Interview

Oberster Deutschlehrer der Schweiz: «Anders als bei Frisch nimmt das Interesse an Dürrenmatt nicht ab»

Pascal Frey in seinem Klassenzimmer der Neuen Kanti Aarau.

Pascal Frey in seinem Klassenzimmer der Neuen Kanti Aarau.

Bei seinen Schülerinnen und Schülern stehe Friedrich Dürrenmatt hoch im Kurs, sagt Deutschlehrer Pascal Frey. Wegen seinem Humor, den kurzen Krimis und den atomkritischen «Physikern».

Vor 40 Jahren sass ich selbst in einer Schülervorstellung von «Der Besuch der alten Dame». Gehen Sie mit Ihren Schülerinnen und Schülern in Dürrenmatt-Vorstellungen?

Pascal Frey: Ja, klar, auch wenn seine Stücke nicht mehr so oft auf die Bühne kommen. Ich war zum Beispiel 2015 mit einer Klasse im Schauspielhaus Zürich. Wir schauten «Der Besuch der alten Dame.»

Wie reagierten die Schülerinnen und Schüler?

Für sie ist es vor allem ein Anlass, bei dem sie mit ihrem Lehrer ausserhalb des Schulzimmers zusammentreffen. Das ist immer noch ein Ereignis. Über das Theater sagen sie dann in der Regel nicht so viel, weil sie zu wenig Vergleiche haben und nicht einschätzen können, ob das eine tolle Aufführung gewesen ist. Für mich ist dabei das Wichtigste, zu merken, ob sie das Stück verstanden haben. Und das ist bei Dürrenmatt eigentlich immer erfüllt.

Sie stellen im Unterricht also fest, dass Dürrenmatt ein zugänglicher Autor ist?

Ja, sehr. Seine Stücke, besonders «Romulus der Grosse» oder «Der Meteor», sind immer auch lustig. Und zwar auf einer Ebene, die man sonst weniger kennt. Es gibt unter den Schülerinnen und Schülern immer solche, die einen Sinn haben für diese Grotesken. Sie fühlen sich sehr angezogen von Dürrenmatts Texten.

Zur Person

Pascal Frey – der LiteraturkennerDer 53-jährige unterrichtet seit 25 Jahren Deutsch an Kantonsschulen, derzeit an der Neuen Kantonsschule Aarau. Pascal Frey ist seit 2018 Präsident des Vereins Schweizerischer Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer und Autor der Lehrmittelreihe Deutsch am Gymnasium. Frey ist auch in anderen Funktionen mit der Literatur verbunden. Bis Ende 2019 präsidierte er den Verein Solothurner Literaturtage und hat die Kleinkunsttage Solothurn gegründet. (hak)

Pascal Frey – der Literaturkenner

Der 53-jährige unterrichtet seit 25 Jahren Deutsch an Kantonsschulen, derzeit an der Neuen Kantonsschule Aarau. Pascal Frey ist seit 2018 Präsident des Vereins Schweizerischer Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer und Autor der Lehrmittelreihe Deutsch am Gymnasium. Frey ist auch in anderen Funktionen mit der Literatur verbunden. Bis Ende 2019 präsidierte er den Verein Solothurner Literaturtage und hat die Kleinkunsttage Solothurn gegründet. (hak)

Sie fühlen sich angezogen, auch unterhalten mit tieferem Verständnis?

Die Schülerinnen und Schüler kommen immer schon mit einer Vorstellung von Dürrenmatt ans Gymnasium. Sie kennen mindestens die «alte Dame» und haben gehört, «Die Physiker» sei technik- und atomkritisch. Das ist ja ein Thema, das heute genauso aktuell ist wie zur Zeit der Entstehung des Stücks. Andere sagen sich, wenn sie schon selbst Bücher auswählen dürften, dann wollten sie einen Krimi lesen, und entscheiden sich auf der Maturaliste für «Der Verdacht». Und dann gibt es auch die Schüler, die die abgelegeneren, grotesken Sachen auswählen.

Haben Sie als Lehrer Favoriten? Also Werke, von denen Sie sagen würden, Kantischüler sollten mindestens diese zwei kennen?

