Er hat mit seinen Stücken schon für so manchen Skandal gesorgt. Sein «Kongo Tribunal» hat sogar zur Entlassung von zwei Ministern geführt. Ab Herbst 2018 ist der Schweizer Regisseur Milo Rau künstlerischer Leiter des NT Gent in Belgien. Wie er und seine Mitstreiter dort das Theater neu definieren wollen, haben sie in einem Manifest festgehalten (siehe Kasten). Derweil verweigert der Stadtrat von St. Gallen ihm den Kulturpreis, entgegen dem Entscheid der zuständigen Kommission. Raus neustes Stück «Die Wiederholung» ist ab heute Abend in der Kaserne Basel zu Gast.

Herr Rau, Sie waren mit der Familie gerade wandern im Alpstein. Wo sind Sie jetzt?

Milo Rau: Wir sind wieder zurück in Köln, wo wir aktuell leben. Ich übersetze «La Reprise» (dt. «Die Wiederholung») gerade für die Übertitelung in Basel. Leider kann ich für die Aufführungen nicht vor Ort sein. Ich fliege nach Matera. Die Stadt ist nächstes Jahr Kulturhauptstadt Europas, und wir bekamen die Anfrage, dort etwas zu machen. Wir haben nun von der Nichte von Pier Paolo Pasolini die Rechte bekommen, sein Matthäus-Evangelium noch einmal in Matera zu inszenieren, wo er seinen Film gedreht hat. Das freut mich sehr, da es einer meiner Lieblingsfilme ist. Es wird eine Freiluftinszenierung und einen modernen Jesus-Film geben.

Ihre Heimatstadt St. Gallen hat sich geweigert, Ihnen den Kulturpreis zu verleihen. Wie ordnen Sie das ein?

Das Verhalten des Stadtrats beziehungsweise des Stadtpräsidenten ist undemokratisch und beleidigend. Er setzt sich über den Entscheid der Kommission und damit die Gewaltenteilung hinweg und nimmt sogar in Kauf, dass sich die halbe Kommission aus Protest aufgelöst hat. Dabei haben die Kommissionsmitglieder wiederholt das Gespräch gesucht und sehr eindringlich versucht, den Mann zur Raison zu bringen. Leider erfolglos.

Gibt es nachvollziehbare Gründe?

Ich kann mir nur vorstellen, dass es mit «City of Change», einem Projekt, das ich 2011 am Stadttheater St. Gallen gemacht habe, zusammenhängt. Vermutlich war diese Inszenierung, in der es um eine Ausweitung des Wahlrechts auf alle Einwohner der Stadt ging, in den Augen des Stadtpräsidenten problematisch – er hat ja sein Demokratieverständnis nun klar demonstriert. Eigentlich hat St. Gallen Erfahrung mit kritischen Künstlern, selbst Niklaus Meienberg hat den Kulturpreis erhalten, als Teenager war ich bei der Verleihung dabei. Mit dieser liberalen Tradition hat der Stadtpräsident nun «kraft seines Amtes», wie er den Medien mitteilte, Schluss gemacht.

Das erinnert an den Propheten im eigenen Land. Sie waren nah dran, das Schauspielhaus Zürich zu übernehmen, haben sich aber für das Theater im belgischen Gent entschieden. Warum dieser Entscheid?

Es gibt verschiedene Gründe. Wenn Sie das «Genter Manifest» lesen (siehe Kasten unten), schwebt uns ein Theater vor, das die Aufgaben eines Stadttheaters neu zu definieren versucht. Das wäre in Zürich unmöglich gewesen.

Ein zentraler Punkt in Ihrem Manifest ist die Kritik am System Stadttheater ...

… und im Speziellen auch am Schweizer Stadttheater. Es wird an unseren Häusern einfach extrem teuer produziert. Die Stücke bleiben dann aber vor Ort und touren nicht. Das Verhältnis von Zuschauerzahlen und Produktionskosten ist aus dem Gleichgewicht. Ein anderes Problem betrifft die Ensembles. Es gibt zwar feste Verträge, aber die Ensembles bestehen vor allem aus älteren Herren und jüngeren Damen, natürlich alles Schweizer oder Deutsche. In Gent machen wir das anders. Wir suchen nach einem globalen Theater und besetzen Rollen auch mit Amateuren und mit Menschen, die andere Sprachen sprechen.

Sie kritisieren auch die Stückwahl an den grossen Häusern.

