Comic
Nachdem Leserinnen und Leser protestierten: Zeichnerin Katharina Greve lässt ihre Plum doch weiterleben

«Die letzten 23 Tage der Plüm» beweist mit absurdem Humor und subtiler Zeitanalyse, wie innovativ Comics für Erwachsene sein können.

Hansruedi Kugler
Drucken
Teilen
Gleich werden die drei Plüm in Panik ausbrechen – und später in komisch-grotesken Aktionismus verfallen.

Gleich werden die drei Plüm in Panik ausbrechen – und später in komisch-grotesken Aktionismus verfallen.

Avant-Verlag

Die Situation kommt einem ganz schön bekannt vor: Ein verdorrter, blattloser Baum und daneben träge, ratlose Typen, die sich in einem Niemandsland mit absurden Spielereien die Zeit vertreiben – bis dieses unerklärliche Ding kommt. Es ist die Urszene des Theaters des Absurden: Samuel Becketts Endzeitklassiker «Warten auf Godot».

Nur heissen die Plüms der deutschen Zeichnerin Katharina Greve nicht Wladimir und Estragon, sondern Pla, Schte und Rüm. Statt auf Godot warten die drei auf den Einschlag dieses roten Punktes, der vermutlich in 23 Tagen mit ihrem Planeten zusammenstossen wird. «Wir werden alle sterben», lautet Plas Erkenntnis, der den Punkt durchs Fernrohr entdeckt hat. Ein bisschen traurig schaut er dabei drein. Er ist der Schlaue, Schte und Rüm die Einfaltspinsel.

Avant-Verlag

Die Plüm wirken wie Nachfahren der Schildbürger

Katarina Greve erfindet sich immer wieder neu. Zuletzt bekam sie für ihr minutiöses Gesellschaftstableau «Das Hochhaus» als Faltbild mit 102 Etagen den begehrten Max-und-Moritz-Preis. Und im Comic «Die dicke Prinzessin Petronia» hat sie eine griesgrämige Cousine des «Kleinen Prinzen» kreiert. Die deutsche Zeichnerin, eine der zurzeit innovativsten Comic-Zeichnerinnen, hat ihre Plüms ursprünglich für eine Berliner Zeitung gezeichnet.

«Ich war geneigt, sie sterben zu lassen», schreibt sie im Nachwort. Der Protest von Leserinnen und Lesern folgte. Wäre ja wohl auch eine deprimierende Pointe und zu sehr bloss eine Bestätigung der Klima- und Weltuntergangsstimmung. Klar jedoch, dass man den roten Punkt auch als Klimakatastrophe lesen kann.

Aber wenn Greve das Absurde der Situation mit ihren niedlich-doofen Strichmännchen verbindet, liest man diese Groteske wie eine Fortsetzung der skurrilen Geschichten der legendären Schildbürger. So wird das ein irrwitziger Spass. Denn in den 23 Kapiteln wechseln sich Lethargie und Aktionismus, hängende Köpfe, Panikattacken und Beinahe-Menschenopfer ab: ein lustiges Panorama allzumenschlichen Unvermögens, mit lebensbedrohlicher Gefahr umzugehen.

Ignorieren nützt den Plüms genauso wenig wie bloss symbolischer Aktionismus. Sie versuchen mit einem riesigen «Umfahrung»-Schild den Punkt abzulenken und beschliessen in den restlichen Tagen, das zu tun, was sie noch nie gemacht haben: Sich anmalen, ins Schaumbad steigen, Auswanderung versuchen.

Avant-Verlag

Die geschlechtslosen Plüm, die sich durch Teilung fortpflanzen und sich von ekligen Würmern ernähren, denken dann vor dem Aufprall wieder nur ans Essen. Manche Leser werden beim roten Punkt auch an Lars von Triers Meisterwerk «Melancholia» denken, in welchem ein Planet auf die Erde zurast. «Die letzten 23 Tage der Plüm» ist natürlich lustiger und mit einem überraschend witzigen Schluss.

Hinweis
Katharina Greve: Die letzten 23 Tage der Plüm
Avant-Verlag,
101 S.