Zugegeben, man hatte sie ein bisschen vergessen: Mike und seine Mechanics. Was 1985 als Nebenprojekt des Genesis-Veteranen Mike Rutherford begann, entwickelte eine überraschende Eigendynamik, die direkt an die Chartspitzen führte: Man erinnere sich an die softe Hymne «The living Years», den Powerpop von «All I need is a Miracle» oder die Ballade «Over my Shoulder».

Der Tod von Sänger Paul Young im Jahr 2000 führte zum Bruch, 2006 verliess die andere Stimme, Paul Carrack, die Band. Mike Rutherford ging wieder mit Genesis auf Tour, ehe er sein Nebenprojekt reaktivierte: Mit Andrew Roachford (52), der seit den 80er-Jahren eine eigene Karriere im Soulpop-Genre verfolgte und dem kanadischen Sänger Tim Howar (48).

Im Frühjahr veröffentlichten Mike & The Mechanics ihr achtes Album, nun kommen sie für ein einziges Gastspiel in die Schweiz. Grund für ein Ferngespräch.

Mike Rutherford, Sie begannen dieses Projekt 1985 mit zwei Leadsängern. Eine Ausnahmeerscheinung im Rock. Warum halten Sie am Konzept fest?

Mike Rutherford: Bei den Beatles hat es ja auch funktioniert.

Ha, gute Antwort!

Ursprünglich geschah das zufällig, als wir das erste Mechanics-Album aufnahmen. Schnell wurde uns klar, dass sich uns mit zwei Leadstimmen mehr Möglichkeiten eröffneten. Allein das Spektrum, das die Gesänge abdecken konnten, war breiter. Als wir die Band vor sieben Jahren neu starteten, mit Andrew und Tim als Sänger, machte uns das auch stilistisch variabler. Die älteren Songs erhielten einen neuen Ausdruck, einige verschoben sich mehr in den R’n’B, andere Richtung Rock. Es hat auch Vorteile auf der Bühne: Mit zwei Sängern entsteht eine andere Dynamik, eine tolle Energie.

Andrew Roachford, bevor Sie einstiegen, schätzten Sie die Mechanics wie Genesis ein: als «Denker-Band». Hat sich das bewahrheitet?

Andrew Roachford: Nein, und ich war froh festzustellen, dass das nicht der Fall ist. Als ich zum ersten Mal mit Mike im Studio war, merkte ich, dass wir eigentlich recht ähnlich arbeiteten: Sehr intuitiv, nicht von Noten und Taktarten geleitet - also gar nicht so verkopft, wie man hätte meinen können (lacht). Ich spürte sehr schnell, dass die Chemie gut war zwischen uns.

Auf Ihrem neuen Album fallen die Soul- und Gospeleinflüsse auf. War das Ihr Einfluss, Andrew?

Roachford: Ein Stück weit sicher. Ich wuchs mit den Platten meiner Mutter auf, mit Soulsongs von Otis Redding, Sam Cooke. Und meine Stimme ist wie gemacht für diese Musik, sie verleiht den Liedern einen souligen Touch.

Rutherford: Wenn man sich den neuen Song «Let me fly» anhört, dann fällt auf, dass die Mechanics die Einbindung als Chor schon fast zur Tradition gemacht haben. Ich denke an unsere Klassiker wie «Living Years» oder «Word of Mouth». Das sind Lieder, die Leute miteinander singen im Sinne einer Feier. Als wir «Let me fly« erstmals live spielten, sagte ich zu den anderen: «Ich glaube, der Song braucht einen Chor.» Das Stück wuchs so und wurde noch grösser.

Ein anderes neues Lied heisst «The best is yet to come» – haben Sie noch unerfüllte Wünsche?

Roachford: Einen Lotteriegewinn?

Rutherford: Zu viele! Und das aber in einem positiven Sinn. Ohne dass wir das beabsichtigt hätten, hat dieses Album einige Songs, die Kraft vermitteln, erhebend sind: «Let me fly» ist einer, «The best is yet to come» ein anderer, oder auch «Are you ready?» Vielleicht wollten wir uns in diesen unsicheren Zeiten selber Mut machen.

Aus Sicht der Musikindustrie haben klassische Alben an Wert verloren. Wie sehen Sie das?

Rutherford: Ich weiss nicht, ich glaube immer noch an die Kraft des Albums. «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» der Beatles möchte ich mir heute noch in dieser Form anhören wie damals, als ich es für mich entdeckt hatte.

Roachford: Mir geht es so, dass ich mit fortschreitendem Alter besser akzeptieren kann, dass sich die Dinge verändern. 2017 soll nicht mehr so sein wie 1967.

Sie haben das «Sgt. Pepper’s»-Album der Beatles erwähnt, das vor 50 Jahren herauskam. Auch Genesis könnten Jubiläum feiern: Vor 50 Jahren wurde Ihre alte Band gegründet, Mike. War für Sie immer klar, dass sie in diesem Jahr mit den Mechanics auf Tour gehen?

Rutherford: Nun, was die Jubiläen von Genesis angeht, so gibt es ein Zeitfenster über drei Jahre: von der Gründung der Band 1967 bis zu unserem ersten Album, «From Genesis to Revelation», das 1969 erschien. Es ist also noch alles möglich. Aber im Moment ist keine Reunion geplant. Für mich stimmt das so, denn was zählt, ist auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen. Und das tue ich nun wieder.

Bei Ihrem Schweizer Konzert erwartet Sie eine spezielle Ambiance: Sie spielen in einem römischen Theater. Schon mal gemacht?

Rutherford: Ja, das erinnert mich natürlich an das letzte Konzert mit Genesis, 2007. Da spielten wir im Circus Maximus in Rom, vor einer halben Million Menschen. An einem Ort zu spielen, der eine solche Geschichte hat, ist immer unglaublich speziell. Ich freue mich sehr darauf.

Erlauben Sie mir noch eine letzte Frage: Was war der beste Backstage-Moment, den Sie zusammen erlebt haben?

Rutherford: Oh, den können wir Ihnen nicht sagen ...

Roachford: ... den erfahren Sie erst, wenn ich mein Buch geschrieben habe.

Mike & The Mechanics: «Let me fly», BMG/TBA.

Live: Sonntag, 10. September, 18 Uhr. Augst.