Wie ein beständiger Fluss breitet sich die «Grosse Sinfonie» von Franz Schubert aus. Mit Heinz Holliger am Dirigierpult ist es kein ungeduldiges Warten auf den nächsten Höhepunkt oder hektisches Überinterpretieren. Wie ein Marathonläufer weiss er vielmehr seine Ressourcen in diesem fast einstündigen Werk behutsam einzusetzen und findet eine stimmige Balance aus Leichtigkeit, Spannung und spritziger Energie.

Ein klarer, friedlicher Fluss, kein reissender Strom. In den vielen Wiederholungen und im stetigen Pulsieren der Rhythmen legt Holliger eine sensible Zögerlichkeit und tief sitzende Melancholie frei.

Zu Beginn dieser zweiten Konzerthälfte im Musical-Theater ist es, als würde man einem alten Freund begegnen. Die Intimität zwischen Orchester, Dirigent und Werk ist sofort spürbar. Statt sich zu pompösen Abschlüssen hinreissen zu lassen oder sich in sinfonischen Höhepunkten zu verausgaben, bevorzugt Holliger, die Phrasen mit rhetorischen Fragezeichen zu beenden.

Obwohl der Musik-Laie wohl nur ansatzweise die innermusikalischen und harmonischen Zusammenhänge des Werks verstehen kann, die Holliger so beschäftigen, scheint die Struktur des Stücks durch seine transparente und präzise Interpretation jederzeit offengelegt. Für ihn hat das Werk «kosmische Ausmasse» und ist «wie aus einem Guss» komponiert.

Feine Klänge, schöne Farben

Durch seine Begeisterung für Schubert und sein sehr genaues Quellenstudium gelingt es ihm, diese Musik mit einer ansteckenden Präsenz zu vermitteln. Ein gedankliches Abdriften, bei dem man sich sonst im Konzert des Öfteren ertappt, ist schlicht nicht möglich.

In der Einführung schwärmt Holliger von Schuberts «wunderbarer Handschrift», findet gar, dass sie von selber klinge. Aus ihr liest er eine Palette von Differenzierungen heraus, die man mit gedruckten Partituren nicht vermitteln kann. Man hört dann auch tatsächlich Holligers Versessenheit auf unterschiedliche Formen von Akzenten und Staccati, die das stetige Pulsieren in immer neuen Klangfarben schimmern lässt.

So wird ein Klangraum geschaffen, den man als Zuhörer staunend durchschreiten kann. Es ist nicht der typisch hell strahlende sinfonische Klang, wie man ihn von gängigen Sinfonieorchestern kennt. Die Streicher spielen auf Darmsaiten, die Blechbläser auf historischen Nachbauten, die einen deutlich feineren Klang haben. Auch ist das Orchester mit acht Musikern in den ersten Violinen eher klein besetzt.

Holliger argumentiert, dass Schubert zu Lebzeiten nie ein grösseres Orchester gesehen hat und seine Musik somit nicht wie eine «dicke Mehlsuppe» klingen sollte. Keine Mehlsuppe also, dafür aber ein etwas dumpfer Klang, bedingt durch die Akustik des Konzertortes. Kommt dazu, dass die elektronische Hallverstärkung – je nach Sitzplatz – in den lauten Passagen metallisch nachscheppert. Doch diese kleinen Widrigkeiten täuschen nicht darüber hinweg, dass Holliger und Schubert ein «Perfect Match» sind.

Das hatte sich bereits im Februar 2015 gezeigt, als er «Die Unvollendete» im Stadtcasino dirigierte. Nun plant er, mit dem Kammerorchester Basel das gesamte sinfonische Schaffen Schuberts zusammen mit ausgewählten Opern-Ouvertüren aufzuführen und auf CD herauszubringen. Bis zu Holligers 80. Geburtstag im Jahr 2019 sollen die mit SRF 2 Kultur und Deutschlandfunk koproduzierten Einspielungen auf dem Label Sony Classical erscheinen.

Ohne Kitsch und Pathos

Im Konzert erklang zusätzlich die Ouvertüre zum Melodram «Die Zauberharfe» (1820) von Schubert, die ebenso ein ständiges Klang-Pulsieren ist. Zur Schubertschen Sanftheit passte das Spiel des Pianisten Stephen Hough hervorragend, der das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 g-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy interpretierte. Mit grosser Ruhe und keinerlei Selbstdarstellerei gelang dem 56-jährigen Briten in diesem vor Fantasie und Lebensfreude sprühenden Stück eine angenehme Balance zwischen Solist und Orchester. Auch in der Zugabe bewies er mit Chopins Nocturne Op. 9 Nr. 2, wie man Kitsch und Pathos verhindert und trotzdem Sensibilität erreicht.

Eine ganze Palette unterschiedlicher Stimmungen und Charaktere bot schliesslich Heinz Holligers «Meta Arca» (2011–2012). Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Camerata Bern geschrieben, ist es eine Hommage an die sechs Konzertmeisterinnen und Konzertmeister, die das Orchester geprägt haben.

Mit diesem Programm geht das Orchester nun auf eine Grossbritannien-Tour mit drei Konzerten. Die nächste Schubert-Sinfonie in Basel darf man mit Spannung erwarten.