Exklusiv-Interview

Patent-Ochsner-Sänger Büne Huber ist auch Maler: «Ich bin Treibgut und schwebe durchs Leben»

Patent-Ochsner-Frontmann Büne Huber komponiert, textet und malt gleichzeitig. Und das schon immer. Im Landesmuseum Zürich präsentiert er seine Bilderwelt erstmals umfassend. Endlich lernen wir den ganzen Künstler Büne Huber kennen.

Wir haben schon etliche Interviews zusammen gemacht. Trotzdem ist dieses Gespräch etwas Besonderes, eine echte Premiere. Denn zum ersten Mal geht es nicht um Musik, sondern um Kunst. Nur wenige wussten, dass der Patent-Ochsner-Chef seit Jahren malt. Mehr noch: Malen, Komponieren und Texten versteht er als Einheit. Wir treffen uns im Landesmuseum in Zürich. Dort wo er Anfang Juni zum ersten Mal sein ganzes umfangreiches künstlerisches Schaffen zeigt.

Büne Huber, sind Sie ein Kunstexperte?

Büne Huber: Ich beschäftige mich schon lange mit Kunst. Ich kann Kunst einschätzen und in eine tiefere Ebene vordringen, aber als Kunstexperte würde ich mich trotzdem nicht bezeichnen. Wie ich mich nicht einmal Musikexperte nennen würde. Es gibt den Unterschied zwischen jenen, die Kunst beurteilen und in einen Kontext stellen, das sind die Experten, und jenen, die Kunst machen.

Sie sind bekannt als Musiker, Sänger und Sprachkünstler. Jetzt outen Sie sich auch als Maler. Was sind Sie?

Ich pflege keine Monokultur, ich pflege die Vielfelderwirtschaft. Ich beackere die Felder mit jenen Möglichkeiten, die ich habe. Ein Experte fokussiert sich und das passiert bei mir eben nicht. Wenn ich arbeite, versuche ich, mir nicht allzu viel Gedanken zu machen. Die Reflexion kommt erst danach.

Wie sind Sie kreativ? Wie arbeiten Sie?

Ich bin gleichzeitig am Komponieren, Texten und Malen. Sprache, Musik und Malerei sprechen unterschiedlich Regionen meiner Seele an. Das heisst: Zur Musik, zu Songs finde ich andere Zugänge, wenn ich dazu male. Oder wenn ich rede, finde ich andere Zugänge zu meinen Bildern. Ich versuche, die Räume zu öffnen. Je weiter das Feld ist, desto inspirierender das Ergebnis.

Büne Huber ist Musiker und Frontmann der Band Patent Ochsner, einer Schweizer Mundart Musikgruppe. Büne Huber hat bald eine Ausstellung im Landesmuseum Zürich.

Büne Huber

Büne Huber ist Musiker und Frontmann der Band Patent Ochsner, einer Schweizer Mundart Musikgruppe. Büne Huber hat bald eine Ausstellung im Landesmuseum Zürich.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Ich habe ein Atelier und da steht eine Staffelei, eine Leinwand, ein Klavier, eine Gitarre, ein Computer, eine Schreibmaschine und ein Tisch. Und da ist einer wie ein Furz im Wasserglas. Das bin ich. Da kann ich eine Stunde malen und dabei an einer Songskizze rumstudieren. Plötzlich habe ich einen Plan, eine Idee, ein Geistesblitz, ich setze mich an den Tisch und schreibe oder wechsle ans Klavier. So geht das die ganze Zeit, so bewegt sich meine Kunst. Das sind die besten Momente. Wenn sich diese Gleichzeitigkeit nicht einstellt, wird der kreative Prozess schwieriger.

Dann gibt es zu jedem Ochsner-Song ein Bild von Büne Huber?

Ja genau. Das gibt es tatsächlich fast zu jedem Song. Aber nicht in jedem Bild ist die Thematik des Songs erkennbar. Es ist möglich, dass ein Song emotional in ein Bild einfliesst. Dieses Gefühl ist dann nicht sichtbar. Ich versuche, bei der Ausstellung im Landesmuseum, solche Bilder zu zeigen, die mit dem Musikprogramm am Konzert korrespondieren. Das Problem war aber, dass zu einem guten Song nicht immer ein gutes Bild entstanden ist. Wenn ich nicht zufrieden war, hab ich noch einmal eingegriffen und nachgebessert.

