Andreas Haefliger
Kann ein starker Mann auch zärtlich sein?

Der Schweizer Pianist Andreas Haefliger - Bruder von Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger - hat eine faszinierende CD eingespielt.

Christian Berzins
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Andreas Haefliger, Bruder von Intendant Michael Haefliger, blickt auf seinen Wohnort Wien.Marco Borggreve

Andreas Haefliger, Bruder von Intendant Michael Haefliger, blickt auf seinen Wohnort Wien.Marco Borggreve

Marco Borggreve

In der Schweiz ist Andreas Haefliger meist einfach «der Bruder» – der Bruder Michael Haefligers, des Intendanten von Lucerne Festival. Typisch? Alberto Venzago, den Fotografen, Filmer und Selbstvermarkter, kennen alle. Seinen Bruder, den Dirigenten Mario Venzago, gerade mal die Berner und Basler Klassikfreunde. Bezeichnenderweise drehte Alberto Venzago einen Film mit dem Titel «Mein Bruder der Dirigent» – und flugs war Mario in aller Munde.

Bei beiden Brüderpaaren ist es eigentlich erstaunlich, dass es nicht umgekehrt ist. Die Musiker sind es doch, die auf der Bühne stehen, Andreas Haefliger durchaus auch mal im KKL. Er heimst den Jubel ein. Der um ein Jahr ältere Michael ist derjenige, der im Hintergrund die Fäden zieht.

Die Schweiz ist in Andreas Haefligers Leben allerdings weder künstlerisch noch privat das Zentrum. Der Pianist ist 1962 in Berlin geboren, hat in den USA studiert, lange dort gelebt und wohnt nun in Wien. Dort arbeitet er an seinen Programmen, dort entwirft er seine CDs.

Weder Junggenie noch Legende

Es sind keine Aufnahmen, die mit grossen Künstlerbildern in den CD-Geschäften beworben werden. Haefliger passt weder in die Kategorie junger Überflieger noch Altherrenlegende. Er ist Teil der in der Klassikwelt vermeintlich verlorenen Generation der 50-Jährigen. Ihm kanns egal sein. Er hat seinen Weg gefunden, gibt weltweit Konzerte und spielt sein «Wissen» auf CDs ein. Diese Aufnahmen sind ein ungeheuerlicher Schatz, der zu einem Hör-Kosmos anwächst. «Perspectives» heisst der spannende Haefliger-Zyklus, der mittlerweile die sechste CD zählt. Und diese Nummer 6 hat es in sich.

Entwaffnende Ehrlichkeit

Auf das drängende «Warum», warum er auf «Perspectives 6» zwei Sonaten Ludwig van Beethovens (1770–1827) mit Werken von Robert Schumann (1810–1856) und Luciano Berio (1925–2003) verbindet, antwortet Haefliger mit entwaffnender Ehrlichkeit und spricht von seinem Gespür. «Ich merkte, dass die Stücke zusammen funktionieren, dass sie zusammen einen Sinn ergeben.»

Es geht also in «Perspectives 6» nicht primär darum, zu verfolgen, wie hinreissend dieser Pianist Beethovens berüchtigtes «op. 109» spielt, sondern um sein Programm als Ganzes. Haefliger fragt sich, wie die Stücke auf- und miteinander wirken, was der Hörer dabei erlebt. Er fragt nicht nur, er findet auch eine Antwort: «Aus ‹Perspectives 6› spricht der Ausdruck einer romantischen Liebe in all ihren Schattierungen – einer Liebe, die für uns als Gefühlsstimmung fast nicht mehr zugänglich ist. Durch die vier Stücke von Luciano Berio bekommt diese Idee einen Rahmen der Menschlichkeit und der Naturgesetze. Die Werke Beethovens, Schumanns und Berios greifen ineinander in ihrem romantischen Gedanken – aus ihnen spricht eine tief empfundene Zuneigung zu anderen Menschen, aber auch zur Natur.»

Bezüge zum Barock, aber auch zu Schumann könnten gemacht werden. Haefliger erwähnt sie durchaus, aber es bleibt eben doch beim «könnten». Denn Haefliger will nicht etwas Spezifisches besonders hervorheben. «Ich arbeite so intensiv an diesen Stücken, dass besondere Merkmale eines Stücks zu meinen eigenen werden.» Eine Aussage, die leicht zu missverstehen ist, denn trotz persönlicher Auslegung versucht Haefliger, sehr genau mit dem Urtext zu arbeiten. So genau, dass es ihm fremd wäre zu sagen, «Schaut, wie unglaublich romantisch der Grundgedanke dieser Sonate ist!», und dann ein Sforzando so zu spielen, dass es «romantisch» klingt. Er nimmt sich zurück, will nichts «verschönern» – nichts verfälschen.

Ringen mit dem Zugang

Jahrelang rang Haefliger mit diesem ureigenen, unaufgesetzten Zugang. Heute kann er gelassen sagen: «Ich bin so, deswegen spiele ich so. Das ist mein Glück.» Anstelle des intellektuellen sucht er den menschlichen Zugang für seine Interpretationen. Dies ist im Laufe der Zeit zum Grundzug seines Spieles geworden. «Ich spiele diese Musik genau so, wie ich sie erlebe. Dass E-Dur eine weiche Tonart ist, höre ich sofort, ohne dass ich deshalb in op. 109 diese bisweilen gemachte Verbindung zur Leonore im ‹Fidelio› ziehe. In dieser Sonate finden sich aber tatsächlich Figuren, die wie ein Streicheln sind.»

Im Unterschied zur 30. Sonate hört Haefliger in der Sonate Nr. 10, die auch einer Frau gewidmet ist, nichts Weiches, aber dafür viel Zartheit. Ob das ein weiblicher Zug sei, fragt er eher beiläufig und lächelt, fügt dann aber an, dass ein starker Mann auch zärtlich sein könne.

Vom Wasser direkt zu Beethoven

In Haefligers Aufnahme haben die «Encores» – die Zugaben – («Wasserklavier», «Erdenklavier», «Luftklavier», «Feuerklavier») von Luciano Berio (1925–2003) eine eminent starke Wirkung. Dank Berio gelangt der Hörer nämlich aus dem Wasser direkt in Beethovens 30. Sonate, aus dem Feuer hinein in Schumanns «Fantasie». In dieser Kombination sind die 1965 und 1989 entstandenen Werke Berios kraftvoll und regen zur Reflexion an. Der Sinn der «Perspectives» erklärt sich so spielend.

Alles, was der Hörer bis zur das Programm abschliessenden «Fantasie» C-Dur op. 17 erlebt hat, kulminiert aber in Robert Schumanns 1839 veröffentlichtem Meisterwerk: die Zärtlichkeit, die Weichheit, das Ungestüme sowie die Passion.

Hörbedingung: Hingeben!

Über die «Fantasie» hat Schumann Worte von Friedrich Schlegel gesetzt. «Durch alle Töne tönet / Im bunten Erdentraum / Ein leiser Ton gezogen / Für den, der heimlich lauschet.» Haefliger will nicht zu viel in diese Verse hineinlesen, auch wenn sie wohl den meditativen, langsamen Satz beleuchten. Aber die Worte machen ihm klar, dass man genau hinhören muss, um das Wunder der Welt zu erkennen. «Nur wer sich dieser Musik hingibt, kann den Schlüssel zu dem finden, was sie nach 200 Jahren noch immer so speziell macht.» Kurz: Wer das Programm von «Perspectives 6» auf dem Papier sieht, mag sich wundern, wer es vorurteilslos hört, begreift es spielend.

Andreas Haefliger: Perspectives 6, Avie Records 2014.

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