Star-Tenor

Singender Weltstar mit Wurzeln in München: «Ich kann nicht allzu sesshaft sein»

Familienmensch und begehrtester Tenor der Welt: Jonas Kaufmann macht in diesen Tagen in der Schweiz halt. Gregor Hohenberg

Familienmensch und begehrtester Tenor der Welt: Jonas Kaufmann macht in diesen Tagen in der Schweiz halt. Gregor Hohenberg

Der Sänger Jonas Kaufmann ist der einsame Star am Tenorhimmel. Nun geht der 49-Jährige mit dem Sinfonieorchester Basel auf Tour.

Jonas Kaufmann (49) geht auf Tour mit dem Sinfonieorchester Basel. Im KKL Luzern, und im Goetheanum Dornach singt der Münchner das «Lied von der Erde» – und dabei neben der Tenorstimme gleich noch den Bariton.

Früher haben Sie oft in der Schweiz gesungen. Dieses Jahr sind Sie nur einmal hier, für Auftritte in Luzern und Dornach. Warum?

Jonas Kaufmann: Die Zeiten ändern sich und meine Zeiten am Opernhaus Zürich, wo ich regelmässig auftrat, ja praktisch gross wurde, sind momentan vorbei. Wenn ein neuer Intendant kommt, dann bringt er auch neue Sänger, Dirigenten und Regisseure. Jeder hat seine Vorstellungen von einem guten Opernbetrieb. Es gibt nur ganz wenige Häuser auf der Welt, wo ich momentan noch Neuproduktionen mache. Die sind für mich einfach zu zeitaufwendig. Fünf bis sechs Wochen für eine neue Inszenierung zu arbeiten, liegt momentan schlichtweg nicht drin.

Und in Zürich ist man Ihnen da nicht entgegengekommen?

Sagen wir es mal so, man ging in dem Punkt nicht gerade geschickt vor. Ich habe immer angeboten, eine Wiederaufnahme mit zwei bis drei Aufführungen zu machen. In Hamburg zum Beispiel ist das problemlos möglich.

Bald wird Ihr Zeitbudget noch kleiner. Ihre Partnerin, die Opernregisseurin Christiane Lutz, erwartet im März ein Kind.

Darauf freuen wir uns sehr. Aber auch der Kontakt mit meiner Ex-Frau und meinen drei Söhnen ist mir sehr wichtig. Wir wohnen alle nahe beieinander in der Nähe von München. Gerade jetzt bin ich auf dem Weg zur Schule, um meine Kinder abzuholen (lacht). Ich hatte früher zu wenig Zeit mit ihnen und achte jetzt sehr darauf, gemeinsam Urlaub zu machen. Früher war es öfter so, dass ich während der Ferien noch irgendwo gesungen habe. Deshalb war es für meine Jungs und auch für mich eine ganz neue Erfahrung, als wir einfach nur Ferien gemacht haben. Sie konnten es kaum glauben: «Was, wir fahren an einen Ort, wo du gar nicht auftrittst!» (lacht).

Wie macht man als Startenor überhaupt Ferien?

Ein Tauchurlaub liegt natürlich wegen der Stimme nicht drin. Die Luft aus der Flasche ist einfach zu trocken. Aber sonst ist alles möglich. Ich habe auf der Welt viele interessante Menschen kennen gelernt, und wir sind gerne zu Gast an solchen Zufluchtsorten. Kreuzfahrten oder Pauschalreisen wären wohl nichts für mich. Stellen Sie sich eine Kreuzfahrt vor mit ein paar Opern-Fans unter den Gästen. Da hätte ich wohl keinen Moment der Ruhe. Wohin wir fahren, spielt eigentlich keine so grosse Rolle. Wie bei jeder Familie ist es wichtig, dass wir zusammen Zeit verbringen, etwas gemeinsam unternehmen. Wir achten höchstens darauf, dass es nicht überall WLAN gibt, wegen der Jungs (lacht).

Singen Sie auch wegen Ihrer Familie so oft in München?

In München gehe ich in die Vorstellung, und danach bin ich wieder zu Hause. Das hatte ich lange auch in Zürich. Aber als Opernsänger kann ich natürlich nicht das ganze Jahr zu Hause bleiben; wenn man international tätig ist, kann man nicht allzu sesshaft sein.

