Im Fluss

Melancholie statt mediterranes Flair auf dem Floss

Mit einem Wolkenbruch und der Berliner Band Element of Crime wurde die Floss-Saison eröffnet

«Es regnet, begossen wird die Welt» – die Zeile aus dem gleichnamigen Song der deutschen Band Element of Crime erwies sich am Dienstagabend als treffende Wetterprognose. Am Anfang des Floss-Jahrgangs 2017 stand ein Wolkenbruch, der seinesgleichen suchte. So spekulierte man unter seinem Schirm über mögliche Zusammenhänge mit der Band, deren Lieder Titel tragen wie «Dunkle Wolke» oder «Schwere See», und schnell machten auch die ersten Kalauer über den Sänger Sven Regener die Runde.

Punkt halb neun begannen sich die Wolken wieder zu lichten und die 18. Ausgabe des Festivals «Im Fluss» konnte beginnen. Unter dem Strich erwies sich das «Schietwetter» – wie man in Regeners norddeutscher Heimatstadt Bremen so treffend sagt – schon fast als Glücksfall. Sonnenschein und 30 Grad hätten zur Melancholie der Band weniger gut gepasst. Und nebenbei sorgten die feuchtklammen Kleider schneller für Gänsehautmomente – eine der Spezialitäten dieser Band, die schon lange auf der Wunschliste des Flosskapitäns Tino Krattiger stand.

Zwischen kitschig und rotzig

In seinen Songtexten sucht Regener im Kleinen die Antworten auf die grossen Fragen: Es geht um Gräben, die weder breit noch tief sind, um warmes Dosenbier, mit dem man gut die Blumen giessen kann, und um die metallic-braune Lackierung des Wagens am Strassenrand, welche frappant an die Haarfarbe der unglücklichen Liebe erinnert. Der Sprung des Adoleszenten vom Dreimeterbrett gerät zur existenziellen Krise: «Jetzt endlich weisst du, was es heisst, jung zu sein. Betrogen vom Augenschein an den Abgrund gehen, halbnackt allein auf schwankenden Brettern stehen und runtersehen.» Songs für den Herzschmerz am Abend und den Kater am Morgen danach.

Die Lieder ähneln sich. Die Band ist eingespielt, musikalische Überraschungen darf man bei Element of Crime nicht erwarten. Regener zupft eine Akkordfolge, Gitarrist Jakob Ilja legt filigrane Melodien darüber. Dazwischen streut das Quartett – live um einen Saxofonisten erweitert – seine rockigeren Nummern. Dann schüttelt Regener seine Haare und bellt rauhbeinig, mit bissigem Unterton die Songzeilen ins Mikrofon. Dazwischen greift er immer wieder gerne zur Trompete. In den Jahren hat er sich vom leicht schräg klingenden zum passablen Bläser weiterentwickelt, der sich mittlerweile auch mehr Phrasierungen traut.

Immer wieder überraschend dagegen sind die Bilder, welche der Frontmann findet, um seine Gemütslage zu beschreiben. Die Texte des 56-Jährigen haben eine Dichte, welche bei den deutschen Liedermachern ihresgleichen sucht. Umso bedauerlicher, dass so manche literarische Feinheit an diesem Abend der Smalltalk-Atmosphäre des Flosses zum Opfer fiel.

Die Höhepunkte blieben die ruhigen Momente: Etwa der noch unveröffentlichte Song «Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin». Am besten zum Abend passte aber die Seemannsballade «Vier Stunden vor Elbe 1» mit Schlagzeuger Richard Pappik an der Mundharmonika. «Scheiss doch auf die Seemannsromantik. Ein Tritt dem Trottel, der das erfunden hat», sang Regener, während im Hintergrund die Sonne über dem Rhein unterging.

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