Was erwartet uns bei diesen als «unique moments» angekündigten Konzerten im Landesmuseum?

Die Bühne ist transparent, also es hat keine Wand hinter der Bühne. Der Zuschauer sieht den ganzen Hof im Landesmuseum. Wir haben dafür Wände aufgestellt, die mit meinen Bildern bespielt werden. Zum Teil bewegen sich die Bilder, es ist wirklich wunderschön. Gleichzeitig spielt auf der Bühne eine Band, die es so wohl nicht mehr geben wird.

Büne Huber ist Musiker und Frontmann der Band Patent Ochsner, einer Schweizer Mundart Musikgruppe. Büne Huber hat bald eine Ausstellung im Landesmuseum Zürich.

Büne Huber

Büne Huber ist Musiker und Frontmann der Band Patent Ochsner, einer Schweizer Mundart Musikgruppe. Büne Huber hat bald eine Ausstellung im Landesmuseum Zürich.

Aha.

Patent Ochsner verstärkt, mit einer fünfköpfigen Bläsersektion. Wir haben meine Songs zum Teil neu arrangiert. Es ist eine Retrospektive, in der wir auch Songs präsentieren, die man schon lange nicht mehr gehört hat.

Polo Hofer malt, Bob Dylan auch. David Bowie, Udo Lindenberg und Paul McCartney ebenfalls. Sogar Schock-Rocker Marilyn Manson. Und jetzt auch noch Büne Huber.

Hm… «Schlachtplatte», das erste Album mit dem Song «Bälpmoos» erschien vor 25 Jahren. Ich male aber nicht erst seit 25 Jahren, ich male schon viel länger. Und ich kann Ihnen versichern, wenn das mit der Musik nicht geklappt hätte, dann hätte ich es mit der Malerei versucht. Ich war in der glücklichen Situation, dass ich mit meiner Malerei nie hausieren gehen musste. Das hat mich in meinem malerischen Schaffen auch befreit. Mit der Zeit wurde es aber langsam peinlich, weil ich immer betonte, dass mein künstlerischer Prozess aus komponieren, schreiben und malen besteht und doch nur wenige wussten, wie die Bilder aussehen.

Welche Malerei hat Sie inspiriert? Ich sehe etwas von den jungen Wilden der 80er-Jahre, also den Punks der Kunst?

Ich habe mich im Laufe der Jahre von vielen Künstlern beeinflussen lassen. Es sind weniger die jungen Wilden. Etwas vom eindrücklichsten ist für mich der amerikanische Künstler Cy Twombly. Jean-Michel Basquiat hat mich schon in den 80er-Jahren fasziniert oder Robert Rauschenberg. In der Stifti wurde eine Dokumentation des Holländers Karel Appel gezeigt. Meine Metallbauschlosser-Kollegen fanden das alle schrecklich. Doch ich war von dieser wilden expressiven Kunst ergriffen. Appel sagte: «Ich male wie ein Barbar in dieser barbarischen Zeit». Das hat mich gepackt. Ein Schlüsselerlebnis. Ich versuchte danach, mich auf dieser Ebene auszudrücken.

Das, was ich von Ihnen gesehen habe, wirkt mir aus dem Bauch heraus.

Es ist wie freie Improvisation in der Musik. Du stehst vor der Leinwand und legst einfach los. Ich gehe bei meiner Arbeit spiralförmig vor, bin in einem Flow und bewege mich auf ein Zentrum zu. Das hat mit meiner Person zu tun. Ich bin nicht der Typ, der auf eine Reise geht und weiss, wo er landet. Deshalb liebe ich Strassenkreuzungen: Da hast du immer mindestens drei mögliche Wege. Deshalb pflege ich auch die Vielfelderwirtschaft.

Arbeiten Sie immer collagenartig?

In der Anfangsphase schon und im Kleinformatigen auch heute noch. Auf grossen Leinwänden kommt das weniger zur Geltung.

Ist das ein Abbild Ihres sprunghaften Schaffens?

