Unter all den Gitarrenhelden nimmt Carlos Santana eine Sonderstellung ein. Sein Gitarrenspiel ist zwar auch im Blues geerdet, das rhythmische Fundament des gebürtigen Mexikaners kam aber aus den lateinamerikanischen Ländern. «Es war mir klar, dass ich den Weg nicht Richtung Robert Johnson gehen, sondern das Multidimensionale, das Polyrhythmische zum Ausgangspunkt meiner Musik machen sollte», sagte Carlos Santana gegenüber dem Magazin «Rolling Stone».

So geschah es vor 50 Jahren in Woodstock: Mit brodelnder Polyrhythmik, hochkomplexen Synkopensalven hat der damals noch unbekannte Carlos Santana am legendären Festival den Blues-Rock um eine lateinamerikanische Variante erweitert. Seine Band wurde als trans-amerikanisches Projekt wahrgenommen und der Gitarrist als Begründer des «Latin Rock» gefeiert.

Doch Carlos Santana hat sich immer gegen das Etikett «Latin Rock» gewehrt. «Das ist ein Label, das Hollywood erfunden hat», sagt er. Aus seiner Sicht zu wenig erfasst wird dabei nämlich die afrikanische Seite seiner Musik. Denn schon in den 60er-Jahren ist Santana zur Erkenntnis gelangt, dass die verschachtelten Rhythmen aus Brasilien und Kuba eigentlich afrikanischen Ursprungs sind.

Album-Trailer zu «Africa Speaks» (englisch):

Youtube/Santana

Wiege der Zivilisation

Seine Faszination für afrikanische Musik wuchs auf Konzertreisen in Europa, wo er afrikanische Musiker kennen gelernt hatte und sich intensiv mit der Musik des schwarzen Kontinents befasste. Doch erst jetzt, 50 Jahre nach seinem Durchbruch, erscheint mit «Africa Speaks» ein Album, das diesem Anspruch auch wirklich gerecht wird und die afrikanische Musik explizit würdigt.

Für Carlos Santana kann die Bedeutung der afrikanischen Musik für die heutige westliche Pop- und Rockmusik nicht überschätzt werden. Im Intro zum Album nennt er Afrika sogar «die Wiege der Zivilisation». Das mag etwas überhöht sein. Tatsache ist aber, dass nicht nur unzählige Rhythmen der Pop- und Rockgeschichte nach Afrika zurückverfolgt werden können, sondern auch der Blues, diese Urzelle der Pop- und Rockmusik. «Wir würdigen unsere Ursprünge nicht genug», sagt Santana. Das holt der 71-Jährige nun nach, 50 Jahre nach seinem Start zur Weltkarriere.

Santana – Yo Me Lo Merezco:

Youtube/Santana

Santana – Breaking Down The Door ft. Buika:

Youtube/Santana

Basis für «Africa Speaks» ist die Musik, die der Meister seit den 70er-Jahren vor allem in Paris zusammengetragen hat. «Es gibt vermutlich keinen Musiker, der mehr afrikanische Musik gesammelt hat», sagt er. Aus dieser Sammlung hat er eine Liste von 200 Lieblingssongs zusammengestellt und nochmals 70 Songs als Grundlage für das Album ausgewählt. Santana würdigt Afrika also nicht nur über seine Rhythmen und die Blue Notes aus seiner Gitarre, sondern auch über Songs. Dabei interpretiert er die Stücke nicht einfach auf seine Weise – «Africa Speaks» ist kein Coveralbum. Vielmehr übernimmt er Teile der Songs wie einzelne Riffs, Melodien oder Rhythmen und macht daraus etwas Neues.

Das neunminütige «Blue Skies» zum Beispiel heisst im Original «Chant of Mother Earth» und stammt von der nigerianischen Rockband BLO. Übernommen wird der Groove, die psychedelische Grundstimmung sowie das charakteristische Bassmotiv. Neu sind Melodieführung, Form und Text. Nah am Original ist dagegen «Breaking Down The Door». Von der ursprünglichen Version «Abatina», das Manu Chao für die Sängerin Calypso Rose aus Trinidad geschrieben hat, bleiben Text, Melodie und Sambarhythmus bestehen, Akkordeon und Elektrogitarre ersetzen aber die Harfe im Original.

Buika bildet Brücken

Das Ereignis von «Africa Speaks!» heisst aber María Concepción Balboa Buika, besser bekannt als Buika. Die Sängerin mit der ebenso geheimnisvoll dunklen wie intensiven Stimme stammt aus der ehemaligen spanischen Kolonie Äquatorialguinea, wuchs in Mallorca auf und wurde dort von Zigeunern musikalisch sozialisiert. Sie sei «wahrscheinlich die einzige schwarze Sängerin, die Flamenco singt», meinte sie im Interview mit dieser Zeitung.

Von Starproduzent Rick Rubin empfohlen, spielt sie auf «Africa Speaks» eine tragende Rolle. Heute lebt Buika in Miami, hat sich musikalisch geöffnet und vom Flamenco emanzipiert, doch punkto Phrasierung, Melodieführung, Intensität und dem Sinn fürs Dramatissche kann sie ihre Flamenco-Herkunft nicht verbergen. Sie eröffnet für Santana eine weitere Dimension. Denn plötzlich wird einem bewusst, wie nahe zusammen Spanien, Afrika, Kuba und Brasilien eigentlich liegen. Buika bildet die Brücke zwischen Europa und Afrika, Miami und den karibischen Inseln, aber auch zwischen der Neuen und Alten Welt. Gleichzeitig macht sie das Afrikanische noch afrikanischer.

Der Geist von Woodstock

Santanas Musik hat sich seit den epochalen Tagen von Woodstock zu einer störungsfreien Pop-Melange mit lateinamerikanischen Rhythmen entwickelt. Nach Jahren des musikalischen Stillstands gelingt Carlos Santana mit «Africa Speaks» noch einmal ein grosser Wurf. Das hat nicht nur mit Buika und der Afrika-Hommage zu tun. «Africa Speaks» ist nicht auf dem Reissbrett der Marketing-Strategen entstanden, sondern wurde in einem zehntägigen Studioaufenthalt weitgehend spontan er-jamt und improvisiert. Auch hier treffen sich die Vorlieben von Buika und Santana, die dann am stärksten sind, wenn sie aus dem Moment heraus musizieren.

Die Stücke folgen nicht den Zwängen der Radios. Sie sind bis neun Minuten lang und bieten viel Freiraum für Solisten und Interaktion zwischen den Musikern. Dabei entsteht in den besten Momenten eine Dynamik, ein Feuer, eine Kraft, Intensität und Leidenschaft, wie wir sie vom epochalen Auftritt in Woodstock kennen. Auf «Africa Speaks» schliesst sich der Kreis.

Santana: «Africa Speaks» (Concord/Universal).