Interview

Operndiva Cecilia Bartoli: «Die Stimme muss trainiert werden, es ist ein bisschen wie bei Roger Federer»

Hat einiges von Farinelli gelernt: Sopranstar Cecilia Bartoli.

Hat einiges von Farinelli gelernt: Sopranstar Cecilia Bartoli.

Für ihr Album mit Arien des Kastraten Farinelli ging Cecilia Bartoli an ihre Grenzen. Privat sorgt sie sich mehr um Likes als um ihre Figur.

Ein Knacken, und schon sprudelt es am anderen Ende der Leitung los: «Hallo, es ist eine Freude, mit Ihnen zu sprechen!» Bei Operndiva Cecilia Bartoli ist sogar ein gewöhnliches Telefonat grosse Oper. Auch ihre Bühnenrollen zelebriert sie mit Haut und Haar, die neuste sogar mit ein paar Härchen mehr.

Frau Bartoli, während wir ­telefonieren, sitzen Sie heute ­breitbeiniger da als sonst?

Spielen Sie etwa auf meinen neuen Look an? (lacht herzlich)

Auf dem Cover Ihres Farinelli-­Albums tragen Sie Bart.

Aber sicher. Jeden Morgen stehe ich auf und rasiere mich.

Für Ihre Alben betreiben Sie intensive Forschungsarbeit und wissen doch, dass Kastraten gar keinen Bartwuchs hatten...

...genau. Aber sie mussten ja grosse Könige oder starke Eroberer ebenso glaubhaft spielen wie weibliche Rollen! Ist es nicht total lustig, dass Farinelli sich genauso einen Bart ankleben musste wie ich? (lacht)

Auf der Bühne geniessen Sie es sichtlich, ein Mann zu sein. Haben Sie einige Vorzüge des männlichen Daseins auch in Ihren Alltag als Frau adaptiert?

Das ist das Stichwort! Auf der Bühne glaube ich fest daran, Farinelli zu sein. Aber sobald ich es im Alltag bin, protestiert meine Familie. No way, ich habe keine Chance.

Keine Zigarren im Wohnzimmer?

Nein, nein, die müssen auf der Bühne bleiben. Und ehrlich gesagt, jeden Tag den Kleber für den Bart auf mein Gesicht aufzutragen ist ziemlich anstrengend. Noch interessanter als die Frage Bart oder kein Bart ist aber Farinelli als Person.

Was hat Sie an ihm überrascht?

Dass er ein fantastischer Sänger war, ist klar. Sehr virtuos, mit einer Spannweite bis in die höchsten und tiefsten Töne. Aber was ich erstaunlicher finde, ist seine Persönlichkeit und seine Gabe, die Seele der Menschen zu berühren.

Mit seinem Feuerwerk an ­Virtuosität?

Man würde es nicht meinen, aber mehr mit sehr einfachen und melancholischen Melodien. Er hatte beides: eine virtuose und eine lyrisch-melancholische Seite. Das war ein Grund für seine Berühmtheit. Als echter Künstler vereinte er alles in sich.

Könnte man ihn als den ersten Popstar bezeichnen?

Vielleicht als Popstar, vielleicht sogar als Heilmittel. Er wurde an den spanischen Hof eingeladen, um König Felipes Depression zu heilen. Farinelli sang für Felipe, aber nicht nur das: Der König machte ihn zu seinem Vertrauten, Ratgeber, ja sogar einer Art Premierminister. Es ist faszinierend, zu sehen, was für ein interessanter Mensch er war. Mit vielen Begabungen auf verschiedenen Ge­bieten.

Das neue Farinelli-Album von Cecilia Bartoli fällt auf

Das neue Farinelli-Album von Cecilia Bartoli fällt auf

Ihr erster Ton auf dem Farinelli-­Album ist so dunkel, dass man meint, einen Mann singen zu hören.

Dazu muss man das Brustregister brauchen (singt tief): «haaaa»!

Müssen Sie sich für diese Arien neben dem Bart auch ein männ­liches Timbre zulegen?

Was enorm hilft, ist die Musik. Händel komponiert für eine Sängerin in einem viel höheren Register als für einen Kastraten. Da kommen ganz natürlich andere Farben zum Einsatz. Farinelli sang im hohen, aber auch im tiefen Register. Musik, die für ihn komponiert wurde, hat also zusätzlich eine ganz andere Ebene. Als Händels Zauberin Alcina streife ich diesen Bereich nie!

Was fasziniert Sie an Kastraten? «Farinelli» ist bereits Ihr zweites Album mit deren Arien.

Es ist die unglaubliche Freiheit, die sie zu ihrer Zeit genossen. Beim Kom­ponisten Johann Adolph Hasse erreicht das sogar ein Maximum an Verrücktheit: Die Rolle des Marc Antonio wird da von einer Frau gesungen und Cleopatra von einem Mann! Das war auch für das Publikum verrückt. Bei allem Respekt für den grossartigen David Bowie oder Prince – erfunden haben sie das Spiel mit den Geschlechter nicht. 300 Jahre vor ihnen waren die Menschen freigeistiger als heute.

