Musik

Viel mehr als nur Klezmer am Festival für jüdische Musik

Das Plakat für das Mizmorim Festival 2015.

Das Plakat für das Mizmorim Festival 2015.

Das Festival Mizmorim für jüdische Musik stellt die ungarisch-jüdischen Komponisten György Ligeti (1923-2006) und György Kurtág in den Fokus.

Immer wieder werde sie gefragt, was denn eigentlich jüdische Musik sei, erzählt Michal Lewkowicz. «Viel mehr als Klezmer» ist die spontane und bestimmte Kurz-Antwort der israelischen Klarinettistin. Doch damit ist es längst nicht getan. Seit drei Jahren schon antwortet sie mit den Konzertprogrammen ihres Mizmorim-Festivals ausführlich und immer wieder neu auf diese Frage.

Im ersten Jahr lag der Fokus auf Amerika, letztes Jahr drehte sich alles um die neue jüdische Schule aus Russland vom Beginn des 20. Jahrhunderts, und dieses Jahr stehen zwei Grössen der zeitgenössischen Musik im Fokus, die beide ungarisch-jüdischer Abstammung sind: György Ligeti (1923-2006) und György Kurtág (geboren 1926) haben sich zwar beide eher wenig zu ihren jüdischen Wurzeln geäussert, doch das ist für Lewkowicz kein Hindernis. «Ich möchte nicht versuchen, eine Definition für jüdische Musik zu geben. Es geht mir auch um die Öffnung. So haben wir auch nicht nur jüdische Musiker im Programm.»

Lewkowicz sucht nach neuen Wegen, und das ist erfrischend. Auch in den Konzertformaten spürt man diese Frische. Keines der acht kammermusikalischen Konzerte soll länger als 50 Minuten dauern. Die Titel lauten «Bagatellen», «Fragmente», «Postskriptum» oder «Ball Dances». Formeln der leichten Beiläufigkeit, die von der schweren Kost ablenken, die manche Stücke in sich tragen. Lewkowicz erklärt: «Bei einem dreiviertelstündigen Stück wie den Kafka-Fragmenten von Kurtág für Violone und Gesang braucht man im Anschluss unbedingt eine Pause. Ich möchte vermeiden, dass die Zuhörer auf die Uhr schauen und zählen, wie viele Stücke noch kommen werden. Deshalb steht dieses Stück ganz für sich allein.»

Doch nicht nur die Klänge sind herausfordernd, auch textlich werden grosse Themen angegangen. So beschäftigt sich János Tamás’ Stück «Postskriptum» mit dem Tagebuch von Anne Frank. Sein Werk für Singstimme und Bläserquintett spiegelt den Kontrast zwischen den hoffnungsfrohen Gedanken, die Anne beim Blick durch das Fenster ihres Verstecks niedergeschrieben hat sowie der Erschütterung der Nachwelt, die um den tragischen Ausgang der Geschichte weiss.

Neue Heimat in der Schweiz

Tamás stammte ebenfalls aus Ungarn und floh 1956 während des Ungarnaufstands über Wien in die Schweiz. Im aargauischen Schönenwerd fand er ein neues Zuhause. Heidy Zimmermann von der Paul Sacher-Stiftung wird sein Werk am Samstag im Ackermannshof in einem Vortrag vorstellen. Gespielt wird Tamás’ Musik von einem Bläserquintett der Musikhochschule Trossingen. Die Festivalleiterin Lewkowicz pflegt ihre Verbindung zu dieser Institution, an der sie selbst studiert hat, bevor sie an die Basler Hochschule für Musik kam. Vor einem Jahr hat sie dort ihren Abschluss erhalten.

Zum letzten Konzert erklingt dann übrigens doch noch ein bisschen Klezmer. Die beiden Tango-Spezialisten Marcelo Nisinman (Bandoneon) und Winfried Holzenkamp (Bass) versprechen allerdings mehr als nur den typischen Klezmer-Sound.

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