Wir Journalisten sollten ja darauf bedacht sein, eine kritische Distanz zu wahren. Bei Hanery Amman ist es anders. Es ist mir unmöglich, denn wir waren seit einigen Jahren freundschaftlich verbunden. Sein Tod geht mir nah.

Persönlich lernte ich Hanery auf der Rock- und Bluescruise 2011 kennen, wo wir beide als Musiker engagiert waren. Eine Probe für den Schlussabend mit einer zusammengewürfelten Band wurde für mich zum Schlüsselerlebnis in Sachen Hanery Amman. Dem Berner Oberländer ging alles viel zu langsam. Während andere noch über Struktur und Aufbau sinnierten, hatte er sie längst durchschaut.

Er wurde ungeduldig und pflaumte Mitmusiker an. Er überforderte manchen Musiker, und wer nicht mitkam, kriegte es vom musikalischen Schnelldenker zu spüren. Später auf die Szene angesprochen, sagt er: «Ich bin halt sehr direkt und kompromisslos. Ich mag mich nicht anpassen und ecke damit immer wieder an.»

Die musikalische Seele der Stilze

Hanery Amman gehörte zu den Grossen der Schweizer Musikszene. Ein begnadeter Pianist und Komponist. Mit Polo Hofer bildete er von 1971–79 den kreativen Kern von Rumpelstilz. Zusammen schufen sie Songperlen wie «D’ Rosmarie und i», «Kiosk», «Teddybär» oder «Die gfallene Ängel», und nicht wenige Kenner sind der Meinung, dass Polos beste Songs eigentlich von Hanery stammen. Für den Schweizer Mundart-Pop war das Komponisten-Duo Amman/Hofer so etwas wie Lennon/McCartney oder Jagger/Richards für die internationale Pop- und Rockszene. Ein kongeniales Gespann, das sich auf wunderbare Weise ergänzte.

Doch die Beziehung der beiden Pioniere war gespannt. Beide sind zwar in Interlaken in derselben Strasse aufgewachsen, waren aber grundverschiedene Typen. Hanery war der Musiker, der im Hintergrund die musikalischen Fäden zog. Die musikalische Seele. Polo drängte es ins Rampenlicht, wurde zum Chefideologen, Strategen, Texter und gefeierten Frontmann. Hanery wie auch der Rest der Band fühlten sich zunehmend benachteiligt. Die Band zerbrach an diesen Gegensätzen. Schade.

Hanery Amman ist tot

Die Musiklegende Amman ist gestern im Alter von 65 Jahren an Krebs gestorben. Der Musiker hat unter anderem "Alperose" komponiert.

Wie gut sich die beiden ergänzten, zeigt die Geschichte von «Alperose». Hanery komponierte den Song 1984 unter dem Namen «Kentucky Rose» – mit englischem Text. Polo hörte den Song, schrieb einen Mundart-Text dazu und veröffentlichte den Song mit seiner SchmetterBand. «Alperose» wurde zum Jahrhundert-Song, zur inoffiziellen Schweizer National-Hymne. Hanery war der musikalische Ideenlieferant, der Mann für den Geniestreich. Polo dagegen, ausgestattet mit einem ausgeprägten Gespür für den Publikumsgeschmack, trimmte den Song auf Erfolg. Hanery war der Künstler, Polo der Verkäufer.

Die Geschichte wiederholte sich. Bis heute wird «Alperose» in weiten Kreisen als ein Song von Polo Hofer wahrgenommen. Wieder erntete vor allem Polo Ruhm und Applaus, Hanery stand in dessen Schatten. Das wurde auch deutlich, als vor fünf Jahren das Musical «Alperose» lief. Polo wurde gefeiert, Hanery wurde kaum erwähnt. «Das Showbiz ist die Welt der Hochstapler und Blender. Ich habe nie so richtig in diese Welt gepasst», gestand er mir einmal bei einem Besuch im «Goldenen Anker», dort, wo er aufgewachsen ist.

«Ich habe immer anders gedacht als die anderen und habe anders ausgesehen, als ich bin», sagte er weiter. So sehe er in den Augen vieler wie ein «Drögeler» aus, dabei habe er nie etwas damit zu tun gehabt. Auch nicht mit Alkohol. «Wenn die anderen Stilze sturzbetrunken waren, habe ich sie im Auto nach Hause gefahren.»

Diese Erfahrungen haben seine Karriere mitgeprägt. Hanery wurde misstrauisch und ging seinen eigenen Weg. «Weisch, i ha niemer, wo mer heuft. I muess aues allei mache», klagte er immer wieder. Dabei konnte er auch nicht loslassen. Er wollte immer alles selbst unter Kontrolle behalten.

