Open Air
Stars und ihre Macken an Schweizer Open Airs

Mückenplage, Sonnenstich oder ein überschwemmtes Zelt dürften jedem Festivalbesucher bekannt vorkommen. Aber auch bei den Protagonisten der Festivals läuft nicht immer alles rund: Pleiten, Pech und Pannen der Stars.

Roman Schenkel
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Verloren im Bündnerland: Marla Glen
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Privater Helikopter-Landeplatz in Luzern: Van Morrison Der irische Musiker Van Morrison (Archiv)
Stars und ihre Macken
Ausländischer Koch im Wallis benötigt: Boy George Boy George enttäuscht von Urteil
Feinhörig in Montreux: Keith Jarret
Fischen im Genfersee: Chuck Berry

Verloren im Bündnerland: Marla Glen

«I never said I was a nice guy», hat Van Morrison mal gesagt. Dass er alles andere als ein netter Kerl ist, hat der irische Rockstar zigfach bewiesen. So kursieren über ihn Anekdoten, die seine eigene Aussage untermauern. Auch bei seinem Auftritt am Blue Balls 2002 in Luzern zeigte sich der Musiker von seiner exzentrischen Seite. Zuerst drohte «Van the Man» dem Festivaldirektor, er werde seinen Privatjet leer in Zürich landen lassen, dann orderte er kurzerhand einen Helikopter. Man solle für einen Landeplatz in Hotelnähe sorgen, kam der Befehl an die Blue-Balls-Organisation. Flugs wurde für den Sedel eine Sondergenehmigung eingeholt.

Dass aber auch «bad guys» exzellente Musik machen können, bewies er anschliessend am Konzert im KKL. Die Show dauerte allerdings nur so lange, wie Van Morrison Lust hatte. Ein Konzertbesucher erinnert sich, dass auf der Bühne eine Uhr stand, die für die Fans in den ersten Reihen ganz gut sichtbar war. Darauf lief ein Countdown von 70 Minuten rückwärts. «Kaum war dieser bei null angelangt, hörte Van Morrison auf zu spielen und verliess die Bühne», so der Konzertbesucher von damals. Keine Sekunde habe er länger gespielt. Eine Zugabe gab es natürlich auch nicht. Dafür kam er 2005 wieder nach Luzern.

Nicht beziehungsweise zu spät ans Open Air Gampel kam im Jahr 1994 Marla Glen. Und zwar nicht, weil sie keine Lust hatte, nein, die Gründe sind viel simpler: «Marla Glen hat sich im Bündnerland komplett verfahren», erzählt Gampel-Medienchef Olivier Imboden. Sie sei dann irgendwann in Gampel angekommen, aber natürlich viel zu spät für ihr Konzert. «Wir mussten es leider absagen.»

Zwei Jahre später war die US-Amerikanerin erneut im Line-up von Gampel. Und dieses Mal fand sie das Wallis auch. Glen revanchierte sich auf ihre Weise für den Ausfall: mit toller Musik. Ihr Konzert von 1996 sei in Gampel legendär, sagt Imboden. «Noch legendärer war aber die Party nach dem Konzert», sagt er. Glen habe mit dem Feiern nicht mehr aufgehört. Ihre Managerin habe den feiernden Star verzweifelt in den Menschenmassen gesucht.

Suchen mussten 1999 auch die Gampel-Organisatoren selber. Zwar keinen Rockstar, dafür einen speziellen Koch. «Boy George von Culture Club wollte unbedingt makrobiotische Kost», erzählt Imboden lachend. Von einem feinen Walliser Fondue oder einem Raclette wollte er partout nichts wissen. «Wir mussten darauf einen Koch aus dem Ausland einfliegen lassen, weil man das hier noch nicht gekannt hat.»

Ob die Kost dem Culture-Club-Sänger geschmeckt hat, ist nicht überliefert. «Nach dem Essen war auf jeden Fall alles weg - das silberfarbene Essgeschirr inklusive», erinnert sich Imboden.

Alles andere als zufrieden mit dem Flügel, den ihm das Jazzfestival Montreux zur Verfügung gestellt hatte, war der Starpianist Keith Jarrett, wie der Anfang Jahr verstorbene Festivaldirektor Claude Nobs dem Kulturmagazin «Du» berichtete. Kritisch habe Jarrett ein paar Tasten gedrückt und dann den Kopf geschüttelt. Und so verlangte der US-Jazzpianist, der als Choleriker bekannt ist, einen Grand Concert Steinway - drei Stunden vor Konzertbeginn notabene.

Den gab es laut Nobs aber nur am Konservatorium in Lausanne. Das Backstage-Team des Festivals schaffte es aber dennoch, den Flügel vor dem Konzert nach Montreux zu bringen. Darauf habe sich Keith Jarrett ans teure Instrument gesetzt und trocken gemeint: «Dieser hier tönt nicht so gut wie der andere, ich spiele auf dem ersten.»
Sowieso wusste Nobs mit den Ecken und Kanten der Musikstars bestens umzugehen.

Oft gelang es ihm, die launischen Stars prophylaktisch um den Finger zu wickeln. Als zum Beispiel 1972 der Rock-'n'-Roll-Pionier Chuck Berry, der für seinen misstrauischen und peniblen Charakter bekannt ist, in Montreux aufspielte, hielt Nobs bereits ein Fischerboot für ihn parat. Wohl wissend, dass Berry eine Vorliebe fürs Fischen hegt. Sicherheitshalber legte Nobs auch gleich noch ein paar Fische dazu, die der Musikstar dann als Fang präsentieren durfte. Das funktionierte: Chuck Berry war während des Konzerts bestens aufgelegt.

Ebenfalls völlig losgelöst rockte Lenny Kravitz am Moon&Stars 2008 auf der Piazza Grande in Locarno. Der Grund für seine Entspanntheit lag wohl darin, dass er sich zuvor in Ascona ausgiebig in einem türkischen Bad erholt hatte. Dumm nur, dass er dabei die Zeit total vergass. Sein Gig konnte erst mit 30 Minuten Verspätung beginnen.
Die Verspätung war beim Publikum aber schnell vergessen. Kravitz legte ein Prachtkonzert hin, und spätestens als er den Fans auf dem Balkon zurief, «ich komme noch zu euch rauf», bebte die Piazza. Beim rund 20-minütigen (!) «Let Love Rule» dirigierte der US-Rockstar dann das Publikum vom Balkon aus. «Ich spiele so lang, bis mich die Polizei holt», scherzte er. So weit kam es dann doch nicht, nach über zwei Stunden verliess Kravitz ganz gesittet die Bühne.

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