Westschweizer TV-Serie
Neue SRG-App sei Dank: Diese spannende Serie gibt es als Original, doch leider stösst man auf ein Untertitel-Durcheinander

«Ohne Grenzen» ist eine reife Serie aus der Westschweiz. Nur offenbart sie, wie ungereift die SRG-Streamingplattform Play Suisse noch ist.

Daniel Fuchs
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An den Genfer Schalthebeln der Macht: Suzanne Fontana (Isabelle Caillat) und Guillaume Kessel (André Dussollier).

An den Genfer Schalthebeln der Macht: Suzanne Fontana (Isabelle Caillat) und Guillaume Kessel (André Dussollier).

srf

Was setzt die Stadt Genf besser in ­Szene als der Jet d’Eau. Der Spring­brunnen im Genfer Seebecken. Mit ­explosiver Kraft sprüht er das Wasser 140 Meter hoch in den Himmel. Nun hat es das Wahrzeichen der Stadt in den Vorspann einer Fernsehserie geschafft. «Cellule de Crise» («Ohne Grenzen» auf Deutsch) ist der neue Wurf des Westschweizer Fernsehen RTS, mit Geldern aus dem schweizweiten Gebührentopf der SRG finanziert.

Explosiv ist die Stimmung auch hinter der humanistischen Fassade der internationalen Hilfsorganisation, um die es in der Serie geht. Macht, Intrigen, Ränkespiele: Das internationale Genf bietet dafür das perfekte Setting. Unter den hier ansässigen Organisationen hat auch das Flüchtlingshilfswerk der UNO, das UNHCR, seinen Sitz in Genf. In dessen Chefetagen und auf dem «Feld» im Konfliktgebiet zwischen Saudi-Arabien und dem Jemen, spielt sich «Cellule de Crise» ab.

Mächtige Frauen und verzerrte Realitäten treffen auf Klischees

Die Geschichte dreht sich im Wesentlichen um die idealistische Unidozentin Suzanne Fontana (gespielt von Isabelle Caillat), die sich von der grauen Eminenz des Rats der Organisation, Guillaume Kessel (André Dussollier), zur Präsidentin vorschlagen lässt. Die Führungsstelle muss neu besetzt werden, nachdem der amtierende Präsident bei einem Besuch in einem Flüchtlings­lager in Jemen ermordet worden ist.

Ein Hauch von «Homeland»: Für die Befreiung der Geisel muss Suzanne Fontana (gespielt von Isabelle Caillat) auf die arabische Halbinsel reisen.

Ein Hauch von «Homeland»: Für die Befreiung der Geisel muss Suzanne Fontana (gespielt von Isabelle Caillat) auf die arabische Halbinsel reisen.

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Bei der Organisation entbrennt ein gnadenloser Kampf um die Ausrichtung. Soll man noch mit allen Kriegsparteien sprechen, um Menschen zu schützen, oder soll man sich dem Machtgefüge der internationalen Realpolitik fügen, wie Fontanas Konkurrentin es fordert?

Fontana setzt sich durch und muss es bald mit Terroristen aufnehmen, die im Grenzgebiet zwischen Jemen und Saudi-Arabien Mitarbeiter der Hilfsorganisation als Geiseln gefangen halten. Dabei wird ihr Förderer Kessel Fontana zur Hypothek. Er hat buchstäblich eine Leiche im Keller. Oder auch nicht? In dieser Serie verschwimmen Realität und Einbildung, was bei der Spannung hilft.

Auch nicht fehlen darf die Fifa und ein sich an die Macht klammernder Präsident, der stark an Ex-Fifa-Chef Sepp Blatter erinnert.

Eine Alt-Bundeskanzlerin und ein Ex-Fifa-Boss

«Die Serie ist inspiriert von realen Situationen, die Figuren und ihre Abenteuer sind jedoch das Ergebnis der Fantasie der Autoren», schreiben die Westschweizer ­Produzenten. Da mutet es sonderbar an, dass die Aussenministerin ausgerechnet Huber-Hotz heissen muss. Zur Erinnerung: Annemarie Huber-Hotz war die ehemalige Bundeskanzlerin. Sie war die erste Frau in diesem Amt und starb vor einem Jahr.

Die Serie trägt insgesamt etwas gar dick auf. Etwa, wenn Fontanas Konkurrentin, eine Karrieristin, den ermordeten Hilfswerkspräsidenten an dessen Gedenkfeier als narzisstischen Dummkopf beschimpft. Und kurz danach dessen Witwe innig umarmt. Selbst Frank Underwood (Kevin Spacey) kaschiert seinen Zynismus in der US-Serie «House of Cards» besser. Demgegenüber sind einige Figuren in «Cellule de Crise» von den Autoren etwas gar eindimensional gezeichnet.

SRG-App lässt Binge Watching schlicht nicht zu

Mit ihren tollen Cliffhangern hat «Cellule de Crise» trotzdem das Zeug zum langen Fernsehabend. So ist es nur umso ärgerlicher, dass einige technische Hemmnisse Binge Watching verunmöglichen. Auf der vor wenigen Wochen lancierten Plattform der SRG, Play Suisse, lässt sich diese erste Staffel bereits komplett streamen. Leider funktioniert die App noch nicht überall, doch selbst wer sie hat, stösst schnell auf Fehler. Etwa lässt sich nicht zuverlässig dort fortfahren, wo man am Abend zuvor aufgehört hat.

Eine besondere Zumutung sind die Untertitel. In Folge vier muss man sie über Strecken aus einem Dickicht an Programmierbefehlen heraussuchen. Peinlich. Dabei wäre gerade das der grosse Vorteil von Play Suisse: Endlich gibt es Schweizer Produktionen im ganzen Land als Originalversion. Frei wählbare Untertitel inklusive.

Ein Müsterchen gefällig? Bei den Untertiteln herrscht noch keine Ordnung.

Ein Müsterchen gefällig? Bei den Untertiteln herrscht noch keine Ordnung.

Screenshot

Die SRG liess für Play Suisse Hunderte Stunden Videomaterial extra untertiteln von der SRG-Tochter Teletext. Man wird den Eindruck nicht los, dass es bei der Einführung der App sehr schnell gehen musste.

Gerade rechtzeitig haben es hingegen die Macher von «Cellule de Crise» geschafft. Gedreht wurde zwischen Herbst 2019 und Frühling 2020, just eine Woche vor dem Lockdown war alles im Kasten. Drehorte lagen unter anderem in Genf und Südspanien, für die Szenen in Saudi-Arabien und Jemen.

Hier geht's zum Trailer:

«Cellule de Crise» (CH/B/LUX 2020, 6 Folgen à 50 Min.); Regie: Jacob Berger; komplette Staffel auf ­Play Suisse. Mittwochs jeweils auf SRF1.