Herr Blindenbacher, es sind 27 Jahre Offbeat-Festival. Erinnern Sie sich noch ans erste Konzert?

Urs Blindenbacher: Begonnen hat das Ganze ja schon 1975 mit den Konzerten von Jazz Basel. Interessant ist, dass am diesjährigen Festival zwei Künstler auftreten, die bereits 1976 in der Safranzunft dabei waren: Ralf Towner und Eddie Gomez. Ich hab beide über 30 Jahre nicht gesehen! Das erste Festival wurde von Dave Liebman und Jim Hall im Foyer des Theaters eröffnet. Damals hat Offbeat nur drei Tage gedauert.

Sie haben ein Leben mit Jazz verbracht ...

Mit Blues, Jazz und World Music ...

Was hält diese jahrelange Faszination am Leben?

Das Neue, das mir in dieser Musik immer wieder begegnet. Genau dann, wenn man denkt, da kommt nichts mehr, entdecke ich wieder neue spannende Künstler. Diese Musik erfindet sich immer wieder neu, gerade weil sie, im Unterschied zur Klassik, nicht nur auf Kompositionen und deren Interpretation beruht, sondern auch auf Improvisation. Es geht letztendlich immer um das Hier und Jetzt. Dadurch erfindet der Jazz sich immer wieder neu.

Ist Improvisation die eigentliche Philosophie des Jazz?

Das darf man nicht als Klischee sehen. Es geht heute nicht mehr nur um Improvisation, wie damals im Free Jazz. Heute wird Konzeptmusik gemacht, die innerhalb fester Strukturen Freiräume offenlässt. Das fasziniert mich. Anders beispielsweise die moderne E-Musik: Die ist für mich intellektuell sehr spannend, packt mich aber nicht.

Auch der Jazz ist zur E-Musik geworden. Früher war er Tanzmusik. Heute wird er vor einem andächtig lauschenden Publikum zelebriert.

Das stimmt so nicht. An der letztjährigen Eröffnung unseres Festivals hat das ganze Publikum getanzt. Aber es stimmt natürlich: Die Akademisierung des Jazz ist unbestritten.

Wann hat dann diese begonnen?

Wahrscheinlich Mitte Fünfzigerjahre mit dem Cool Jazz. Je weisser der Jazz wurde, umso akademisierter wurde er. Heute sind alle Jazzer musikalisch bestens geschult und klassisch ausgebildet.

Er wurde kolonialisiert?

Nein, er ist einfach breiter geworden. Auch in der afroamerikanischen Szene entdeckte man plötzlich Beethoven oder den musikalischen Impressionismus. Diese Strömungen haben sich gegenseitig beeinflusst. Zum Glück ist der Jazz von der reinen Tanzmusik weg-
gekommen und hat sich emanzipiert. Hören sie doch nur mal die fantastisch komplexen Kompositionen eines Charles Mingus oder Duke Ellington an: Das war bereits in den Vierzigerjahren!

Ist der sperrige Ruf des Jazz ein Problem für das Festival?

Überhaupt nicht. Ich bin aber auch kein Jazzpurist. Wir haben das Festival schon seit den Neunzigerjahren für andere Strömungen geöffnet, wie die südamerikanische oder afrikanische Musik. Oder wir kooperieren wie dieses Jahr mit dem Lucerne Academy Orchestra. Da stehen zusammen mit Andreas’ Schaerers «Hildegard lernt fliegen» 64 Musiker auf der Bühne. Von Zappa und Hendrix beeinflusste Musiker begegnen der Klassik. Da muss auch das Orchester improvisieren! Oder ein anderes Beispiel: Beim Konzert von Electro Deluxe in der Kaserne wird sicher richtig abgetanzt. Bei Iiro Rantala und dem String Quartett geht es wiederum um eine Begegnung von Jazz mit Bach.

Spiegelt sich das 100-Jahr-Jubiläum des Jazz im Programm?

Genau genommen ist es das Jubiläum der Schallplatte. Die gibt es nämlich seit dem 26. Februar 1917. Ohne sie hätte sich der Jazz nie so entwickelt, wie er es getan hat. Mit Ron Carter, Chick Corea und Kenny Barron haben wir Gäste, welche die reiche Geschichte des Jazz widerspiegeln.

Warum sind dieses Jahr so viele Musiker des Labels ACT eingeladen?