Gesundheitliche Probleme

Hanery komponierte 1978 die Instrumentalstücke zu Peter von Guntens Film «Kleine frieren auch im Sommer» und veröffentlichte 1980 sein erstes Solo-Album «Burning Fire» mit englischen Titeln. Erst im Jahr 2000 folgte sein grossartiges Album «Solitaire» mit wunderbaren Liedern wie «Chasch mers gloube», «Isch es wahr» und «Was für ne Nacht». Hanery komponierte viel, veröffentlichte aber nur wenig. Nicht einmal «Alperose». Die Zeit zerrann, aber er wollte selber bestimmen, wann seine Songs reif waren für die Öffentlichkeit.

Mit Polo Hofer (2. v. l.) bildete Hanery Amman (Mitte) von 1971 bis 1979 den kreativen Kern von Rumpelstilz.

Mit Polo Hofer (2. v. l.) bildete Hanery Amman (Mitte) von 1971 bis 1979 den kreativen Kern von Rumpelstilz.

Dass der Output nicht grösser war, hat vor allem mit den gesundheitlichen Problemen zu tun, die ihn ab 1985 plagten. Nach einem Ärztefehler beeinträchtigte ein Tinnitus seine Arbeit. Ein 70 Dezibel lautes Ohrengeräusch. 2007 wurde Lungenkrebs diagnostiziert. Teile der rechten Lunge mussten entfernt werden. Doch auch nach dem Eingriff kam er nicht zur Ruhe. Vollgepumpt mit Antibiotika, plagten ihn Fieber, Schlaflosigkeit und eine permanente Lungenentzündung. Einmal pro Monat musste der Lungenflügel unter Vollnarkose gereinigt werden. Eine unzumutbare Tortur.

Ein Perfektionist

Er stand sich oft selbst im Weg. Hanery konnte kompliziert sein. Einer, der eine Sache lieber dreimal überlegte, um sie dann doch wieder zu verwerfen. «Gäu, mer mache öppis mit de Horns», sagte er mir immer wieder, wenn wir uns trafen. «Klar, sofort», erwiderte ich und wusste doch genau, dass es nie zustande kommen wird. Und er war ein unglaublicher Perfektionist, ein Tüpflischisser, der mit nichts und niemandem wirklich zufrieden war.

So feilte er endlos, nächtelang, jahrelang an seinen Songideen. Im Laufe der Jahre ist eine grosse Sammlung an Songs, Songideen und Songfragmenten entstanden, die irgendwo in seinem Studio lagern. Wie viel noch in seinen Archiven lagert, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Doch vielleicht liegt dort ein veritabler Schatz, der nur darauf wartet, gehoben zu werden.

Im Sommer 2013 musste Hanery notfallmässig operiert werden. Der Lungenflügel musste raus. Alles verlief gut und nach einer Rehabilitationsphase blühte er wieder richtig auf. Er gab viele Konzerte und kündigte gleich zwei neue Alben an. Zwölf neue Mundartsongs. «Wir sind fast fertig, wir sind am Optimieren, Abmischen und Mastern», sagte er damals. Dazu ein akustisches Instrumentalprojekt zwischen Klassik, Pop und Jazz.

Der ewige Hauderi und Zauderi war optimistisch und voller Tatendrang. Er stellte eine neue Band zusammen, und noch im Juni erlebte ich am Open Air Waldbühne Gehren einen glänzend aufgelegten und inspirierten Hanery Amman. Doch dann, im Spätsommer, folgte der nächste Hammer, der nächste Schicksalsschlag: Der Krebs war wieder da. Der andere Lungenflügel. Er war am Boden zerstört.

«Ich weiss nicht, ob ich das noch mal durchmachen will und kann», sagte er und nahm den Kampf doch wieder auf. An der Badenfahrt gab er ein Konzert und ging an seine Grenzen. Es kam zur Uraufführung des Songs «Du & I gäge Räscht vo de Wält» mit Adrian Stern, den die beiden in der SRF-Sendung «Song Mates» komponierten. Niemand merkte, wie es um ihn stand.

Er begann die Chemotherapie und intensivierte dazwischen seine Studioarbeit. Wie in seinem Lied «Was für ne Nacht»: «Pfuuse chani no lang, wenn ich gschtorbe bi». Er hat wohl geahnt, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb, und wollte die Projekte unbedingt abschliessen.

Am 24. Dezember blieben meine Weihnachtswünsche an ihn unbeantwortet … sechs Tage später starb er.

Ich mochte ihn, diesen knorrigen, bärbeissigen, unbequemen Kauz, diesen herzensguten, grundehrlichen, hochsensiblen und liebenswerten Berner Oberländer Stieregrind mit dem schalkhaften Humor. Pfuus guet, Hanery! Ich werde dich vermissen.

Von diesen prominenten Menschen galt es im 2017, Abschied zu nehmen: