Brand/Abdullah Ibrahim, Miriam Makeba, Kippie Moeketsi, Johnny Dyani, Makaya Ntshoko, Dudu Pukwana, Mongezi Feza, der kürzlich verstorbene Hugh Masekela und Chris McGregor haben eine ganz eigene, südafrikanische Spielart entwickelt und in die Welt getragen.

Auch in die Schweiz. Zürich war 1962 für Dollar Brand erste Station im Exil, auf der Flucht vor der Apartheid. Hier, im legendären Africana im Niederdorf, wurde er von Duke Ellington entdeckt und danach gefördert. Hier startete er seine Weltkarriere. Die Konzerte von Chris McGregor und seiner Brotherhood of Breath zählten zu den Höhepunkten am Jazzfestival Willisau. Und der Drummer Makaya Ntshoko liess sich in Basel nieder und blieb.

Der südafrikanische Jazz hatte eine politische Botschaft. Deren Exponenten waren die Speerspitze im Exil im Kampf gegen das Unrechtsregime in ihrer Heimat. Seit dem Ende der Apartheid 1994 hat das Interesse an südafrikanischer Musik ausserhalb Südafrikas aber leider rapide abgenommen. Absolut zu Unrecht, denn die Musiklandschaft blüht. Nur sind die neuen Musiker ausserhalb Südafrika weitgehend unbekannt.

Sechs Südafrikaner in Bern

Umso erfreulicher, dass die umtriebige Musikerkooperative Jazzwerkstatt Bern an ihrem diesjährigen Festival sechs Südafrikaner präsentiert. Der Bassist Shane Cooper (31) ist in diesem Jahr sogar Gast-Kurator und hat zusammen mit Benedikt Reising und Mark Stucki das Festivalprogramm zusammengestellt. Dazu kommen der Pianist Bokani Dyer (32) und der Bassist Carlo Mombelli (57), der 1987 nach Deutschland flüchtete und 1999 wieder in seine Heimat zurückkehrte. Der indisch-stämmige Schlagzeuger Kesivan Naidoo (36), der vom Basler Institut für Afrikastudien eingeladen wurde sowie der Trompeter Mandla Mlangeni aus Soweto und der Gitarrist Vuma Levin aus Johannesburg, die wie auch Shane Cooper von einem mehrmonatigen Austauchprogramm der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia profitieren. Shane Cooper nennt es sein «Cheese & Chocolate Year».

«Seit der Apartheid hat sich in Südafrika vieles verändert», sagt Kesivan Naidoo. Abdullah Ibrahim, Hugh Masekela sind seine Helden, er arbeitete noch mit Miriam Makeba. Seit der Öffnung gibt es aber viele neue Einflüsse und Inspirationen, die die neue Generation in ihre Musik einfliessen lässt. «Von der Tradition ausgehend, wollen wir weiter gehen, uns weiter entwickeln», sagt Naidoo. Der südafrikanische Jazz ist aber politisch geblieben. «Jazz ist die Musik des politischen Kampfes», sagt er, «Miriam Makeba & Co haben gegen die Apartheid gekämpft, wir kämpfen immer noch gegen Rassismus und für Gleichheit». Vieles sei besser geworden, aber für Nicht-Weisse sei es immer noch viel schwieriger, eine gute Bildung zu erhalten. «Die Universität wird immer noch von Weissen dominiert», sagt Naidoo, der als einer der ersten nicht-weissen Schüler an einer einst Weissen vorbehaltenen Bildungseinrichtung zugelassen wurde. Viele schwarze Musiker können zum Beispiel immer noch nicht Noten lesen.

Jazz ist in Südafrika populär

Doch dem südafrikanischen Jazz geht es prächtig. «Seit dem Ende der Apartheid ist die Jazzszene noch grösser, reicher und populärer geworden», sagt Naidoo. Es gäbe auch mehr Schulen und mehr Publikum. Anders als in den meisten Ländern ist der Jazz in Südafrika ein populärer Musikstil. Die Jazz-Clubs sind gefüllt und das Cape Town Jazzfestival in Kapstadt gehört mit gegen 30000 Zuschauern zu den grössten Jazzfestivals weltweit. Nur mit der Ausstrahlung hapert es. Naidoo sieht sich denn auch als ein kultureller Botschafter seines Landes: «Ich will der Welt zeigen, dass Südafrika ein Land mit einer grossartigen Kultur ist».

Die Schweizer Jazzszene ist da vergleichsweise klein. Trotzdem schätzt Naidoo die Schweizer Verhältnisse. Beim Schweizer Label intakt hat er schon zwei Alben aufgenommen, arbeitete mit Lucas Niggli und spielt mit Shane Cooper, Andreas Tschopp und Marc Stucki in der multinationalen Band Skyjack. Naidoo lobt die Schweizer Rahmenbedingungen, die es Jazzmusikern erlaubt, ihre Projekte ohne kommerzielle Rücksichten nach künstlerischen Gesichtspunkten zu realisieren.

Wie in Bern in der Jazzwerkstatt, die neben den Südafrikanern 90 Musikerinnen und Musiker aus Marokko, den USA, Deutschland, Österreich, Dänemark, Schweden, Kanada, Italien, Moldawien und Spanien eingeladen hat und in zum Teil abenteuerlichen Kombinationen spielen lässt. «Die Jazzwerkstatt Bern steht für Austausch und Vernetzung, für Neugierde und Experiment und für Musik ohne Scheuklappen», sagt Ko-Kurator Benedikt Reising, «und für Bands und Musiker, die eigentlich schon längst in aller Munde sein sollten.»

Jazzwerkstatt Bern: Täglich bis 4. März im Progr Speichergasse 4. Die südafrikanischen Musiker spielen täglich in verschiedenen Formationen. Detailliertes Programm jazzwerkstatt.ch