Nähkästchen

Sängerin Ira May: «Ich habe gelernt, Musik als Job zu sehen»

Im Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» verstecken sich verschiedene Begriffe. Sängerin Iris Bösiger alias Ira May hat «Träume» gezogen.

Im Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» verstecken sich verschiedene Begriffe. Sängerin Iris Bösiger alias Ira May hat «Träume» gezogen.

Bald steht Sängerin Ira May an der Baloise Session mit Alicia Keys auf der Bühne. Zuerst plaudert sie jedoch aus unserem Nähkästchen.

Ira May, worüber sprechen wir heute?

Ira May: Über Träume.

Da kann ich die erste Frage gleich aus Ihrem Hit «Ram Pam Pam» klauen: «Tell me what you dreamt last night.»

Daran kann ich mich ausnahmsweise erinnern. Kürzlich habe ich mit meiner Schwester das Videospiel «Tomb Raider» gespielt. Und heute Nacht schaute ich im Traum plötzlich auf einen Bach herunter, der aussah wie im Spiel. Also habe ich meine Schwester gerufen und wir sind zusammen den Bach hinuntergeschwommen. Ich habe gerade eine Phase, in der ich intensiv träume und mich morgens noch daran erinnern kann.

Glauben Sie, Träume bedeuten etwas?

Ja. In Träumen spiegelt sich viel aus dem Unterbewusstsein wider. Als ich an meinem letzten Album gearbeitet habe, habe ich mir ein Buch über Träume gekauft und es im Studio deponiert. Es ging um Wissenschaftliches und Spirituelles. Etwa um die Vorstellung, dass wir in unseren Träumen ein zweites Leben leben.

Finden Sie in Träumen auch Inspiration für Ihre Musik?

Wenn man Songs schreibt, muss man tief in sich hineinschauen und wissen, was man fühlt. Träume können einen an Sachen erinnern oder einem Dinge aufzeigen. So sind sie indirekt eine Inspiration.

Man könnte auch sagen, als professionelle Musikerin leben Sie einen Traum.

Das kann ich nur halb bejahen. Ich konnte dieses Jahr komplett von der Musik leben und mir viel Zeit nehmen, mich ganz meinem nächsten Album zu widmen. So gesehen lebe ich meinen Traum. Aber wenn man als Kind oder Jugendliche so einen Traum hat, hat das nichts mit der Realität zu tun. Wie in jedem anderen Job gibt es auch in meinem Dinge, die schwierig oder unangenehm sind. Man steht zum Beispiel unter stetigem Druck. Ich habe gelernt, mir Inseln zu schaffen, mich zu erholen und die Musik als Job zu sehen. Das ist gesünder.

Inwiefern?

Am Anfang hatte ich das Gefühl, Musik darf kein Job werden. Dafür ist sie zu wertvoll. Sie ist Leidenschaft und Hobby. Das ist ein Riesendruck. Jetzt kann ich auch einmal sagen: Wenn du diese zwei Shows spielst, ist die Miete diesen Monat wieder bezahlt. Das ist befreiend. Aber dann gibt es auch Dinge, die kann ich nicht einfach als Job sehen. Der bevorstehende Gig an der Baloise Session als Support von Alicia Keys zum Beispiel – das ist einfach Wahnsinn. Mit Job hat das nichts zu tun.

Können Sie es überhaupt fassen?

Mittlerweile schon. Aber es war wirklich surreal, als ich davon erfahren habe. Es war früh an einem verhangenen Morgen und ich stand gerade vor der Migros in Gelterkinden. Da ruft meine Bookerin an und sagt: «Du spielst an der Baloise Session und nach dir kommt Alicia Keys.» Und ich stand da vor meiner Migros und dachte: «Aber ich komme doch aus Gelterkinden.» Ein völlig absurder Gedanke eigentlich, aber mir ist das Grössenverhältnis da so richtig eingefahren. Wahrscheinlich wäre es Alicia Keys vor 15 Jahren auch so gegangen, wenn man ihr gesagt hätte, sie dürfe jetzt Stevie Wonder supporten.

Das wird ein grosser Auftritt. Als wir uns vor zwei Jahren unterhalten haben, sagten Sie noch, auf der Bühne zu stehen raube Ihnen die Energie.

Damals litt ich unter Panikattacken. Heute gehe ich Auftritte anders an und habe Spass. Es geht mir viel besser: Ich fühle mich wohl, ich fühle mich sicher, ich gebe tolle Konzerte. Nach einem Auftritt fühle ich mich zwar leer, aber nicht im negativen Sinn. Das ist vergleichbar mit einem grossen Geburtstagsfest, das man über Monate vorbereitet hat. Plötzlich ist es vorbei. Das ist ein Gefühl, das jeder kennt.

Sie haben selber gerade einen grossen Geburtstag gefeiert. Wie war es, 30 zu werden?

Einen Koller hatte ich nicht. Aber ich habe mir schon überlegt, was ich bisher gemacht habe und was ich noch machen will. Mein nächster Schritt ist klar: Ich möchte mein drittes Album fertigstellen. Und wenn dieses gut läuft, möchte ich nochmals eine Ausbildung machen. Vielleicht in eine therapeutische Richtung. Auf jeden Fall etwas ganz anderes. Das ist auch für meine Musik förderlich. Wenn ich zu viel Zeit nur mit Musik verbringe, fehlt der Auslöser für Kreativität. Und ich möchte damit auch für mich als Mensch – nicht als Musikerin – etwas machen. Es soll keine Alternative zur Musik sein, sondern ein Zusatz und Ausgleich.

Das klingt nach einem positiven 30-Jahre-Resümee.

Schon, oder? Ich habe zwar keine Autoprüfung, aber zwei Alben gemacht.

Zwei Alben sind doch beeindruckender als eine Autoprüfung.

Man möchte halt immer, was man nicht hat. Aber man trifft ja die entsprechenden Entscheidungen. Ich hätte mich in gewissen Situationen auch anders entscheiden können. Aber ich weiss nicht, ob ich damit heute glücklich wäre.

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