Pop
Zurück auf Feld eins: Elton John besinnt sich auf seine Anfangsjahre

Das neue Album «The Diving Board» des englischen Superstars tönt wieder vermehrt nach Rock-’n’-Roll, Blues und Boogie. Dennoch kann er das Sülzen nicht ganz lassen.

Stefan Künzli
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Elton John: «Ich mache einfach nur Musik, die sich für mich gut anfühlt.»

Elton John: «Ich mache einfach nur Musik, die sich für mich gut anfühlt.»

Ende der 1960er- Jahre tauchte in der englischen Popszene ein junger Musiker auf. Knapp 20-jährig, ein talentierter Sänger mit einem Hang zum Exzentrischen und einem Gespür für knackige Melodien und originelle Songs. Herausragend war er aber vor allem als Pianist. Besonders seine kräftige linke Hand, geschult in Blues und Boogie-Woogie, wurde bald in Kennerkreisen gerühmt.

Einer der erfolgreichsten Popmusiker

Der Musiker hiess Reginald Kenneth Dwight und nannte sich Elton John. Jener Elton John, der heute mit über 900 Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Interpreten der Popgeschichte zählt.

Damals bestand sein Repertoire aus Rock-’n’-Roll-Nummern, gospelartigen Blues- und Boogie-Nummern wie «Crocodile Rock», «Honky Cat», «Saturday Night’s Alright (For Fighting)», und «Bennie and the Jets», aber auch einige der schönsten Balladen der Popgeschichte wie «Goodbye Yellow Brick Road», «Daniel» und «Rocket Man» sind in diesen Jahren entstanden. Charakteristisch für alle Songs war das markant-rhythmische und kräftige Klavierspiel.

Nahe der Kitschgrenze

Dieser Elton John unterschied sich stark von jenem Elton John, der ab den 1980er-Jahren mit überproduzierten, opulenten Songs wie «Sad Songs» und «Nikita» sowie tranig-triefenden Balladen wie «Blue Eyes» oder «Little Jeannie» nahe der Kitschgrenze die obersten Plätze der Hitparade belegte.

Das Piano war zwar noch präsent, war aber meist eingehüllt in eine klebrige Keyboard- und Streicherpampe oder einen indifferenten Chor von Backing Vocals. Der Erfolg war riesig und lang anhaltend und Elton John sah keinen Anlass, etwas an seinem Erfolgsrezept zu ändern.

Der Bruch kam erst vor sieben Jahren mit dem Album «The Captain & the Kid», das für einen wie Elton John weit hinter den kommerziellen Erwartungen zurückblieb. Die Enttäuschung war so gross, dass er ans Aufhören dachte. «Ich wusste: Wenn ich noch einmal da raus will, dann müssen wir etwas vollkommen anderes machen», verriet er der britischen Zeitung «The Daily Telegraph».

Back to the roots

Den Neubeginn markierte «The Union» mit seinem alten Piano-Kumpel Leon Russell und dem Star-Produzenten T-Bone Burnett. Es zeigte einen anderen Elton John mit Songs zwischen Rockabilly, Country & Western, Gospel und Southern Rock.

Und nun folgt die grosse Rückbesinnung auf «The Diving Board», dem ersten Soloalbum seit 2006. Der 66-Jährige hat seine Musik auf das Wesentliche reduziert. Fast wie damals, als er in London auftauchte. Das Piano ist sehr dominant und weit nach vorne gemischt. Oft nur Piano und Gesang und in drei kurzen, romantischen, klassisch anmutenden Fantasien sogar das Klavier solo. Bass (gespielt von Sänger Raphael Saadiq) und Schlagzeug bilden das Grundgerüst – wie in alten Zeiten. Dazu, nur dezent, erklingt eine Gitarre und sparsam werden Streicher, Bläser, Keyboards und Perkussion eingesetzt.

«The Diving Board» trägt auch die Handschrift von T-Bone Burnett, der es auf diese altmodische, spontane Art mag. Die Songs wurden denn in wenigen Tagen in Los Angeles eingespielt. In «Take This Dirty Water» erklingt New Orleans, Gospel-und Blues-Anleihen herrschen in «A Town Called Jubilee» und «Ballad Of Blind Tom», auf «Quicksand» swingt Elton und auf «Mexican Vacation» verrät er seine Herkunft im Boogie.

Die Richtung stimmt

Und doch fällt die Rückbesinnung nicht ganz konsequent aus. Wir vermissen die rhythmische Ausgelassenheit der wilden Jahre. Und nicht alle Balladen sind so gut gelungen wie die Single «Home Again». Elton John kann das Sülzen doch nicht ganz lassen und watet in «Can’t Stay Alone Tonight» und «Voyeur» in sehr seichten Gewässern. Der ganz grosse Befreiungsschlag ist «The Diving Board» nicht, aber die Richtung stimmt. «Ich jage nicht mehr nach Spitzenplätzen in den Charts», sagt er, «ich mache einfach nur Musik, die sich für mich gut anfühlt.»

Elton John The Diving Board. Universal.

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