Ein Festival, das auch in die Zukunft blickt, kann ohne Kooperation mit Labels nicht bestehen. Diese enge Verbindung, nicht nur mit ACT, sondern auch mit ECM oder Universal, erlaubt es uns, weit vorauszuplanen. Andersherum nehmen die Labels auch Ideen auf, die an unserem Festival geboren werden, wie Andreas’ Schaerers «The Big Wig».

Und die Schweizer Szene?

Die Schweizer Szene war noch nie so gut vertreten wie dieses Jahr. Das liegt an der Kooperation mit dem Jazzcampus, wo wir einen Swiss-Special-Day mit fünf Formationen zeigen. Insgesamt treten elf Schweizer Bands auf. Das hatten wir noch nie.

Die Schweiz bringt immer mehr hervorragende Musiker hervor. Zu viele?

Sehen Sie, Künstler, wie Werner Lüdi, George Gruntz, Pierre Favre oder Irène Schweizer sind gross geworden, bevor es Jazzschulen überhaupt gab. Die mussten sich richtig durchkämpfen. Heute ist das ganz anders. Wir haben sechs oder sieben Jazzschulen, die gute Musiker ausbilden. Die grosse Frage steht im Raum: Wovon leben diese Musiker alle? Es fehlt für sie eine wirkliche breite Jazz-Szene. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde die Schulen in Zürich, Bern, Basel, Luzern etc. hervorragend. Aber was machen wir mit all den Abgängern? So viele Auftrittsmöglichkeiten gibt es gar nicht. Gut, Musiker können unterrichten. Aber auch die Nachfrage nach Musiklehrern ist beschränkt.

Sie würden Ihren Schülern nicht empfehlen, Jazzmusiker zu werden?

Doch. Aber sie müssen sich bewusst sein, dass sie ein unsicheres Leben wählen, erst noch schlecht bezahlt. Glücklicherweise gibt es einige hervorragende Musikerinnen und Musiker hierzulande, die diesen Schritt wagen.

Kann in dieser Situation Kulturförderung helfen?

Sicher. Schauen sie die skandinavische Szene an. Die wäre nie so bekannt, wenn sie im eigenen Land nicht stark gefördert würde. Skandinavien hat lange Jahre intensiv CD- und Rundfunkproduktionen gefördert. Diese Aufnahmen waren die Basis für die Musiker, um überhaupt ins Ausland zu kommen.

Also müssten in der Schweiz eigentlich die Labels gefördert werden?

Unbedingt. Es gibt zu wenige Labels, die ihre Aufnahmen auch international vertreiben können. Der Sprung ins Ausland ist entscheidend. Dass wir nicht in der EU sind, macht es nicht einfacher. Dort werden grenzüberschreitende Kooperationen stark unterstützt.

Sie machen Ihre Festivalarbeit neben Ihrem Job als Lehrer. Geht das überhaupt noch bei dieser Grösse?

Zum Glück bin ich nicht alleine. Im achtköpfigen Team leisten wir alle sehr viel. Aber der heutige Zustand ist grenzwertig. Da gehen viele Nächte, Wochenenden und Ferienwochen an das Festival. Das geht gut, solange es uns allen gesundheitlich gut geht.

Ist das Festival zu abhängig von Ihrem privaten Engagement?

Nein, wir arbeiten alle nebenamtlich. Diese Doppelbelastung macht uns alle unabhängig, aber sie belastet gleichzeitig auch. Wir erhalten zwar Gelder aus dem Swisslos-Fonds, aber keine regelmässigen Subventionen durch Stadt und Kanton. Von da her steht das Ganze schon noch auf wackligen Beinen.

Sollte das nicht anders sein, nach 27 Jahren?

Da müssen Sie andere fragen. Wir haben mehrmals versucht, Subventionen für unser Festival zu beantragen — leider vergeblich. Es gibt anscheinend keine Möglichkeit, das Festival mit wiederkehrenden Beiträgen zu subventionieren. Wir müssen jedes Jahr unsere Gesuche stellen. Damit fehlt uns die Planungssicherheit. Ich schliesse heute Verträge, obwohl ich nicht weiss, ob das Geld im 2018 da sein wird.

Können Sie so überhaupt eine Nachfolge planen?

Wir sind dabei, eine Lösung zu entwickeln. Ich werde nicht jünger. Wir brauchen einen Plan B. Bis im Sommer sollten wir eine Lösung haben, um das Festival langfristig zu verankern.