Sie sind momentan der unbestrittene Star im Tenorfach – und fast der einzige. Warum gibt es keine Tenöre mehr?

Es gibt ja welche, auch gute. Aber wir könnten gut und gerne noch weitere gebrauchen für das grosse Tenorrepertoire von «Tosca» bis «Lohengrin». Placido Domingo hat mir mal gesagt: «Vor 50 Jahren war es nicht so wild: wenn ich krank wurde und absagen musste, gab es mindestens zwei, drei andere die einspringen konnten und die dem Publikum genauso gefallen haben. Aber wenn du heute absagen musst, ist das Geschrei gross, weil sie sich dich hören wollen und keinen anderen».

Sie haben als Sänger eine grosse Entfaltung hinter sich. Sie sind im italienischen und französischen Repertoire genauso gefragt wie im deutschen. Wie sehen Sie Ihre Stimmentwicklung?

Es ist immer sehr schwer, die eigene Stimme zu beurteilen. Ich denke, sie hat sich kontinuierlich entwickelt. Momentan ist es so, dass alles, was ich singe, auch die Interpretation der anderen Stücke beeinflusst. Immer lernen, nie stehen bleiben und Neues auszuprobieren, das ist mir wichtig.

Dieses Ausprobieren zeigt sich auch auf Ihrer CD «Eine italienische Nacht». Dort erklingen je ein Stück von Lucio Dalla und Nino Rota.

Diese Stücke haben mich einfach gereizt. Ich brauche zwischendurch Projekte, wo ich etwas anderes entdecken kann. Hier und da mal etwas Ausgefalleneres, das macht mir schon Spass. Dazu gehört auch das «Italienische Liederbuch» von Hugo Wolf. Das haben Diana Damrau, Helmut Deutsch und ich auf einer Tour quer durch Europa präsentiert. Eines der Konzerte gibt es seit kurzem auch als Mitschnitt auf CD. Ich bin sehr froh, dass wir das gemacht haben, nicht nur, weil es uns viel Freude gemacht hat, sondern auch weil wir dem Publikum diese feinen kleinen Stücke nahe bringen konnten, die Helmut Deutsch wie «Szenen einer Ehe» neu strukturiert hat. Hugo Wolf ist nach wie vor ein völlig unterschätzter Komponist, der sehr farbenreich und für seine Zeit sehr modern komponiert hat. Er hat einen Ideenreichtum in seinen Noten, wie man ihn sich für moderne Popmusik mehr wünschen würde.

Folgen Sie hier nicht auch Produzenten-Wünschen?

Ich habe mich noch nie breitschlagen lassen, etwas zu singen, das ich nachher bereut hätte. Ich nehme diese Dinge auf, weil es für mich eine Gaudi ist. Wenn es den Zuschauern dann auch noch Spass macht, umso besser. Dieser Live-Mitschnitt der «Italienischen Nacht» in Berlin im Sommer war ein unglaubliches Vergnügen. Ich denke, dies spürt man auch auf der CD. Nicht nur wir auf der Bühne, auch das Publikum hatte sein Vergnügen.

Diese Entdeckungslust zeigt sich auch beim Konzert im KKL. In «Das Lied von der Erde» von Gustav Mahler singen Sie nicht nur den Tenorpart, sondern auch noch den Baritonteil.

Vielleicht bin ich ja einer, der zwischendurch gern ein Bariton wäre. Für mich ist der Reiz, dass ich so das ganze Stück gestalten kann, wie ich es möchte. So kann ich den grossen Bogen bis zum Ende spannen. Die tiefen Lieder sind einfach grossartig. Vor allem das letzte Lied, «Der Abschied», geht mir immer wieder sehr nah.

60 Minuten ohne Pause – geht das nicht an die Grenze?

Ein Liederabend mit der «Winterreise» von Schubert oder der zweite Akt von Wagners Parsifal sind ja auch nicht ohne. Wichtig ist, dass man entspannt bleibt und nicht forciert. Vor allem ab der Stelle mit dem «Aff» im Trinklied, wenn die Wogen im Orchester immer höher gehen, muss man wissen, wie man sich über Wasser halten kann. Aber wenn man’s kann, ist es jedes Mal reinste Ekstase.

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