Nun, einerseits vielleicht die Erzählung «Die Panne», am besten in der Hörspielversion. Und sicher auch «Der Besuch der alten Dame». Wenn ich das ganze Stück lese, dann mit der ganzen Themenbreite Korrumpiertheit, Bigotterie, sozialer Zusammenhalt, kapitalistische Wirtschaftsordnung im Hintergrund. Wenn ich das Stück nur ausschnittweise lese, dann mindestens mit dem Fokus auf die Komik mit allen ihren Dimensionen.

Friedrich Dürrenmatt, Sohn eines Protestantischen Pfarrers aus Konolfingen, ist auch heute noch einer der meistgelesenen Schweizer Schriftsteller.

Friedrich Dürrenmatt, Sohn eines Protestantischen Pfarrers aus Konolfingen, ist auch heute noch einer der meistgelesenen Schweizer Schriftsteller.

Wieso ist für Sie «Die Panne» zentral?

Erstens ist es kurz, und zweitens ist es typisch für das, was Dürrenmatt in seiner Literatur umtreibt. Da ist zum einen die Umkehr von landläufigen Gerechtigkeitsvorstellungen, die sein ganzes Werk durchdringt. Hinzu kommt die Frage der Manipulierbarkeit von Wahrheit, die für Dürrenmatt immer ein Thema ist. Es ist auch ein Text, der überraschend und irritierend endet. Trapp gibt sein Verbrechen ja zu, fährt dann aber in der Hörspielversion am Ende fröhlich weiter.

Umkehr von Gerechtigkeit und Manipulierbarkeit von Wahrheiten sind ja auch aktuelle Themen. Stellen Sie diese Verbindung im Unterricht aktiv her?

Das bietet sich sicher an. Ich mache das im Unterricht aber weniger. Gymnasiasten sind clever und kommen schnell selbst auf solche Schlüsse. Ich verlasse mich darauf und finde es auch besser so, als wenn diese Bezüge vom Lehrer her kommen. Es gibt aber durchaus Deutschlehrer, die das aktiver thematisieren.

Findet der Zugang zum Werk Dürrenmatts eher vom Text her statt, oder auch biografisch und zeitgeschichtlich?

Ich kann nicht für alle Deutschlehr­personen reden. Am Gymnasium ist der textimmanente Zugang favorisiert. Bei «Die Physiker» drängt sich na­türlich auch eine zeitgeschichtliche Kontextualisierung auf. Ein biogra­fischer Zugang kann spannend sein – genauso wie es spannend sein kann, Klatschheftli zu lesen. Aber für das Litera­turverständ­nis ist das nicht gewinnbringend. Ich schliesse das eher aus.

Machen Sie mit Ihren Klassen Ausflüge, etwa nach Konolfingen, wo Dürrenmatt aufgewachsen ist?

Nein, wenn schon ins Centre Dür­renmatt. Regelmässig ist das leider kaum möglich. Es wird immer schwieriger, solche Ausflüge zu finanzieren. Und die Unterrichtszeit ist so knapp bemessen, dass selbst bei Goethe und Schiller die Persönlichkeiten nur noch am Rande behandelt werden ­können.

Das Centre Dürrenmatt war der ehemalige Wohn- und Arbeitsort des Schriftstellers. Heute ist dort sein bildnerischer Nachlass ausgestellt.

Das Centre Dürrenmatt war der ehemalige Wohn- und Arbeitsort des Schriftstellers. Heute ist dort sein bildnerischer Nachlass ausgestellt.

Im Centre Dürrenmatt ist dessen grafisches Werk sehr sichtbar. Integrieren Sie seine Minotauri in den Unterricht?

Ja, effektiv, weil ich insbesondere sein grafisches Werk sehr interessant finde. Aber so etwas ist nur möglich, wenn ich mal in einem Jahr einen Schwerpunkt zu Dürrenmatt mache. Die Minotauri sind mythische Figuren mit einer starken allegorischen Kraft. Vor allem, wenn man in die späten Bände, in die «Stoffe» liest, wird diese Verbindung von Literatur und Grafik sehr spannend. Aber ehrlicherweise eignet sich ein solches Thema eher für ein Seminar an der Uni.

Haben Sie selbst als Privatleser einen Lieblings-Dürrenmatt-Text?

Das ist etwas schwierig zu beantworten für jemanden, der sich professionell mit seinen Texten befasst. Aber «Romulus der Grosse» finde ich umwerfend oder den Briefwechsel mit Max Frisch. Den finde ich von Dürrenmatts Seite her zum Totlachen komisch.

