Flüstern Sie mal über 80-jährigen Konzertbesucherinnen die Worte «Van Cliburn» ins Ohr . . . Wenn die Dame nicht gleich in Ohnmacht fällt, wird sie schelmisch zu lächeln beginnen, verträumt ins Weite schauen und leise den Beginn von Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert vor sich hintröten.

Der Amerikaner Van Cliburn war der James Dean der Klavierwelt. Doch er war kein roher Leinwandheld, sondern ein Mann aus Samt und Seide mit Riesenhänden. Kein Wunder, eroberte der Texaner gerade mal 23 Jahre alt Moskau.

1958, der Kalte Krieg war in seiner heissen Phase, die Russen hatten eben ihre erste Weltraumrakete ins All geschossen, gewann er dort den Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb. Der Westen jubelte, Amerika hatte Russland im Fach «Kultur» geschlagen. New York ehrte Van Cliburn mit einer Konfettiparade und neben den Cliburn-Pralinés verkaufte sich die schnellstens von RCA produzierte Aufnahme von Tschaikowskys 1. Klavierkonzert mit Dirigent Kyrill Kondraschin besser als jede andere Klassik-LP.

Noch heute findet sich die Aufnahme – naturgemäss nicht das Original, sondern die golden umrandeten, mit einem unscharfen Bild geschmückten Nachpressungen –- in jeder dritten Flohmarktkiste. Van Cliburn war damit der Ruhm bis ans Lebensende gewiss. Nur das Klavierspiel wollte mit diesem Glanz nicht mithalten, irgendwann verschwand der Weltstar in der Provinz, 1978 legte er gar offiziell eine «Pause» ein. Die Heimat verzieh sie ihm. 2003 erhielt er die Friedensmedaille, die höchste zivile Auszeichnung der USA.

Nächstes Jahr hätte der Klavierheld seinen 80. Geburtstag feiern können, am Mittwoch aber ist er an Knochenmarkkrebs gestorben. Traurige Ironie: RCA warf schon letzten Monat seine kompletten RCA-Aufnahmen in einer 28-CD-Box zum Schleuderpreis auf den Markt.

Natürlich beginnt auch auf der Box alles mit Tschaikowskys Schlachtross, führt dann aber immerhin von Beethoven bis Samuel Barber, die Klavierkonzerte mit Dirigentenkaliber Fritz Reiner und Eugen Ormandy lassen aufhorchen. Bereits 1975 wars vorbei mit dem Aufnahmerausch. Es sind charaktervolle Aufnahmen, aber selbst diese 28 CDs können über Van Cliburns zwar grosses, aber eben schmal gebliebenes Talent nicht hinwegtäuschen.

Mutterdrill für den Sonderling

Der Fall «Van Cliburn» zeigt, dass die medial aufgeheizte Suche nach dem Super- oder Music-Star und seine Glorifizierung kein Phänomen des 21. Jahrhunderts ist. Der Schuss in den Pianistenhimmel war für Van Cliburn halb Segen, halb Fluch. Doch es war wohl nicht der Wettbewerb alleine, der das Leben dieses Mannes lenkte, der Drill der Mutter hatte das Wunderkind Harvey Lavan früh zum Sonderling gemacht.

In Moskau hatte er allerdings nicht per Zufall gewonnen: Sein Spiel war dank der russisch-jüdischen Lehrerin Rosina Lhévinne durchaus russisch geprägt. Für das Publikum wie die Jury war klar, dass er den Wettbewerb gewinnen müsse. Doch durfte er das? Man fragte bei keinem Geringeren als Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow an . . .

Als Van Cliburn im März 2011 anlässlich des Tschaikowsky-Wettbewerbes zurückkehrte nach Moskau, wurde er wie ein Heiliger empfangen. Die Rolle der Legende spielte er perfekt.

Van Cliburn The Complete Album Collection, 28 CDs, ca. 80 Franken. RCA/Sony.