Nachruf
Cla Nett, ein Meister des minimalen Aufwands und des maximalen Ausdrucks: «Wer übt, hat's nötig»

Mit Cla Nett verliert die Schweiz einen ihrer prägendsten Blueser. Und die Basler Musikszene den Schöpfer zahlreicher Bonmots.

Stefan Strittmatter
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Cla Nett (1956–2021) war Gitarrist, Bandleader und roter Faden bei der Basler Lazy Poker Blues Band.

Cla Nett (1956–2021) war Gitarrist, Bandleader und roter Faden bei der Basler Lazy Poker Blues Band.

Zvg

Cla Nett war ein Minimalist, was das Gitarrenspiel angeht. Auf der Bühne kam der Basler mit weniger Equipment und weniger ­Noten aus als all seine Kolleginnen oder Kollegen. Sein stadt­bekanntes Bonmot «Wer übt, hat's nötig» war denn auch keine Koketterie – es war die Weisheit eines Mannes, der trotz seiner Hautfarbe und Herkunft wusste, was den Blues ausmacht.

Eine einzige aufheulende Note

Nie werde ich jenen Abend in der Kuppel vergessen, den ich im Rahmen des Basler Szenetreffs «Mitten in der Woche» mitorganisieren durfte: Wir hatten zwei Dutzend Gitarristinnen und Gitarristen versammelt. Darunter Nett, der mit seinem angegrauten Bart, dem schwarzen Hut und seiner in sich ruhenden Art aus der jugendlichen Runde herausstach wie ein bunter Hund.

Für die musikalische Eröffnung einigten wir uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, eine Blues-Jam. Als die Reihe an Nett war, trat er mit seinem mächtigen Fuss auf zwei Effekt­pedale – «das eine macht laut, das andere macht lauter» – und füllte seine zwölf Takte mit einer einzigen aufheulenden Note, die er stur wiederholte. Mit minimalem Aufwand und maximalem Ausdruck. Damit war alles gesagt.

Cla Nett 2018 im Rahmen von «Mitten in der Woche».

Cla Nett 2018 im Rahmen von «Mitten in der Woche».

Benno Hunziker

Ich bin dankbar, dass ich Cla Nett nicht nur auf der Bühne erleben, sondern auch privat kennen lernen durfte. Denn sein offenes, warmes Wesen stand diametral im Gegensatz zu seinem harschen und erbarmungslosen Spiel. Wirkte Nett auf der Bühne eher verschlossen, so bekam ­seine Mimik im Gespräch etwas rührend Väterliches. Der gelernte Jurist, der unter anderem für die SP am Basler Appellations­gericht als Richter amtete, war zudem ein interessierter Zuhörer, ein sehr kluger Kopf und ein grossartiger Erzähler.

So war Nett ein Meister der pointierten Verdichtung: Gefragt nach den Anfängen seiner Lazy Poker Blues Band (gegründet 1975) antwortete er: «Wir probten im Waisenhaus und spielten im Altenheim.» Doch auch die Langform lag ihm. Seine Schilderungen der DDR-Gigs wären eine Steilvorlage für ein Drehbuch. Ebenso die Stories von der Europa-Tour mit Joe ­Cocker, auf der die Basler Band regelmässig mehr Tonträger verkaufte als der Star des Abends.

Ein späteres Line-up der Lazies mit Cla Nett (links) und Sänger Roli Frei (vorne, zweiter von rechts).

Ein späteres Line-up der Lazies mit Cla Nett (links) und Sänger Roli Frei (vorne, zweiter von rechts).

Urs Meyer

In besonderer Erinnerung bleibt mir von jedem unserer Gespräche (egal, ob sie in privatem oder beruflichem Rahmen stattfanden), dass Nett unfähig war, einen Groll zu hegen. Von seinen Mitmusikern – in knapp 50 Bandjahren waren es fast so viele Bandmitglieder – wusste er stets vorrangig Positives zu erzählen. In seinem Rückblick verwandelten sich künstlerische Differenzen zu befruchtendem Austausch und divahaftes Verhalten zu grossem Showtalent.

Letzteres interessierte Nett selber kaum. Stets war ihm wohl dabei, den Spot im Rampenlicht den Leadstimmen zu überlassen, darunter Roli Frei, Jakob Künzel, Liliane Michel oder Claudia Bettinaglio. Er selber sorgte mit seinem Gitarrenspiel für den roten Faden im wechselhaften Sound seiner Band, die in den Achtzigern erfolgreich mit dem Pop liebäugelte.

Cla Nett (links) mit Jimi Aeby, 1981 im «Atlantis Basel».

Cla Nett (links) mit Jimi Aeby, 1981 im «Atlantis Basel».

Urs Tschopp

Als wir uns vor einigen Jahren zu später Stunde im gemeinsamen Proberaum über unsere «Gitarrensucht» unterhielten, sagte Nett, dass er nie ein Virtuose oder gar ein Star sein wollte. Sein Ziel war es, ein guter Bluesgitarrist zu sein. Dieser Fokus liege wohl an seinem Geburtsdatum, witzelte er weiter: Als Weihnachtskind am 24. Dezember geboren, sei er schliesslich den drei Königen verpflichtet. Bloss: «Bei mir heissen sie Freddie, Albert und B. B. King.»

Ein letzter Lazy-Gig am Valle Maggia Blues Festival

Unlängst erweiterte der Gitarrenminimalist Nett unerwartet sein Equipment. Plötzlich stand im Übungsraum neben der in die Jahre gekommenen gelben Gibson ES-335 und dem kleinen, aber lauten Verstärker ein faltbarer Stuhl, der vom verschlechterten Gesundheitszustand seines Besitzers zeugte. Auf diesem Stuhl spielte Nett im Sommer mit den Lazies am Valle Maggia Blues Festival sein letztes Konzert.

Aus dem engen Freundeskreis heisst es nun, Cla Nett sei 64-jährig an multiplem Organversagen gestorben. Der Klappstuhl im Probenkeller bleibt fortan leer. Es ist nicht die einzige Lücke, die der zweifache Familienvater hinterlässt.

Cla Nett, 2017 im «Atlantis Basel» mit seinem Bruder Jachen (rechts).

Cla Nett, 2017 im «Atlantis Basel» mit seinem Bruder Jachen (rechts).

Nicole Nars-Zimmer

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