Es ist mucksmäuschenstill im Foyer des Gymnasiums Muttenz. Und das, obwohl an die 50 Schülerinnen und Schüler darin sitzen. Und: ein Orchester. Zwei Dutzend Musikerinnen und Musiker proben «Les Nations» von Georg Friedrich Telemann.

Rings um das Orchester sitzen dicht an dicht die Schülerinnen und Schüler. Manche sind mit ihrem Zeichenkurs da, skizzieren die Posen der Orchestermitglieder. Der Musikkurs liest die Partitur mit. Und alle Teenager hören konzentriert zu.

Dass klein besetzte Barockmusik nicht jedermanns Geschmack ist, ist klar. Doch was die Jugendlichen bei der Stange hält: Noch nie haben sie ein Orchester bei der Probenarbeit erleben können. Noch nie haben sie gesehen, um welche interpretatorischen Feinheiten sich die Musiker in demokratischen Gesprächen respektvoll streiten – und einigen – können. Selbst die Mitglieder des Schulchores staunen: Hier ist das Stück nicht fertig geprobt, wenn alle gleichzeitig anfangen und aufhören – sondern hier fängt die Probenarbeit erst an.

Für das Publikum von morgen

Solche intimen Einblicke in das Innenleben eines Klangkörpers macht das Kammerorchester Basel (KOB) möglich: Es hat sich für diese Saison im Gymnasium Muttenz eingemietet. Nicht etwa, weil in Basel die Probenräume knapp wären. Sondern weil die Musiker so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Orchestermitglieder werden durch den Kontakt mit den Teenagern für das Publikum von Morgen sensibilisiert, und die Jugendlichen verlieren ihre Berührungsängste zur klassischen Musik.

Das KOB investiert viel in den Bereich der Musikvermittlung. «Schule macht Orchester» ist nur eines von vier derzeit laufenden Projekten. Es kostet 150 000 Franken, der Kanton Baselland, der Swisslos-Fonds Basel-Stadt und die Stiftung Mercator gehören zu den Geldgebern. Aber die Idee, die Organisation, das Know-how und die zeitlichen Ressourcen, die investiert das Orchester in Eigenregie.

Den Nachwuchs an klassische Musik heranzuführen – und möglichst auch nachhaltig dafür zu begeistern –, das ist bei allen Klangkörpern in Basel ein Thema: Die Basel Sinfonietta spannt mit der Mädchenkantorei zusammen und bietet Kinderkonzerte für Babys und Kleinkinder an; das Sinfonieorchester Basel (SOB) veranstaltet Konzerte für Kindergärtner und bietet kommentierte Probenbesuche für die Sekundarstufe an. Doch gerade das SOB, das mit Abstand am meisten Subventionen vom Kanton bezieht, ist durch seine zahlreichen Operndienste am Theater Basel zeitlich stark gebunden – für die Musikvermittlung bleibt da nur ein begrenzter Zeitrahmen.

Viel flexibler ist hingegen das freischaffend organisierte Kammerorchester Basel. Diese Freiheiten nutzt das KOB. Bei «Schule macht Orchester» in Muttenz sind alle Abteilungen involviert. Die Fachfrauen und -männer der Geschäftsstelle geben in den Klassen auf Englisch und auf Deutsch Workshops zum Projekt- und Tourmanagement, zu Konzertdramaturgie, zu Psychologie und Kommunikation, zum Marketing.

Ein partizipatives Projekt

So führt etwa Barbara Tacchini eine Muttenzer Wirtschaftsklasse ins Konzertmarketing ein – in einem Tempo, das für die Schülerinnen und Schüler wohl neu, für die Berufswelt aber Alltag ist. Innert weniger Minuten muss die Werbung für das eben in der Probe gehörte Konzert stehen. In Kleingruppen bringen die Teenager ihre Gedanken zu Zielgruppe, Extras, und Slogan zu Papier. Und stellen ihre Ergebnisse noch ein wenig schüchtern vor.

Die Gruppe «Newsletter» bewirbt das Konzert angelehnt an Telemann als Musik der Nationen. «Vergesst den Terror, kommt ins Konzert!», lautet der Slogan. Der Eintritt ist frei, jeder darf für benachteiligte Nationen spenden.

Die Gruppe «Plakat» arbeitet mit dem Hashtag «Besser als Rihanna» und «Alt ist das neue Neu». Sie werben mit gratis W-Lan im Konzert und heben als Sponsor die Modekette H&M optisch hervor. «Weil das die Jugendlichen interessiert», erklären die Schüler. Handkehrum weiss Barbara Tacchini nun, wo die Jugendlichen abzuholen sind.

Proben, Gespräche, Workshops – ein dichtes Programm für die Gymnasiasten. Doch der partizipative Anteil kommt an: «Ich fand es toll, dass ich selbst etwas tun durfte», sagt Cécile (17). Und Silas (16) ergänzt: «Es war gut, dass wir da abgeholt wurden, wo unser Schwerpunkt ist: bei der Wirtschaft.» Nicht alle holen sich anschliessend das KOB-5-Franken-Ticket für Jugendliche. Doch die Hemmschwelle, die ist nun weniger hoch. Und wer weiss, vielleicht ist es eines Tages sogar cool, ein klassisches Konzert zu besuchen.