Offenbar hat Dürrenmatt in Ihrem Unterricht einen festen Platz, auch im Verhältnis zu anderen Autoren.

In der Schweiz sind die Deutschlehrpersonen bei der Auswahl der Lektüre ziemlich frei. Es gibt keine Liste von Autoren und Texten, die abgearbeitet werden müssten. Aber wenn es einen Schweizer Autor gibt, der regelmässiger als andere berücksichtigt wird, dann ist es ganz bestimmt Dürrenmatt. Und zwar mit einem verhältnismässig breiten Werk. Im Gegensatz zu Max Frisch, von dem vermutlich heute im Gymnasium ausser «Homo faber» kaum mehr etwas gelesen wird. Wir öffnen ja auch literaturgeschichtliche Zugänge. Deshalb ist Gottfried Keller für das 19. Jahrhundert sehr wichtig. Und zwar, weil Keller ein Schweizer war, der zu seiner Zeit so geschrieben hat wie in der internationalen Literatur. Dürrenmatt ist deshalb so interessant, weil die ganze Welt ihn cool gefunden hat.

Hat sich das Interesse an Dürrenmatt in den letzten Jahrzehnten an den Schulen verändert?

Das Interesse an Frisch hat stark abgenommen, bei Dürrenmatt ist das konstant geblieben. Ans Gymnasium kommen die meisten Schülerinnen und Schüler mit der Erwartung, dass man hier Goethe und Schiller liest, und wenn man nicht schon in der ersten Stunde auf die beiden zu sprechen kommt, sind viele enttäuscht. Bei Dürrenmatt ist das genau dasselbe. Wenn man die Schülerinnen und Schüler fragt, welche Autoren sie ausser J. K. Rowling kennen, kommen sehr schnell Goethe, Schiller, Dürrenmatt. Ich finde es schön, weil ich Dürrenmatt sehr gerne habe. Aber eine Erklärung, warum das so ist, habe ich nicht.

Die Schweiz – ein Gefängnis. Dieser Text schwirrt immer noch in vielen Köpfen. Wird das im Unterricht gelesen?

Ich habe es im Deutschunterricht noch nie gelesen. Unsere Philosophielehrerin jedoch schon. Weil Dürrenmatt in diesem Text ein erkenntnistheoretisches Problem verhandelt hat und ausgebaut hat zu dieser Metapher vom Gefängnis, in dem man nicht weiss, wer Gefangener und wer Wärter ist.

Man reduziert den Text ja bisweilen zu stark auf die Fichenaffäre in den späten 1980er Jahren.

In letzter Zeit habe ich auch gedacht, dass dieser Text an Aktualität gewinnt. In einer Zeit also, in der jeder gezwungen ist, eine Maske zu tragen, und sich dann aber viele Leute zum Polizisten machen, andere kontrollieren. Mich würde nicht erstaunen, wenn dieser Text von Deutschlehrern nun wieder in den Unterricht eingebaut würde.

Dürrenmatt-Ausstellung im Literaturmuseum Strauhof

Bis zum 10. Januar ist in Zürich die Ausstellung «Kosmos Dürrenmatt» zu sehen. «Indem ich die Welt, in die ich mich ausgesetzt sehe, als Labyrinth darstelle, versuche ich, Distanz zu ihr zu gewinnen, von ihr zurückzutreten, sie ins Auge zu fassen wie ein Dompteur ein wildes Tier», schrieb der Schriftsteller zu seinem Werk. So bildet das Theaterschaffen in Zürich den einen Schwerpunkt der Ausstellung. Der andere widmet sich dem autobiografischen Spätwerk, das aus einer tiefen Krise des Autors entstand. (hak)

Bis zum 10. Januar ist in Zürich die Ausstellung «Kosmos Dürrenmatt» zu sehen. «Indem ich die Welt, in die ich mich ausgesetzt sehe, als Labyrinth darstelle, versuche ich, Distanz zu ihr zu gewinnen, von ihr zurückzutreten, sie ins Auge zu fassen wie ein Dompteur ein wildes Tier», schrieb der Schriftsteller zu seinem Werk. So bildet das Theaterschaffen in Zürich den einen Schwerpunkt der Ausstellung. Der andere widmet sich dem autobiografischen Spätwerk, das aus einer tiefen Krise des Autors entstand. (hak)

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Autor

Hansruedi Kugler

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