nicht sagen will, worum es geht.»

Doch auch ihre romantische Seite weiss die kluge Billie offenzulegen. Das langsame, sensible «I Love You» ist eine wunderschöne Ballade, sehr ernst, sehr aufrichtig. Und diese Worte auszusprechen, gar vor Publikum zu singen, nun ja, «es ist heftig, so einen Satz zu sagen und mich vor den Leuten dermassen zu entblössen.» Was ist daran so schwer? «Die Liebe, Mann! Die Liebe macht mich fertig. Wenn du verliebt bist, ordnet sich diesem Gefühl alles andere unter.» Eilish atmet tief durch. «Das Verliebtsein übernimmt die Kontrolle über dein ganzes Wesen und Verhalten. Das ist doch beängstigend. Aber ist es auch überwältigend und magisch.»

Abgebrühte Minderjährige

Je länger man mit Billie Eilish spricht, desto reifer, erwachsener, abgebrühter wirkt die junge Frau, die noch bis Dezember minderjährig ist. «Seit meiner Geburt freue ich mich darauf, endlich 18 zu werden. Aber ich merke auch, dass meine Jugend mir in dieser seltsamen Musikindustrie eine Art Bonus ermöglicht. Man lässt mich machen und vieles ausprobieren.»
Dass die amerikanische Sängerin reifer und älter wirke, als sie sei, hört sie seit Jahren, und sie tut es jeweils mit einem Achselzucken ab. «Es ist keine besondere Leistung, jung zu sein. In den Augen der anderen mag das cool sein, aber für mich selbst ist das nicht sehr relevant. Ich habe ja nicht gesagt wow, ich bin erst 13 und veröffentliche meine erste Single.»

Viele Jungendliche in Billie Eilishs Alter lassen sich nichts bieten, Fairness und Gleichberechtigung sind für sie selbstverständlich geworden, sie gehen auch auf die Strasse gegen Rassismus, Diskriminierung und für die Klimarettung, sie sind politisch bewusster und engagierter als frühere Generationen.

Billie Eilish nickt heftig. «Bestimmt sind wir aktiver und lassen uns nichts mehr sagen. Die Alten werden bald sterben, und wir müssen den Mist aufräumen, den sie hinterlassen.»

Billie Eilish: When We All Fall Asleep, Where Do We Go? (Warner).