Dunkel getönte Scheiben im Niemandsland, ein Taxifahrer starrt fragend auf sein Handy. Hier bin ich richtig. Aus dem Inneren des Kleinbusses steigt Baldur Brönnimann. Er kommt gerade vom Flughafen. Bis vor kurzem war er noch in Bogota und hat dort das Bogota Philharmonic Orchestra mit Rossini und Schubert dirigiert. Heute Morgen ist er von Madrid aus gestartet, seinem aktuellen Wohnort. Das Taxi hat ihn vor dem Alten Kraftwerk an der Birs abgesetzt, gleich neben der Autobahn, im Hintergrund thront das Joggeli.

Eigentlich sollten wir uns im Rheinhafen zum Gespräch treffen. Doch seit heute Mittag steht fest: Das Konzert der Basel Sinfonietta am 10. Juni kann dort nicht stattfinden. Die Lagerflächen werden von der Hafenverwaltung kurzfristig anders gebraucht. Brönnimann ist ein exzessiv Reisender. Ihm fällt es nicht schwer, sich auf neue Situationen einzustellen. Zwischen seinen zwei Chefdirigenten-Posten in Basel und in Porto hat er in dieser Saison unter anderem in New York, Wien und Lyon dirigiert.

Anfangsprobleme überwunden

Jetzt hocken wir auf zwei Steinen an der Birs. Das Alte Kraftwerk ist verschlossen. Weit und breit keine Bank und keine Beiz. Aber kein Problem für Brönnimann. Trotz internationaler Karriere ist der 49-jährige, der in Pratteln aufgewachsen ist, ein kumpelhafter Typ geblieben. Er will, dass wir ein Selfie machen. «Diese absurde Situation muss man doch festhalten!»
Gut vorstellbar wie Brönnimann mit seinen Musikerinnen und Musikern umgeht.

Doch Orchester und Dirigent mussten sich erst aufeinander einstellen: «Unterdessen haben wir Vertrauen zueinander gefasst. Am Anfang war es jedoch nicht so einfach. Ich war 25 Jahre weg aus Basel und die Musiker wussten nicht, was da auf sie zukommt. Erst in der aktuellen Saison ist es richtig gut geworden aus meiner Sicht. Und darauf müssen wir jetzt aufbauen. Es ist ein langer Prozess, ein Orchester weiterzuentwickeln. Besonders, wenn es wie bei uns nicht so viele Konzerte gibt.»

Sechs Konzerte sind es jeweils pro Saison, vier davon leitet Brönnimann selbst. Die Programme werden weiterhin von der Programmgruppe ausgewählt, in der Brönnimann nun Mitglied ist. Demokratisch organisiert zu sein, war immer ein stolzes Markenzeichen für die Basel Sinfonietta. Doch nun ist das Orchester in einem Wandlungsprozess begriffen.

Brönnimann erklärt: «Die Orchesterlandschaft ist heute anders als in den 80er Jahren. Es genügt nicht, irgendein Repertoire zu spielen, das sonst keiner macht. Es gibt sehr viele junge Leute, die ausgezeichnet spielen. Gerade durch die Ausbildung der Hochschule hier vor Ort. Und die möchten wir gern dabei haben. So können wir den Standards der Neuen Musik auf internationalem Level gerecht werden.»

Generationenwechsel

Es steht also ein Generationenwechsel an, was Brönnimann, der selbst einmal an der Musik-Akademie studiert hat, mit behutsamen Worten umschreibt. Sein Ziel ist jedoch klar. Die Sinfonietta soll ihr Potenzial stärker ausschöpfen: «Neue Musik leidet oft darunter, dass die Ausführenden nicht hundert Prozent hinter den Stücken stehen. Bei der Sinfonietta arbeiten wir speziell daraufhin, dass wirklich alle verstehen, was sie da spielen und es nicht einfach nur als einmalige Auftritte sehen mit Leuten, die sich nicht kennen.»

Andererseits weiss Brönnimann, dass die Beteiligung in der Programmgruppe weiterhin wichtig ist und dadurch die Motivation und Identifikation steigt. Die gewachsene Nachfrage am Orchester gibt ihm recht. Die renommierten Festivals der Neuen-Musik-Szene in Warschau, Darmstadt und Köln haben den Klangkörper bereits verpflichtet.

Die Veränderungen zeigen sich auch auf anderen Gebieten wie der neu konzipierten Kommunikation, die Brönnimann als wesentlich begreift: «Klassische Musik wird so wahrgenommen, wie sie präsentiert wird. Daher ist die Aussendarstellung Teil der Aufführung.»

Geworben wird nun hauptsächlich mit Video-Trailern, die teils vom Basler Videokünstler Gregor Brändli gedreht werden. Die Ästhetik ist trashig bis experimentell. Das Hehre und selbstherrliche der Klassischen Musik, soll so gebrochen werden. Und man möchte zur Popmusik aufschliessen, wo der visuelle Auftritt als Artwork ganz selbstverständlich zur Identität einer Band gehört. In populäre Gefilde begibt sich auch das Programm des letzten Saisonkonzerts.

Minimal Music und schwere Bässe

Wir kommen schliesslich doch hinein in das Alte Kraftwerk und Brönnimann ist von der Event-Location sofort begeistert. Er freut sich über die satte Akustik der Industriehalle, in der einst Stromverteiler und Isolatoren hergestellt wurden. Das wird den Stücken guttun, findet er. Durch die hallige Akustik werden die Zuhörer von den Minimal-Music-Klangwolken von Philip Glass eingehüllt werden.

Das energetische «Mothership» des US-Amerikaner Mason Bates wird bestens in die mächtige, rohe Industriehalle passen. Das Stück entstand 2011 als Auftragswerk für das Youtube Symphony Orchestra, ein Orchester, dessen Musiker aus 30 verschiedenen Ländern durch Youtube-Videos ausgewählt wurden. Das Marketing-Gimmick-Projekt ist mittlerweile eingeschlafen, erreichte aber einst ein Millionenpublikum.

Mit im Boot ist das Kaleidoscope String Quartet um den Geiger und Komponisten Simon Heggendorn. Er hat drei neue Werke für das Orchester und das Streichquartett geschrieben, die einigen Groove versprechen. Bekannt ist das Quartett für seinen unprätentiösen Umgang mit genreübergreifenden Projekten. So wird ein frischer Wind durch das Kraftwerk wehen und das Konzertmotto «panta rhei» passt, auch wenn der Rheinhafen in die Ferne gerückt ist, denn bei der Sinfonietta ist so einiges im Fluss.