«Heute: Singen mit Herr Wunderlin» steht in dicken Lettern auf dem Plakat am Eingang und im Lift des Basler Blindenheims. Ein bisschen klingt das wie eine Musiklektion mit Zauberkünstler. Was nicht so weit hergeholt ist, denn Herr Wunderlin selbst hat die Aura einer Märchenfigur aus einem Kinderbuch, so wie er im Dunkel hinter der Aula steht und diskret in den Saal linst. Etwas schlaksig und jungenhaft wirkt er, aber auch ein bisschen stolz darauf, eine immer grössere Zahl Senioren zu verzaubern – schliesslich sind Herrn Wunderlins Schüler geschätzt mindestens doppelt so alt wie er.

Vor einigen Jahren war Simon Wunderlin ein ganz normaler junger Schlagzeugschüler, auf dem Weg zum Profi-Musiker. Bei Tag übte er sich die Finger wund, spielte in Orchestern und Bands, und besuchte bei Nacht gerne mal eine Party. Bei seinen weiteren Projekten bastelte er öfters mit Samples und Synthies an elektronischen Beats. Heute ist er als Musikant jeden Tag irgendwo in der Schweiz unterwegs, mit 120 Konzerten gefragter als die meisten seiner Musikerkollegen. Allerdings in einer bisher erstaunlich seltenen Sparte.

Lueget vo Bärg und Tal

Auftritt Herr Wunderlin. Neugierig drängen die Besucher in den Mehrzweckraum. Darin steht es, das riesige Instrument: Marimba, eine Art Xylophon in Orgelgrösse. Murmeln, gedämpftes Lächeln. Mit dunkelblauem Anzug, nach hinten gegeltem Haar und gestutztem Kinnbart erweist sich der junge Hipster, den wir unlängst mit verwuschelter Mähne und Triangel-T-Shirt morgens zum Kaffee getroffen haben, als veritabler Verwandlungskünstler. Simon Wunderlin geht gemessenen Schrittes nach vorne, begrüsst die Anwesenden förmlich. Dann gehts los, mit «Lueget vo Bärg und Tal».

Einmal spielt er vor, routiniert sausen die Schlegel zu kleinen Wirbeln aufs Instrument. Nach dem Auftakt anerkennendes Murmeln. «So öppis!», ruft eine ältere Dame. Herr Wunderlin lacht und verteilt ein Heft mit Liedtexten. Als nächstes ist das alte Volkslied «Vreneli ab em Guggisberg» dran. Andächtig lauschen die Blinden im Saal. «Jetzt alle zusammen.» Am Ende des Konzertnachmittags herrscht bei den Bewohnern Ausgelassenheit, fast wie beim Kaninchentrick an einem Kindergeburtstag.

Die Idee kam Wunderlin vor einigen Jahren, als er selber Verwandte besuchte. «Es ist einfach, mit Musik Freude zu bereiten. Gerade alten Menschen mit ihrem unglaublichen Erfahrungsschatz sollte man mit Respekt, Dankbarkeit und Demut entgegentreten. Mit meinen Auftritten will ich sie aus der Reserve locken, zum Lachen und Singen bringen – und damit auch etwas zurückgeben.»

Das Erfolgsrezept, mit dem exotischen Instrument ein Stück Brauchtum neu zu erfinden, hat den Selfmademan inzwischen zu einer Art Profi-Altersheim-Animator gemacht. «Er ist ein Engel», meint eine Angestellte. «Unsere Bewohner warten Wochen im Voraus darauf, dass er wiederkommt. Danach sind viele so gut gelaunt wie sonst nur an Weihnachten. Ein Wunder, Liederwunder.»

Nachts im Scheinwerfernebel

Szenenwechsel: Ein später Mittwochabend im Basler Sommercasino. Es pfeift und knarrt, dahinter rollt ein dunkler Klangteppich. Im schummrigen Licht stehen ein paar Dutzend Zuschauer, wippen und blicken auf den Tisch, wo ebenso viele Synthesizer zusammengeschaltet sind.

«Link Jam» nennt sich das von Wunderlin ins Leben gerufene Projekt, wo Elektroniktüftler und Bastler aus ihren Studios und Stuben geholt und deren Entwürfe vernetzt und zusammengeschaltet werden. Entstanden ist die Idee aus seinen Workshops der Software Ableton Live, die er seit Jahren hoffnungsvollen Jungtalenten näher bringt, als eine Matrix für spontanes Musizieren. Anstelle der Volkslieder schleichen sich hin und wieder angedeutete Sehnsuchtmelodien in die im Takt wabernde Klangwiege.

Der «Link Jam» ist ein Baby der von ihm und dem Briten Benjamin Spencer im Sommer gegründeten «Rhyverb»-Community, ein Konglomerat elektronischer Musikproduzenten in und ums Rheinknie. Eine Handvoll bärtiger Nerds, eine zierliche junge Elfe mit dunklem Pony, umringen ein Pult in ihrer Mitte. Eigentlich starrt jeder der Tüftler gedankenverloren vor sich hin, ganz abgetaucht in die gemeinsam live entworfene Klangwelt. Ein Kanon der anderen Art, es summen und flüstern lauter Geräte. Ein wenig leuchten Wunderlins Augen im Dunkeln mit seinen Geräten um die Wette, wenn es Maschinen gelingt, so etwas wie einen gemeinsamen Chorus zu finden.

Menschen zusammen bringen

«Simon in Wonderland» nennt sich Wunderlin in der elektronischen Szene, wo er seit Jahren aktiv ist, in Anlehnung an die legendäre Alice. Das Interesse des Autodidakten, der letztes Jahr Vater wurde, im Sommer geheiratet hat und inzwischen mit seiner Familie in Luzern lebt, stammt aus seiner Zeit als Schlagzeug- und Marimba-Student in Basel.
Bereits damals, als er seine ersten BPM-Generation-Events in der Kaschemme startete, ging es dem tiefgründigen, jungen Mann vor allem um eines: «Ich will Menschen zusammenbringen und mit der Musik verbinden. Das ist sinnstiftend für mich.»

Mit «Rhyverb», einer Anspielung auf den Basler Fluss und den Flow eines Halleffekts im Techno, will er ebenfalls etwas zurückgeben, diesmal den jungen Stadtbewohnern, deren Nachtleben ihn inspiriert hat. «Die Jungs aus ihren Studios holen und miteinander vernetzen», lautet sein Ziel. Das geschieht durch Dutzende Kabel und mittels W-Lan, aber auch symbolisch: «Damit sie zusammen an ihrer Vision weiterbasteln können.»

Es klingt fast ein bisschen gläubig. Das ist er auch. Nicht einfach an Gott, erklärt er: Er glaube vor allem auch ans Gute im Menschen. Ist er ein Gutmensch? «Ach», winkt er mit Kopfschütteln und schiefem Grinsen ab. «Höchstens ein bisschen.» Aber auf jeden Fall ein guter Zusammen-Trommler, ob am Marimba oder an der Drum Machine, ob als Alleinunterhalter der Alten oder in seiner groovenden Glaubensgemeinschaft. Am Ende steht vielleicht noch nicht ganz die Erlösung, aber wohliger Einklang. Auch das wieder: ein kleines Wunder.

Nächste Auftritte im Altersheim: siehe www.marimbamusik.com.
Nächster Link Jam: Mittwoch, 9. Januar, 20 Uhr, Sommercasino Basel.