Ja, es gibt eine Art bürgerlichen Adaptionswahn. Immer, wenn ich an Stadttheater komme, wollen mich die Dramaturgen überreden, einen Tschechow oder Schnitzler zu machen. Mich interessiert aber das Entwickeln moderner, heutiger Klassiker. Kurzum, wir fragen uns, wie man diesen Apparat Stadttheater ins 21. Jahrhundert beamen kann.

Ist die Kritik am herkömmlichen Modell Stadttheater vor allem Ihre Sicht oder reflektiert die auch ein Unbehagen in der Szene?

Es handelt sich um ein grundsätzliches Problem der darstellenden Kunst im Rahmen des Stadttheaters. Man verlässt sich zu 90 Prozent auf alte Texte. Das ist problematisch. Zeitgenössische Autoren haben es in diesem Umfeld schwierig. Ich möchte Modelle entwickeln, die das ändern. Bei uns kommt eine kollektive Autorenschaft zum Tragen. Die hat übrigens auch schon Shakespeare praktiziert, wenn er seine Stücke mit den Schauspielern entwickelt hat. Zudem wusste er genau, was sein Publikum beschäftigt. Die Vorstellung, dass Theater kreieren bedeutet und nicht bloss tradieren, die ist verloren gegangen.

Sie schreiben auch: Das Theater soll die Welt nicht darstellen, sondern verändern.

Das Theater kann beides. Ich selbst mache ja auch Arbeiten, welche die Welt darstellen, wie beispielsweise das Stück, das jetzt in Basel zu sehen ist. Dann mach ich aber auch Produktionen wie das «Kongo Tribunal», das zu einem symbolischen Beweis dafür geworden ist, dass ein weltweites Wirtschaftstribunal möglich ist. Es hat im Kongo zur Entlassung von zwei Ministern geführt. Da verändert sich die Welt doch wenigstens ein bisschen. Im Grund ging es auch darum, dass einfache Menschen an einem solchen Tribunal eine Stimme erhalten. Das verändert die Welt vielleicht nicht direkt, ist aber eine Art Vorleuchten für Möglichkeiten, die in der Zukunft liegen.

In vielen Ihrer Stücke steht die Gewalt im Zentrum. Auch in der «Wiederholung». Woher kommt das?

Traumatische, unerklärliche, sinnlose Gewalt war schon immer Thema der Tragödie. Durch sie versuchen wir, zu verstehen, warum etwas passiert. Wir verarbeiten Gewalterfahrungen, indem wir sie noch einmal durchspielen. Das deckt sich mit meiner Theaterauffassung. Kommt hinzu, dass beim Thema Gewalt sehr schnell die Frage ins Zentrum rückt, wie wir sie darstellen können. Bei der «Wiederholung» geht es im Grund fast ausschliesslich um diesen Aspekt: Wie können wir eine Art Hyper-Realismus herstellen und gleichzeitig das, was passiert, emotional durchdringen? Wie funktioniert Theater eigentlich, diese altertümliche Illusions- und Mitleidmaschine?

Und was ist die Antwort?

In «Die Wiederholung» geht es ja um einen extrem sinnlosen Fall von Gewalt. Ein paar Leute treffen sich zufällig; einer von ihnen wird am Ende zu Tode gefoltert. Uns beschäftigten in diesem Zusammenhang die verschiedenen Ebenen von Gewalt. Es gibt das Casting im Theater, eine subkutane Form von Gewalt. Dann gibt es die Gewalt des Verlusts, das damit verbundene Trauma. Es gibt die soziale Gewalt und am Ende die physische. All diese Formen werden untersucht, um damit gleichzeitig über die Mittel des Theaters nachzudenken.

Stimmt der Eindruck, dass Sie sich – trotz aller Kritik – immer mehr klassischen Theaterformen zuwenden?

Ich komme aus der postmodernen Tradition der Performance, suche mittlerweile aber ein neues Theater – ein Theater nach der Performance gewissermassen. Deshalb interessiert mich auch die Leitung eines Theaterhauses. Denn für ein neues Theater brauchen wir auch neue Klassiker, neue Ensembles, neue Produktionsweisen. Ich habe viele Produktionen gemacht, die sowohl für das Stadttheater wie auch für die Freie Szene sehr schwierig umzusetzen waren. Jetzt geht es darum, einen Apparat zu entwickeln, der das Beste aus beiden Systemen zusammenbringt. Und darum geht es im «Genter Manifest».

«Die Wiederholung»: Donnerstag, 7. bis Samstag, 9. Juni. Kaserne Basel.