Ich bin Treibgut und schwebe durchs Leben. Das ist das Spannendste an meinem Dasein. Gegenstände, die irgendwo herumliegen, inspirieren mich enorm. Sie ist auch ein Sinnbild des Lebens. Nehmen wir eine Meister-Proper-Flasche. In der Migros im Regal ist sie langweilig. Angeschwemmt am Meeresstrand ist sie gezeichnet von ihrer Reise, sie hat etwas erlebt und erzählt eine Geschichte. Das fasziniert mich.

Dann sind Sie auch ein Sammler?

Schon auch Sammler. Aber von meinem Naturell her bin ich eher jemand, der sich von Sachen trennt, von Ballast befreit.

Was sind denn Ihre Motive?

Ich habe eigentlich nur vier Themen: Familie, Heimat, resp. Heimatlosigkeit und Fernweh, dann das ewige Thema Liebe sowie Verweigerung. Eigentlich ist es ja beschämend, denn ich variiere diese Themen nun seit 25 Jahren. Nun habe ich aber von Kunsthistorikern gehört, dass die meisten Künstler nur gerade drei Themen in ihrem Werk haben. Da kann ich mit meinen vier Themen doch zufrieden sein.

Büne Huber ist Musiker und Frontmann der Band Patent Ochsner, einer Schweizer Mundart Musikgruppe. Büne Huber hat bald eine Ausstellung im Landesmuseum Zürich.

Büne Huber

Büne Huber ist Musiker und Frontmann der Band Patent Ochsner, einer Schweizer Mundart Musikgruppe. Büne Huber hat bald eine Ausstellung im Landesmuseum Zürich.

In Ihrer Malerei sehe ich düstere, negative Motive, wohingegen Ihre Musik ja eher positiv und lebensbejahend ist. Stimmt mein Eindruck?

Sie haben noch zu wenig gesehen. Ich spiele gern mit Brüchen. Viele Motive sind bei mir humoristisch gebrochen. In der Schönheit ist der Untergang schon enthalten, in der blühenden Jugend der Tod schon sichtbar. Der Gegenpol soll sich spiegeln, das ist interessant. Ohne Aufblühen gibt es kein Verderben.

Sie zeigen Ihre Malerei hier zum ersten Mal umfassend. Haben Sie keinen Bammel vor den kritischen Augen der Kunst-Rezensenten?

Lieber Herr Künzli (in anschwellender Lautstärke), als Musiker lebe ich doch seit mehr als 25 Jahren mit der Situation, dass ich von irgendwelchen Journalisten in die Pfanne gehauen werden kann. Mir ist es so oft passiert, dass ich über alle Massen gelobt oder verrissen wurde. Das ist ein Teil meines Daseins. Natürlich, manchmal trifft mich negative Kritik. Aber bitte sehr, so läuft es doch einfach, es ist Teil des Spiels. Wir Musiker kritisieren die Journalisten ja auch, sogar oft und laut. Legendär ist die Aussage von Polo Hofer: «Journalisten sind Eunuchen. Sie wissen zwar, wie es geht, aber können es selbst nicht» (lacht).

Sie sind mit über 50 Jahren noch einmal Vater geworden. Wie stark haben Ihre kleinen Kinder Ihr Leben auf den Kopf gestellt?

Sehr stark (lacht), aber das wollte ich ja gerade. Die Kinder waren kein Unfall, sie waren geplant. Weil ich schon eine 20-jährige Tochter habe, wusste ich, wie intensiv das Leben mit Kleinkindern ist. Ausgehen liegt momentan kaum drin und die Hockey-Saison habe ich auch verpasst. Aber das macht nichts, denn ich kriege von den beiden so viel zurück (strahlt). Meine Tage sind hell, wenn die beiden Knirpse da sind. Wir lachen die ganze Zeit. Wir haben unglaublich viel Spass.

Wie gehts nach den «unique moments» weiter?

«Unique moments» wird vom Schweizer Fernsehen aufgenommen und vielleicht gibt es eine DVD. Danach muss ich erst mal Pause machen und den Kopf leeren.

Sie haben vor einem Jahr angedeutet, dass etwas Neues kommen soll. Geht es mit oder ohne Patent Ochsner weiter?

Natürlich mit meiner Band. Patent Ochsner habe ich nie infrage gestellt. Ich habe momentan zwölf neue Songskizzen, nicht mehr. Wohin die Reise genau geht, weiss ich aber noch nicht. wie gesagt: Ich lasse mich treiben, ich bin Treibgut.

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