Trotzdem nannten Sie die Ära der Kastraten die «brutalste Verirrung der Musikgeschichte». Heute legen sich Menschen unters Messer, Models hungern sich zu Tode: Sind wir, unabhängig von der Epoche, bereit, unseren Körper für Ruhm und Schönheit zu opfern?

Das Opfer wurde damals an Kindern vollzogen, mit acht Jahren. Das ist eine schreckliche Grausamkeit, weil diese Kinder keine Möglichkeit hatten zu wählen. Andererseits: Was Eltern heute mit ihren Kindern machen, um einem globalisierten Schönheitsideal gerecht zu werden... dieses Dünnsein! Dabei ist es eine Erscheinung der Zeit. Meine Grossmutter, die beide Kriege erlebte, sagte immer: Cecilia, iss! Wenn du dünn bist, meinen die Leute, wir seien arm.

Sind wir als Publikum auch nicht ganz ehrlich? Einerseits lieben wir übermenschliche Leistun­gen – ob in der Musik oder im Sport –, im gleichen Atemzug verurteilen wir aber Personen, die sie voll­bringen, als unmenschlich...

Die Grenzen verschieben sich. Noch gefährlicher finde ich, dass unser Leben immer virtueller wird. Wir retuschieren unsere Fotos, bevor wir sie jemandem schicken. Was wir senden, sind nicht wir. Es sind: wir in einem virtuellen Leben. Wir führen also ein virtuelles Leben und ein echtes. Das führt zu einer grossen Verwirrung und Verunsicherung, gerade in der jüngeren Generation.

Wollen wir um jeden Preis ­gefallen?

Heute herrscht eine regelrechte Hysterie um Likes. Ich finde, wir sollten vor lauter Likes die menschlichen Probleme und die menschlichen Stärken, ja alles, was menschlich ist, nicht vergessen.

Die NZZ schreibt, Ihre Stimme sei in Ihrer 30-jährigen Karriere ­dunkler geworden. Müssen Sie wachsam sein und musikalisch auf sich ändernde Ansprüche ihres Instrumentes, also Ihres Körpers, reagieren?

Natürlich! Ich gebe Ihnen einen Vergleich: Mein Instrument ist wie guter Rotwein, Barrique. Begonnen habe ich als junger Weisswein. Aber wenn man ein gutes Arrosto essen will, dann braucht man einen Barrique-Wein. Auch meine Seele ist anders als vor dreissig Jahren. Vor zehn Jahren habe ich junge Rollen bevorzugt, heute sind mir die dramatischen viel näher, für die es Reife und Erfahrung braucht, um sie auszufüllen.

Kastraten waren hochgewachsen und konnten Phrasen bis zu einer Minute lang halten. Haben Sie eine Art Kastraten-Fitness gemacht, um sich auf das Album vorzubereiten? Die erste Phrase der Arie in «Alto Giove» ist ja 22 Sekunden.

Erinnern Sie mich nicht daran! Man kriegt da kaum Luft.

Dafür klingt es erstaunlich gut.

Kastraten hatten ein viel grösseres Lungenvolumen als wir Frauen. Ich habe vor allem geübt zu atmen. Wenn man Atemnot hat, wird man nervös. Also war mein Training eine Art Yoga, mit dem Ziel, die Atemnot mit Ruhe zu füllen... und dabei erst noch die hohen Noten zu erzeugen... und den Fokus der Phrase nicht zu verlieren... puh! Ich kann sagen, ich bin glücklich, dass ich dieses Album jetzt mache, weil ich heute mein Instrument besser beherrsche als früher, meine Stärke hat sich mehr und mehr ent­faltet.

Auf dem Album gibt es auch ­einfache, melancholische Arien.

Farinelli war berühmt für seine langen, schönen Noten ohne jeden Virtuo­sismo. Es ist ein Paradox, aber das ist sogar noch anspruchsvoller, als all die schwierigen Noten hinzubekommen.

Das können wahrscheinlich nur Sie behaupten, weil Ihre Koloraturen legendär sind...

Come on! Es ist ein Geschenk, eine flexib­le Stimme zu haben. Aber die Gabe muss trainiert werden. Es ist ein bisschen wie bei Roger Federer. Er ist eine riesige Begabung. Aber es ist auch sein Einsatz, seine Technik. Er muss jeden Tag hart arbeiten.

Farinelli wurde nicht nur be­wundert, sondern begehrt. Heute ist MeToo auch in der Klassik ein Thema. Ist Oper eine Gefahr, weil sie von Begierde und Liebe handelt und Musik Gefühle auslöst?

Ich weiss, was Sie meinen, Musik erweckt Gefühle. Aber was immer für Gefühle das sind, da ist auch ein Punkt, an dem man sich entscheiden kann, die Kontrolle nicht zu verlieren. Wenn man ihn übergeht – und mit ihm auch den Respekt oder die Achtung gegenüber Kollegen oder Menschen, das ist das Ende von allem.

Die emotionale Macht der Musik darf also keine Entschuldigung sein?

Es sollte umgekehrt sein: Musik sollte uns in eine höhere Dimension bringen. Sie sollte helfende Wirkung haben, nicht zerstörerische. Ja, die Musik soll unsere Seele und den Körper heilen.

Cecilia Bartoli, Giovanni Antonini; Il giardino Armonico: «Farinelli». Decca 2019

Autorin

Anna Kardos

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