Vorne, auf der grossen Bühne, steht Ira May und singt den Otis-Redding-Evergreen «Sittin’ on the Dock of the Bay». Lässt man den Blick schweifen, könnte man den Titel umformulieren: «Sittin’ on the Hang vor der Stage», zum Beispiel. Die ersten Besucher, die sich am Donnerstagabend beim Z7 eingefunden haben, geniessen Songs und Sonne, viele schonen aber ihre Kräfte noch, im Wissen, dass es ein langer Konzertabend wird. So sitzt man am Hang oder auf dem warmen Asphalt der Prattler Kraftwerkstrasse, dem Open-Air-Gelände der angrenzenden Konzertfabrik.

Ira May, die man in Sissach als Iris Bösiger kennt, überrascht mit einem jazzig angehauchten Klangkonzept: Sie verzichtet auf produzierte Beats und fette Arrangements mit Horn Section, tritt nur im Quartett auf, ohne Keyboards gar. Reduced to the max kommt ihr wunderbar dunkles Timbre noch stärker zum Ausdruck.

«Das wird ein riesiger Abend», verspricht sie euphorisch: «Joss Stone, Mann! In Prattele!»

Starke Präsenz regionaler Acts

Tatsächlich erstaunlich, dass die englische Grammy-Gewinnerin die Affiche eines Z7-Konzerts ziert. Die Konzertfabrik will neue Publika ansprechen, sich stilistisch öffnen. Und bietet an diesem Abend dem Publikum viel fürs Geld. Denn nebst Ira May wurden zwei weitere über die Region hinaus bekannte Acts fürs Vorprogramm verpflichtet: Baum, welche den weiblichen Soul-Abend mit bartreichem Folkrock kontrastieren. Und Nicole Bernegger, die andere grosse Soulsängerin der Schweiz, ebenfalls im Baselbiet beheimatet. Wie Ira May erleben wir auch Bernegger mit einer neuen Formation. «Ich habe ja mal bei einem komischen TV-Format mitgemacht», sagt die Gewinnerin von The Voice of Switzerland selbstironisch. Und gesteht dann dem Publikum, dass sie aufpassen musste, «um von diesem Traktor nicht niedergemäht zu werden.»

Zurück zu den Wurzeln

Nach vier Jahren kehre sie wieder zu ihren Wurzeln zurück. Bernegger erhält dafür viel Beifall - und wischt sich später Tränen der Rührung weg. Es gibt auch jenseits der Charts und TV-Kameras ein Publikum für Retrosoul. Und damit Hoffnung für sie, die live wieder ihre alten Stärken in den Vordergrund rückt, ungeachtet der Poptrends. Berneggers Schritt «back to the roots» wird von einer neuen Formation begleitet, die sie aus Basler Musikerinnen und Musikern zusammengestellt hat - darunter auch alte Wegbegleiter ihrer früheren Band The Kitchenettes.

Von den Erwartungen der Industrie hat sich auch die Headlinerin des Abends losgesagt. Die Britin Joss Stone wurde im Alter von 14 Jahren entdeckt, gefördert und vereinnahmt. Sogar die Farbe ihrer Haare sei vertraglich festgelegt gewesen, verriet sie in einem Interview.

2011, da war sie 24 Jahre alt und bereits mehrfache Plattenmillionärin, setzte Joss Stone zum Befreiungsschlag an. Das kostete sie einen Millionenbetrag, schenkte ihr aber künstlerische Freiheit. Sie gründete ihr eigenes Plattenlabel, Stone’d Records, wurde ihre eigene Chefin und darf sich seither unabhängig, glücklich und erfolgreich schätzen. Ihre letzte Platte «Water for your Soul» wurde gemäss «Billboard Charts» immerhin zum meistverkauften Reggae-Album des Jahres 2015.

Richtig gelesen: Reggae. Denn Stone mag sich gar nichts mehr vorschreiben lassen: musikalisch nicht, auch nicht visuell. Die selbstgewählte Haarfarbe an diesem Abend: platinblond, wie einst Marilyn. Dazu trägt sie ein schickes Kleid, wiegt sich und das Publikum im 6/8-Takt auf ihr Konzert ein.

Glamouröse Erscheinung

Montreux trifft Pratteln, denkt man sich angesichts dieser glamourösen Erscheinung. Eine ungewöhnliche Kombi, aber ungewöhnlich ist auch das Publikum, auffallend heterogen. Man sieht Latinas in Stilettos, Männer in Funktionskleidung, ja, auch einige schwarz gekleidete Metalfans, Stammkunden im Z7. Was die geschätzten 2000 Besucher eint, ist die Liebe zu beseelter Musik. Sie werden auch von der Headlinerin nicht enttäuscht.

Denn Joss Stone ist nicht nur eine nahbare Entertainerin, die mit entwaffnendem Charme und Humor auf Publikumsreaktionen und -wünsche eingeht, sie ist auch eine auffallend farbenreiche Sängerin: Sie changiert mit ihrer Stimme, überzeugt mit kraftvollem Seventies-Funk, («Give More Power to the People»), sehnsüchtigem Reggae («Love Me») oder zartem Soul, wobei sie en passant an die Tradition von Dusty Springfield anknüpft und deren «Look of Love» haucht.

Als sie gegen Schluss mit «Right to be wrong» auch noch ihren grössten Hit anstimmt, bleibt kein Wunsch mehr offen. Bis auf jenen, den man an die Z7-Macher richten möchte: Ja, gerne mehr davon.