An der Eröffnungsfeier von Fantoche dringt der Applaus «wie ein warmer Regen» – Zitat einer Freundin – an unsere Ohren; am vorletzten Tag klingt er, am Ende von «La Tortue rouge», nach einer sanften Brandung.

Ist der Beifall somit Gradmesser für die Qualität eines animierten Films? Nicht nur. Wichtiger sind die Meinungen von Besuchern jeden Alters, die den Hunderten animierten Filmen ohne Scheuklappen begegnen und sich dazu eine eigene Meinung bilden: Fantoche, du hast uns wieder!

Film mit Tiefgang

Einen Film dürfe ich ja nicht verpassen, wurde mir eingepaukt: «Ma vie de Courgette». Der grösste Trafo-Saal ist proppenvoll; die Altersdurchmischung so, wie man sich diese im Kinoalltag öfter wünschte. Regisseur Claude Barras spricht kurz über den kleinen Courgette; ein Waisenkind, das im Kinderheim gemobbt wird und dort schliesslich neue Freunde findet.

Nur ein Jö-Film mit Figuren zum Knuddeln, der den Griff zum Taschentuch unverzichtbar macht? «Nein», heisst es unisono. Man ist sich einig: Dieser Film hat Tiefgang; er ist nicht gefühlig, sondern gefühlvoll. «Zum Wiedersehen», bringt das tags darauf meine Sitznachbarin auf den Punkt.

Baden wird zum Animationsfilm-Mekka

Baden wird zum Animationsfilm-Mekka

In Baden öffnete zum 14. Mal das Animationsfilm-Festival „Fantoche“ seine Tore. Bis Sonntag werden über 370 Filme gezeigt.

Ist auch «Wrinkles» ein Kandidat dafür? Ja, meine ich. Im Kino haben an diesem hochsommerlichen Nachmittag bloss wenige Zuschauer Platz genommen. Liegt das an den Themen Alter, Demenz, Seniorenheim, Verlust der Würde? Spontan geht mir dies durch den Kopf: Jeder will alt werden, doch keiner will es sein. Ist «Wrinkels» niederschmetternd?

Keineswegs. Der spanische Film beschönigt zwar nichts, weil er den geistigen Verfall des Heimbewohners Emilio klar verdeutlicht, aber er zeigt auch den Reifeprozess des Zimmergenossen Miguel, der erkennt: Bin ich für Emilio da, behält dieser seine Würde – und ich dazu. Welche Ermutigung! Und mit welch feinfühliger Ironie in Szene gesetzt.

Eine Stadt des Lächelns

Der Übergang in den goldenen Nachmittag fällt danach nicht einfach. Ich muss mich glücklicherweise nicht für die nächste Vorstellung beeilen. Das müssen andere, die von Berufes wegen zwischen den Kinos in Baden und Wettingen pendeln. Auffallend: Es wird gelächelt – als ob Baden nicht nur eine temporäre Stadt des animierten Films, sondern auch eine des Lächelns wäre.

Zum Lächeln bringt einen vieles. Etwa die Sponsoren-Trailers. Obwohl man sie schon nach einem Tag in- und auswendig kennt, kriegt man von ihnen nie genug. Den Vorspann des Festivals habe ich ins Herz geschlossen.

Da versuchen Menschen verzweifelt, ein flatterndes Papier zu erhaschen. Als sie es in die Hände bekommen, stemmen sie es hoch – und wir sehen das Fantoche-Signet. Sein Schöpfer ist Georges Schwizgebel. Dem grossen Schweizer Animationsfilmer ist eine Retrospektive gewidmet. Ein Muss für mich, weil mich dessen preisgekrönter «Erlkönig» nicht loslässt.

Nun steht die Begegnung mit einem Regisseur an, dessen «malerisches» Schaffen auf farbintensiven Pinselstrichen beruht. Nicht nur das. Ohne Musik – ob Bach, Schubert oder Rachmaninoff – ist keiner von Schwizgebels Kurzfilmen denkbar. Jedem Werk wird applaudiert – und am Ende gibt’s ein Gespräch mit dem Westschweizer, der jeden Film im Alleingang entwickelt.

Das tut auch der Holländer Michael Dudok de Wit. Bis er eines Tages eine Anfrage vom japanischen Ghibli Studio erhält: Ob er Lust habe, für dieses einen Langfilm unter Mitwirkung eines grossen Zeichnerteams zu gestalten? Er hat – allerdings nicht ohne Bedenken, wie in einem Dokumentarfilm zu erfahren ist: Eine gute Vorbereitung auf das, was ich mir für den Schluss aufhebe: «La Tortue rouge».

Persönliche Handschrift

Zuvor aber tauche ich ein in Filme, die unterstreichen, wie beeindruckend die enorme stilistische Vielfalt und die persönlichen Handschriften bei Fantoche sind. «Psiconautas» ist düster; der ätzende «Seoul Station» fährt Zombies auf, lässt Blut spritzen – ist somit: brutal.

«Cafard», die Geschichte über einen Ringkampfweltmeister im Ersten Weltkrieg rührt ebenso an wie «La jeune fille sans mains» nach einem Grimm-Märchen. Ihnen gegenüber steht «The Boy and the Beast» aus Japan – ein Sinnenrausch ohnegleichen.

«Es war nie meine Absicht, Gewalt zu zeigen», sagt der junge Regisseur mit kambodschanischen Wurzeln, Denis Do. Dabei dreht sich sein – Ende 2017 fertiggestellter – Film «Funan» um das fürchterlichste Kapitel in der Geschichte von Kambodscha: das Regime der Roten Khmer. Wie hatte Festival-Leiterin Annette Schindler doch gesagt: «Die Animation ist gerade für diesen Stoff hervorragend geeignet, denn eine Kamera kann diese Ereignisse nicht mehr dokumentieren.»

Voll, voll, voll

Mein Zeitgefühl ist längst geschwunden; die Rituale haben sich eingespielt. Mineralwasser einpacken, ins Kino schlendern, anstehen, sitzen, sehen: auch den Langfilm «La Tortue rouge». Wiederum ist der Saal voll, voll, voll. Schön, denn das zeigt: Gross(artig)e Filme wirken als solche nur im Kino – zusammen mit Gleichgesinnten, die jetzt mucksmäuschenstill sind bei diesem empathischen, meisterlichen Epos.

Michael Dudok de Wit erzählt die Geschichte eines Schiffbrüchigen, der vergeblich versucht, einer Insel zu entkommen, und dabei immer wieder einer roten Riesenschildkröte begegnet. Schliesslich erfährt er … Weiteres verraten wir nicht.

Nur dies: Horizont, Himmel, Meer und Licht sind hier derart subtil und schön eingefangen, dass es keine Worte dafür gibt. Die gibt es ja auch im Film nicht. Ach, schon wieder vorbei, denke ich beim Verlassen des Kinos – traurig, aber auch glücklich, weil ich weiss: Nach Fantoche ist vor Fantoche.