«In Deinen Sünden Trost zu finden, Berlin, Du Deutsches Zauberwort» – mehr Deutsch als diesen Vers gibt es nicht mehr auf Sophie Hungers neuem Album «Molecules». Und doch verraten gerade diese beiden Zeilen aus dem «Electropolis» benannten Song einiges: Dass sie in der Wahlheimat an der Spree in Electro-Clubs wie Berghain oder KitKat eingetaucht ist. Dass sie für ihre eigene Musik die Welt synthetischer Klangerzeugung entdeckt hat. Berlin: Für sie ein Zufluchtsort, eine experimentelle Spielwiese, auf der man auch scheitern darf, wie sie unterstreicht. Ist sie das? Gescheitert?

Blendet man auf ihren Durchbruch mit «Monday’s Ghost» von 2008 zurück, man hätte sich damals kaum vorgestellt, dass sie in zehn Jahren einen solchen Stilumschwung vollziehen würde. Die Klanglandschaften ihres einst viersprachigen Songwritings gaben sich oft schwermütig, verletzlich und vor allem akustisch.

Doch eine Dekade ist lang, und auf den Folgealben verschoben sich die Parameter sukzessive. Schon auf ihrem Nachfolger «1983» bog sie ein paar Mal in den Folkjazz mit Indie-Flair ab. Und auf «The Danger Of Light» erschloss sie sich eine noch grössere Klaviatur an Genres. Bis sie im Jahr 2015 auf «Supermoon» souverän eine selbstironisch-freche, auch mal rotzig-rockige Sprache pflegte, befreit durch einen Ausflug nach Kalifornien.

Feinjustierung ihrer Sprache

Sophie Hunger war nie in einer bestimmten Klangästhetik eingefroren. Daher überrascht der Sprung ins Electro-Fach auch nicht ganz so sehr, wie man denken könnte. Getriggert scheint er durch das, was sie bisher ausklammerte aus ihrer Kunst: das Private. «Da kommt so eine Trennung, das ist Dekonstruktion, so, als würden die Dinge wieder in ihre kleinsten Teile zerfallen», sagt sie über die Entstehung zu «Molecules». Das hört sich zunächst radikal an, als wollte sie ihre emotionale DNA mittels musikalischer Elektronen neu bauen.

Doch wie sich beim Hören des Albums und noch mehr auf der Bühne in der ausverkauften Basler Reithalle zeigt: Unterm Strich ist es eher eine Feinjustierung ihrer Sprache mit etwas mehr Synthetik als bislang. Augenfällige Änderung allerdings das spartanische Bühnenbild: Zehn Lichttrichter, die oftmals wie Verhörlampen ins Publikum feuern, während die nur vierköpfige Band im Dunkeln steht. Alexis Anérilles, langjähriger Kollege aus Paris, verfügt über ein beachtliches Menü an Synthesizerklängen.

Gegenüber bedient Marielle Chatain, die mit der Bandleaderin Vokalharmonien aus einem Guss erschafft, zusätzliche Keyboards und E-Drums. Es tönt nur stellenweise nach Electro des 21. Jahrhunderts, vielmehr nach den flubbernden Figuren der frühen Depeche-Mode-Ära, etwa in der Single «Tricks».

Ein ausgewiesener Organiker

Zentrale Gestalt der Band ist ohnehin ein ausgewiesener Organiker: Mario Hänni vom kultigen Trio Heinz Herbert schaltet als Schlagzeuger mühelos von feinsinniger Besenarbeit auf Reggae- und Dub-Vokabeln und dann wieder hinüber zum House, liefert sich mit
Anérilles auch mal ein sagenhaftes Doppel im Zwölfachteltakt.

Wie schon immer in Hunger-Shows mischen sich Sarkasmus und Schmerz, Muskeln und Melancholie. Der Karibik-Groove von «I Opened A Bar», diese grandiose Story über ein Etablissement, in dem sich ihre Mutter, arbeitslose Freunde, ihr Ex und seine Neue gleichsam wohlfühlen sollen, wechselt zu verlorenem Solopiano im Psychogramm «The Actress». Der Einbruch der Weltraumkälte in den Akkorden von «Supermoon» blendet in die lärmigen Tonscherben von «Love Is Not The Answer».

Alte Songs mit Zugkraft

Ja, die Show lebt auch von vielen Songs aus dem Backkatalog, die in der elektronischeren Einkleidung mehr Zugkraft bekommen: So etwa «Das Neue», das jetzt von chromatischem Keyboardbass getrieben wird. Und dann berichtet uns Sophie Hunger von ihrem privaten Leid: Im kargen «There is Still Pain Left» hört man ihrer buchstäblich gelähmten Stimme die Beziehungsmüdigkeit an.

«Coucou» mit der traurigen Akustikgitarre ist ein an die Nieren gehender Abschied für die zurückgelassenen Kinder.

Am Ende sind es tatsächlich wieder die warmen, fast Electro-freien Momente, die die Oberhand gewinnen: Das A Cappella-Leuchten in der Freiheitsstatuen-Ballade, die pure Folk-Elegie von «Silver Lane», die munter geschrubbte R&B-Nummer «Hanghanghang», mit der der Ex-Lover hinausgekehrt wird. Dass sie in der Zugabe «Spaghetti mit Spinat» dann noch einen Lachkrampf bekommt, als sie sich darüber mokiert, wie sie immer wieder auf schöne Menschen hereinfällt, trägt zum leutseligen Ton bei.

Nein, gescheitert ist Sophie Hunger auf der sündigen Spielwiese des Electro sicher nicht. Doch sie ist ja auch nur mit ein paar Zehen draufgetreten.