Interview

Patti Basler in Corona-Zeiten: «Meine Agenda ist im Abfall gelandet»

Künstler sollten nicht von der Hand in den Mund leben müssen – vor allem nicht in Zeiten von Corona. Findet Patti Basler.

Künstler sollten nicht von der Hand in den Mund leben müssen – vor allem nicht in Zeiten von Corona. Findet Patti Basler.

Die Satirikerin Patti Basler über das neue bühnenlose Dasein und die Nöte ihrer Künstlerkollegen in Zeiten der Corona-Krise. Mit ihrem Kollegen Philippe Kuhn produziert sie unter dem Schlagwort Apolcalypso TV Videos, welche für den Umgang mit Corona sensibilisieren sollen.

Die Frage sei nicht, wer den ersten Corona-Witz gemacht habe, wie das Dominic Deville via Twitter herausfinden wollte, sondern wer den letzten machen wird, findet Patti Basler. Arbeitslos ist die Kabarettistin durch die Corona-Krise nicht geworden. Im Gespräch verrät sie, warum sie es gut findet, dass Vertreter der Finanzbranche jetzt auch mal Kinder hüten müssen.

Patti Basler, Ihre Bühnenkollegin Hazel Brugger bot letzte Woche in einem Tweet an, Kinder zu hüten, weil ihr wegen des Corona-Virus die Arbeit ausgegangen ist. Eine Option für Sie?

Patti Basler: Als ehemalige Lehrerin habe ich mich bereit erklärt, meine zwei Nachbarskinder zu beschulen. Die sitzen jetzt in meinem Atelier, schön mit zwei Meter Abstand zu mir entfernt. Ich gebe ihnen Hausunterricht, auch Hauswirtschaftslehre. Sie müssen jetzt nicht gerade mein Atelier putzen, aber mit so einem Staubsauger in der Hand kommt man sich auch nicht so nah. Nie war es einfacher, Kinderarbeit zu rechtfertigen als im Moment. Und sie lernen auch noch was dabei!

Kann man Hazel Brugger die eigenen Kinder anvertrauen?

Auf jeden Fall! Hazel Brugger ist eine erfahrene Babysitterin. Sie hat schon auf etliche Kinder von Slampoeten aufgepasst und ist Gotte des einen oder anderen Slampoeten-Nachwuchses.

Haben auch Sie ein grosses Loch in der Agenda?

Meine Agenda ist im Abfall gelandet. Es wird in den nächsten Monaten keine Bühnenkunst im traditionellen Sinn mehr geben. Das ist auch gut so. Oberste Priorität hat jetzt das Verlangsamen der Ansteckung, um das Gesundheitswesen nicht zu überlasten. Alle sollten sich an die Behördenanweisungen halten.

Wie sieht ihr Arbeitsalltag aus?

Es wird mir nicht langweilig! Ich erledige Schreibaufträge, erarbeite Konzepte, mache administrative Arbeiten und dichte. Abends treffe ich mich mit Bühnenpartner Philippe Kuhn. Wir haben sein Tonstudio in ein Filmstudio umgebaut und nehmen kleine Filme auf. Apocalypso TV nennen wir das. Wir wollen mit diesen kleinen Filmen auf Facebook und Youtube unterhaltsam über das Corona-Virus aufklären und den Menschen mit Galgenhumor begegnen. Mit den Worten des österreichischen Aphoristikers Alfred Polgar gesprochen: «Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.»

Im Internet gibt es Spendenaufrufe für Kleinkünstler und Musiker in existenzieller Notlage. Wie zeigt sich die Solidarität in der Szene?

Die Solidarität ist gross, und das ist gut so. Ich selbst befinde mich in einer privilegierten Situation und will nicht jammern. Aber auch ich habe grosse Verdienstausfälle, die ich mit keinem Unterstützungsbeitrag je wieder reinholen werde. Die grosse Mehrheit von Künstlern lebt aber tatsächlich von der Hand in den Mund, und das, so wissen wir spätestens, seit die Virologen mit ihren Statements viral gehen, ist momentan recht gefährlich. Diese selbstständig erwerbenden Künstler können nicht einfach so Kurzarbeit beantragen. Das sollte man nicht vergessen.

Der Bund hat die Anliegen der kulturellen Interessenverbände letzte Woche in einer Anhörung entgegengenommen. Was wäre für Sie die Mindestforderung?

Die Künstler müssten ein bedingungsloses Minimaleinkommen erhalten, das genauso gross ist wie das, welches sie mit ihren Gagen erwirtschaftet hätten. Ich habe mich noch nicht gross damit beschäftigt. Ich sehe meine Aufgabe momentan darin, dass ich mit Hilfe meiner Reichweite die Menschen darüber aufkläre, dass sie zu Hause bleiben sollen, damit unser Gesundheitssystem nicht zusammenbricht.

Ihr Bühnenkollege Philippe Kuhn ist Musiker. Sind die leicht im Vorteil? Immerhin können die Alben veröffentlichen und werden noch im Radio gespielt.

Im Fall von Philippe Kuhn trifft das überhaupt nicht zu, denn der wäre fast jeden Abend mit mir unterwegs gewesen. Aber auch generell glaube ich nicht daran. Musiker müssen in Zeiten von Streaming-Plattformen vor allem über Live-Auftritte Geld machen. Mit Albenverkäufen verdienst du kein Geld mehr. Es geht uns allen derzeit sehr ähnlich. Die Monate vor dem Sommer wären für uns die Hauptverdienstzeit. Dieses Virus hat für uns Bühnenkünstler ein mieses Timing gehabt. Das hätte so anfangs Juni kommen sollen, wo niemand mehr ins Theater geht und wir normalerweise unsere Kreativpause haben.

Nichtsdestotrotz gibt es auch viel Kreativität, die gerade freigesetzt wird. Was für alternative Verbreitungswege haben Sie und Ihre Kollegen gefunden?

Ich bin nach wie vor sehr klassisch unterwegs mit Instagram, Facebook und Twitter. Aber ich könnte mir schon vorstellen, es auch mal mit einem Podcast zu versuchen.

Auf Twitter hat Dominic Deville eine Diskussion darüber entfacht, wer in der Schweiz den ersten Corona-Witz gemacht hat. Warum ist das so wichtig?

Ich meinte dazu, ich fände das völlig daneben, dass man in solch schweren Zeiten den ersten Corona-Witz sucht. Wenn schon, dann den besten - beim ersten wäre ich chancenlos gewesen, ich habe das Thema zu spät bewirtschaftet. Viel interessanter wäre allerdings zu sehen, wer den allerletzten Corona-Witz machen wird. Ich hoffe natürlich, dass wir auch auf dem Sterbebett, wenn wir den letzten Virusschleim bronchial raushusten, den auch noch mit einer Pointe versehen können. Das halte ich für sehr wichtig.

Humor in Zeiten von Corona ist eine Gratwanderung: Die einen finden, das gehe gar nicht. Die anderen machen Witze über Klopapier-Hamsterer. Welche Aufgaben können Kabarettisten jetzt übernehmen?

Ich glaube, dass es wichtig ist, dass man zwischendurch auch mal wieder sagt: Leute, es gibt keinen Grund zur Panik und für den grössten Teil der Bevölkerung besteht keine Gefahr. Andererseits versuche ich, das mit der exponentiellen Wachstumskurve der Ansteckung anschaulich und humorvoll zu vermitteln – eigentlich Schulwissen, das aber offenbar viele verdrängt haben.

Sie kehren zu Zwecken der Volkserziehung wieder in Ihre Lehrerinnenrolle zurück?

Ich finde, man kann am Beispiel des Corona-Virus den Kindern allerhand Dinge über unsere Welt vermitteln. Wer mit seinen eigenen oder mit fremden Kindern zu Hause vor dem Fernseher sitzt, kann ihnen endlich mal erklären, wer dieser Mann mit der Glatze eigentlich ist, der da ständig lauter ernste Dinge erzählt (Bundesrat Alain Beset). Die Kinder können statt Fangis Infektionitis spielen. Wer es einmal hatte, muss nicht absitzen, sondern in Quarantäne. Man kann da wunderbare neue Spielkonzepte entwickeln.

Haben Sie Tipps für Ihre ehemaligen Arbeitskollegen, die Lehrer, die nun quasi arbeitslos sind?

Es kursiert unter Lehrern dieser schöne Spruch: «Schule ohne Schüler ist das Schönste». Und der wird jetzt endlich mal Realität. Ich finde: Chilled de Läbe! Geniesst es, seid froh, ihr könnt weiterhin arbeiten und kriegt dafür Lohn im Gegensatz zu mir, und habt die Kinder nicht um euch herum.

Jetzt haben dafür andere Berufsgruppen die Kinder nun am Hals. Was macht das mit uns?

Ich kenne in meinem Umfeld viele Familien, in denen der Mann Banker und die Frau Krankenpflegerin ist. Die Frau ist ganz selbstverständlich für die Kinderbetreuung zuständig. Da Krankenpfleger im Gesundheitsbereich gerade dringend gebraucht werden, ist mein dringendster Aufruf deshalb an die Finanzwirtschaft: Schickt die Leute bitte heim. Die Corona-Krise ist eine riesige Chance für Väter, auch mal zu lernen, Homeoffice und Kinderbetreuung unter einen Hut zu kriegen.

Autor

Julia Stephan

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